Dr. Sun Yat-sen

Von wegen nur eine Liebesgeschichte

Eine komplette Oper in der Landessprache und mit chinesischen Instrumenten, das hat es bisher noch nicht gegeben. Foto: Oper Hong Kong

In Hong Kong wurde die erste zeitgenössischen Oper Chinas auf chinesisch und mit chinesischem Instrumentarium uraufgeführt: "Dr. Sun Yat-sen" von Huang Ruo – eine Oper mit aktuellem politischen Bezug

(Hong Kong, 13. Oktober 2011) Eine Party. Auf den ersten Blick jedenfalls. Es soll, so heisst es offiziell, Geld gesammelt werden. Für einen sozialen Zweck. Doch die anwesenden Damen und Herren der guten Gesellschaft Shanghais, die sich im Hause des Unternehmers Charlie Soong versammelt haben, wollen in Wirklichkeit einen Revolutionär sponsern, dessen Ziel ein demokratisches und gerechtes China ist.
Dieser Revolutionär ist Doktor Sun Yat-Sen, ein Mediziner, der seinen Beruf aufgegeben hat, um das autokratische Regime der letzten chinesischen Dynastie zu stürzen.
Dr. Sun Yat-Sen verliebt sich in Soong Chingling, die junge Tochter des Gastgebers. Eine Beziehung, die dieser gar nicht gern sieht, ist sein revolutionärer Freund doch bereits verheiratet. Yat-Sen, auf den der Kaiser ein Kopfgeld ausgesetzt hat, flieht nach Japan. Dort heiratet er schliesslich Soong Chingling, was zum endgültigen Bruch mit seinem Gönner und Freund Charlie Soong führt.
 
Eine zeitgenössische chinesische Oper von Huang Ruo. Gesungen auf chinesisch, gespielt vom Hong Kong China Orchestra, dessen 66 Musiker traditionelle Instrumente aus dem Reich der Mitte benutzen. Nicht nur eine Uraufführung, sondern auch eine absolute Neuheit, denn Chinas zeitgenössische Komponisten nutzen fast ausschliesslich westliche Instrumente.  
Der Einfluss der alten chinesischen Musik, die sich im Laufe der Jahrhunderte nur wenig verändert hat und im wesentlichen, und somit ganz anders als in Europa, immer gleich geblieben ist, wird vor allem in den gesangsfreien Momenten der Oper deutlich. Es sind diese Momente, die an die tradierte chinesische Oper erinnern, deren Musik für unsere Ohren fast schon atonal-zeitgenössisch wirkt.
 
Huang Ruo vermischt die chinesische Musiktradition jedoch auch mit Einflüssen aus den USA, seiner Wahlheimat, zum Beispiel von John Adams und Terry Riley.
"Dr Sun Yat-sen" ist ein Auftragswerk von Warren Mok. Der bekannte chinesische Tenor, er singt auch die Titelrolle in dem Werk, ist nicht nur Direktor des Musikfestivals im benachbarten Macao, sondern auch Direktor der Oper von Hong Kong. Mok gab das Thema der neuen Oper vor, denn ihn fasziniert die Figur des Revolutionärs Sun Yat-sen, dem es 1911 gelang, die letzte Kaiserdynastie zu stürzen. Offizieller Anlass des Auftragswerks war also das 100jährige Jubiläum dieser chinesischen Revolution.

"Jeder in China kennt die politische Geschichte des Revolutionärs Sun Yat-sen", erklärt Warren Mok, "aber über sein Privatleben und diese Liebesgeschichte weiss man nur wenig". Die Oper ist freilich auch heute noch hoch politisch, auch Warren Mok offiziell nur von einer "Liebesgeschichte vor revolutionärem Hintergrund" spricht.
 
Das wird man sich auch in Peking gedacht haben. Dort hätte eigentlich die Uraufführung stattfinden sollen, die dann aber abgesagt wurde. Offiziell war von logistischen Problemen die Rede.
Sun Yat-sen ist nicht nur irgendein Vorläufer von Mao Tse Tung, sondern vielmehr sein Gegenpart. Er strebte nie eine kommunistische Diktatur an, sondern eine chinesische Demokratie – wie sie viele Jahre nach seinem Tod in Taiwan entstand. So erklärt es sich auch, dass die Regierungen in Taiwan und Peking der Figur dieses Revolutionärs zum 100jährigen Revolutionsjubiläums recht unterschiedlich gedenken.
 
Der Umstand, dass die ehemalige britische Kronkolonie Hong Kong innerhalb Chinas einen nicht nur wirtschaftlichen sondern auch politischen Sonderstatus geniesst, und Warren Mok beste Kontakte zu den lokalen Politikern pflegt, macht es verständlich, dass diese Oper in Hong Kong uraufgeführt werden konnte – und durfte.
Wie politisch geladen das Libretto der jungen chinesischen Theaterautorin Candace Chong ist, bewiesen bei der Premiere die Reaktionen des Publikums. Immer wenn von Freiheit, von einem demokratischen China, von einer gewählten Regierung und gleichen Rechten für alle die Rede war, wurde laut applaudiert. Diese Reaktionen machen deutlich, dass China eine weitere und wesentliche Revolution wohl noch bevorsteht, die den Weg für ein wahrhaft demokratisches Regierungssystem frei macht.
 
Vor diesem politischen Hintergrund präsentiert Huang Ruo eine Art musikalische Revolution: Seine Musik überwindet das Starre der traditionellen chinesischen Oper. Sie beweist, dass eine zeitgenössische chinesische Musik existiert, die nicht einfach nur westliche Vorbilder à la Stockhausen, Henze & Co. imitiert. Ruo verbindet Elemente der europäischen und amerikanischen mit der chinesischen Musik und schafft auf diese Weise einen ganz neuen, eigenständigen Klang, der sich nur schwer einordnen läßt.

Thomas Migge

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