Doppelabend Weinberg/Korngold

Foto: Annemone Taake

Küchendrama und Hollywoodglück

Das Theater Heidelberg kombiniert die Scholem Alejchem-Komödie „Mazel Tov“, die Mieczysław Weinberg vertont hat, mit „Der Ring des Polykrates“, den das 17-jährige Wunderkind Erich Wolfgang Korngold 1914 komponierte. Jedes Werk ist für sich schon ein Geniestreich.

Von Bernd Feuchtner

(Heidelberg, 28. Mai 2017) Eben hat der Traumtenor noch übermütig sein Glück hinaustrompetet und sein Hollywood-Frauchen in den Himmel gelobt, da trübt sich plötzlich das Licht ein und im ersten Stock taucht ein einarmiger Pianist auf, der mit der Linken eine weit weniger euphorische Musik spielt. Auf der Treppe erscheint der jüdische Geiger aus dem ersten Stück, nur mit Clownsnase statt Schnapsnase. Und auch die anderen Figuren aus „Wir gratulieren!“ stehen plötzlich wie Gespenster mit Frack und Geige vor der Terrasse der Villa. Der Retro-Spuck vergeht nach wenigen Minuten und die Komödie geht weiter. Was hat das zu bedeuten?

Scholem Alejchem, der später in den USA mit dem Milchmann Tewje („Anatevka“) einen so nachhaltigen Erfolg haben sollte, schrieb 1899 die jiddische Komödie „Mazel Tov“. Als sie 1921 in Moskau zum ersten Mal gespielt wurde, hatte die Oktoberrevolution die jüdische Kultur für eine kurze Frist befreit und nicht nur Russland verändert. Der Wiener Komponist Erich Wolfgang Korngold war zu diesem Zeitpunkt schon ein gemachter Mann: Seine Jugendopern „Der Ring des Polykrates“ und „Violanta“ hatte Bruno Walter mitten im Krieg in München uraufgeführt und 1920 hatte „Die tote Stadt“ seinen Ruhm auch international verbreitet. Doch nach dem Anschluss Österreichs führte für den Juden Korngold aus Hollywood kein Weg zurück nach Europa. Anknüpfungspunkte gab es also zwischen beiden Stücken – aber auch Trennendes: der alte Weinberg schrieb seine Oper „Wir gratulieren“ 1975 als wehmütige Erinnerung, während der junge Korngold 1914 voller Übermut war.

Regisseurin Yona Kim greift in Heidelberg die Biografien Alejchems und Korngolds auf, indem sie beide Stücke im gleichen Haus (Bühne und Kostüme Margrit Flagner) spielen lässt. Zuerst steht es im vorrevolutionären Russland, dann im Hollywood der 1930er Jahre. Das verschachtelte Haus ist eine Projektionsfläche nicht nur im übertragenen Sinn: Bilder von Chagall, russischer Folklore und Agitprop begleiten Weinberg, Filmplakate und alte Fotos von L.A. schaffen bei Korngold Illusionsatmosphäre. Die soziale Ebene spielt in beiden Stücken eine Rolle: bei Korngold spiegelt sich der Konflikt des hohen Paares, nur etwas dämlicher, im Dienerpaar, während Weinberg „Downton Abbey“ vorwegnimmt und überhaupt nur unter den Dienstboten in der Küche spielt.

Die Köchin Bejlja suhlt sich hühnerrupfend etwas zu sehr im Selbstmitleid, während ihre Madame es sich auf der Terrasse gutgehen lässt. Mit ihrer Arie gibt die Mezzosopranistin Elisabeth Auerbach wunderbar melancholisch die Stimmung vor für die Weinberg-Komödie: Nach „Die Passagierin“ und „Der Idiot“ wird in Deutschland endlich auch die einzige lustige Oper des jüdischen Polen aufgeführt, der in der Sowjetunion Asyl fand und Schostakowitschs Freund wurde. Es ist auch kein Zufall, dass er mit der Komposition nach dem Tod seines Freundes begann, denn der hatte eine Leidenschaft für jüdische Musik, weil sie zeigte, wie unterdrückte Minderheiten ihre Würde wahren. Und damit ist sie tatsächlich auch Chagalls gemalten Traumwelten nicht fern.

Und Träumer sind sie alle, die jüdischen Dienstboten im Souterrain. Die beiden Frauen träumen von einem Mann – aber würden das niemals zugeben. Sopranistin Gloria Rehm zwitschert das zarte Täubchen, das zielstrebig seinem Verehrer Chaim (Ipča Ramanović mit draufgängerischem Bariton) einheizt, bis der ihr endlich den Heiratsantrag macht. Aber auch Bejlja hat ihren Verehrer, der sie in der Küche besucht, den fliegenden Buchhändler Reb Alter. In Heidelberg tritt er aus dem Schrank heraus, einem Zauberkasten, der neben Chaim auch noch eine Ladung revolutionärer Bücher hervorbringen wird (dies eine Zutat der Regie). Als Bejlja scheinbar aus Versehen ihr Kapital von 200 Rubeln erwähnt, gerät Reb in Fahrt und wittert Geschäftsmöglichkeiten – Tenor Winfrid Mikus hat für die kauzigen Seiten des Hausierers ebenso die richtigen Töne wie für die leidenschaftlichen. Auch diese Verbindung wird, nicht zuletzt dank ausgiebigen Wodkagenusses, ihr glückliches Ende finden: Wir gratulieren!

Bei Alejchem/Weinberg ist von revolutionärem Elan freilich nichts zu spüren, und Weinbergs schweres Schicksal legte Liebe zum Kommunismus auch nicht nahe. „Wir gratulieren“ ist ein wehmütiger Rückblick auf die untergegangene jiddische Kultur, andererseits aber auch der Versuch, sie erneut zu etablieren. Weinbergs Musiksprache hätte das vermocht, die offizielle Kulturpolitik ließ es aber nicht zu. Das verleiht dem Stück eine ganz besondere Stimmung: als seien den lustigen Klängen die Flügel gestutzt.

Ganz anders bei „Der Ring des Polykrates“: Mit virtuosem Feuer wird aus einem dramatischen Nichts (der Glückspilz folgt dem Rat des Pechvogels, à la Schillers Gedicht die Liebe durch ein Opfer aufs Spiel zu setzen) Gold geschlagen. Bei näherem Hinsehen erweist sich dieses allerdings als Katzengold, denn der Plot ist ungefähr so tiefsinnig wie „Susannens Geheimnis“ von Busoni oder „Von heute auf morgen“ von Schönberg – ernsthafte Leute hatten damals offenbar keinen Humor. Aber wenn Irina Simmes, die schon als keifende Madame in „Wir gratulieren“ die Kraft ihrer Stimme hatte spüren lassen, den Glamour einer Diva verströmt und Alexander Geller mit blendendem Aussehen und strahlendem Tenor den Stardirigenten gibt, dann glaubt man gerne an das maßlose Glück der Beiden.

Ipča Ramanović beeindruckt auch als der Pechvogel, der sich im Gegensatz zu seinem Studienfreund nicht vorm Krieg hatte drücken können (aber das ist wieder ein Zusatz der Regie), und nach dem Vorbild Paul Wittgensteins nun als einarmiger Pianist weitermachen muss – tatsächlich hatte Korngold in Wittgensteins Auftrag ein Klavierkonzert für die linke Hand geschrieben, aus dem der Pianist Stanislav Novitsky die Intermezzi spielt (auch sie eine Zutat der Regie). Tatsächlich hätte sonst die Gefahr bestanden, dass nach „Wir gratulieren“, bei dem die Vorlage wie die Komposition aus echter Lebensnot entstanden sind, „Der Ring des Polykrates“ als Luxusproblem verantwortungsloser Künstler wirkt.

Yona Kim hat für jedes der beiden Stücke überzeugende szenische Lösungen gefunden und die Charaktere wunderbar lebendig werden lassen. Die Verknüpfung nimmt allerdings jedem Stück ein wesentliches Element. Und mit dreieinviertel Stunden Dauer wird dieser Komödienabend dann doch recht anstrengend. Das Heidelberger Publikum hat sich davon nicht entmutigen lassen, sondern begeisterten Beifall gespendet. Das lag natürlich auch an dem neuen jungen Kapellmeister Olivier Pols, der für jedes der beiden Stücke einen eigenen Ton gefunden und das Philharmonische Orchester auf den Geschmack gebracht hat. Dass er bei Korngold mehr in seinem Element ist als bei Weinberg, ist verzeihlich. Weinbergs Musiksprache ist uns noch nicht so vertraut. Deshalb wäre es auch komödiengemäßer gewesen, sie auf Deutsch statt auf Russisch zu singen. Vor allem aber wollen wir jetzt auch seine Sinfonien im Konzert erleben.


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