Donizettis Maria Stuarda in Wien

Zwei Königinnen auf der Drehscheibe

Donizettis „Maria Stuarda“ am Theater an der Wien in einer Neuinszenierung von Christof Loy

Von Derek Weber

(Wien, 19. Januar 2018) Von wegen, zum Belcanto reiche es, schön zu singen! Die neue Produktion von Gaetano Donizettis 1835 uraufgeführter „Maria Stuarda“, die am 19. Januar am Theater an der Wien Premiere hatte, legt das Gewicht auf die emotionale Fein- und Durchzeichnung der Charaktere. Bis in kleinste Details werden die Fäden nachverfolgt, im Besonderen natürlich die Auseinandersetzung zwischen der die strenge Königinnenform bewahren wollenden Elisabeth von England und der von ihr gefangen gehaltenen schottischen Königin Maria Stuart.

Das Aufeinandertreffen der zwei Königinnen ist ein reizvolles dramatisches Sujet, das schon Friedrich Schiller gefangen nahm – sein Drama bildet die Grundlage der Oper. Es hat in Wirklichkeit nie stattgefunden. Aber es ist die Grundlage für die vielen virtuosen Koloraturen der Oper, wenn man diese als Ausdrucksformen emotionaler Spannungszustände auffasst.
Regisseur (Christof Loy) hat es verstanden, die Handlung ganz auf den Konflikt zwischen Elisabeth und Mary zu konzentrieren. Alles andere kommt nur am Rande vor. Selbst dass Maria Stuart seit Jahren als Gefangene am englischen Hof festgehalten und erniedrigt wird, erscheint dabei fast als Nebensache. Abgehandelt wird die Auseinandersetzung zwischen zwei Frauen um gesellschaftliche und persönliche Macht, um die Liebesmacht über die Person des Grafen von Leicester.

Worum es gehen wird, wird schon im Anfangsbild statuiert: Es zeigt eine weiträumige, leergeräumte Stierkampf- oder dem römischen Zeitalter entsprungene Gladiatorenarena, (die aber unglücklicherweise ein kalkuliert-kippendes Eigenleben entfaltet, was immer wieder zu Sichtbehinderungen führt).

Auf der Kippe bleibt in Christof Loys Version auch die Handlung: Bis zur Pause spielt sie in historischer Zeit; danach wird in die Gegenwart gewechselt, bis zum Schluss einmal mehr die vermaledeite Henkersaxt auftauchen darf – freilich nur geschwungen und durch einen Blackout am Niedersausen gehindert. Da muss man sich schon fragen: Was bringt´s, verglichen mit dem stimmigen und spannend geschnürten ersten Akt, der auch die Gesten in ein historisches Ambiente rückt? Das ist aus einem Guss: Da sind wir heute in der „historischen“ Interpretation ein gutes Stück weiter als bei den gezierten, leeren und gespreizten Gesten der alten Schule.
Wenn die Königinnen dann nach der Pause im Business-Outfit auftreten und „heutige“ Bewegungen mimen, sinkt die Spannungskurve beim Zusehen rasch ab. Das hat sich als Idee wohl überzeugender ausgenommen als in der Umsetzung auf der Bühne.

Fotos: Monika Rittershaus

Was ist schon Belcanto?

Ob belkantesk gesungen wurde, bleibe dahingestellt. Sowohl die phänomenale Marlis Petersen als Maria Stuarda, als auch Alexandra Deshorties als ihre Gegenspielerin Elisabetta überzeugten durch ihren dramatischen Einsatz und die emotionale Zuspitzung ihrer Stimmen. Da sind wir schon zur Lady Macbeth unterwegs. Ihre männlichen Mit- und Gegenspieler schlugen sich hingegen bloß wacker, ohne dass sich Tiefschürferendes über sie sagen ließe. Sie haben in dieser Oper gewiss nicht das große Singen. Der Arnold Schoenberg Chor entledigte sich seiner Aufgabe souverän und mit geradezu britischer Coolness. Auch Paolo Arrivabeni, ein ausgewiesener Belcanto-Dirigent, lag ganz auf dieser etwas unverbindlichen Linie. Aber vielleicht trifft ja genau dies das Wesen der Belcanto-Begleitmusik: Dass sie sich der Virtuosität der Stimmen unterordnet, sie nicht „stört“, und kein quasi-wagnerisches Eigenleben entfaltet.

Das bringt uns auch der Frage näher, warum Donizettis Oper es von Anfang an schwer hatte, sich an den italienischen Bühnen zu etablieren. Es wird wohl auch damit zu tun gehabt haben, dass das belcanto-verwöhnte Publikum sich an Elementen in der Musik störte, die in die Zukunft, auf Bellini und den jungen Verdi vorausweisen. Gar nicht zu reden von so kruden Dingen wie der Enthauptung einer Königin, was im reaktionären Milieu des europäischen Vormärz als besonders ungehörig empfunden werden musste.

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