Donizettis Maria Stuarda als szenische Münchner Erstaufführung

Gift in die Ohren träufeln

Die szenische Münchner Erstaufführung von Donizettis „Maria Stuarda“ wird im Gärtnerplatz-Theater zum Triumph für Sänger, Orchester und Regieteam

Von Klaus Kalchschmid

(München, 22. März 2018) Maria Stuart, einstige Königin von Schottland, und Elisabeth I., Königin von England, bei der sie Zuflucht suchte, jedoch als Rivalin um den Thron eingesperrt wurde, sind sich nie begegnet, so wie Schiller das als Kernszene seines Dramas beschrieben hat und es später Gaetano Donizetti grandios vertonte. Wenn nun im Gärtnerplatztheater Nadja Stefanoff als Elisabetta und Jennifer O’Loughlin als Stuarda in der szenischen Münchner Erstaufführung (1979 gab es am Nationaltheater nur eine konzertante Aufführung) am Ende des ersten Akts aufeinander treffen, dann ist die Anspannung auf beiden Seiten und im Publikum enorm: Die Eine hört mit dramatischem Sopran, der feines, scharfes Metall enthalten kann, nicht auf zu demütigen, zu reizen und vokales Gift zu verspritzen; die Andere – eher lyrischer Sopran mit präzisen Koloraturen und herrlich leichten Spitzentönen – versucht, zurückhaltend zu bleiben, fällt sogar – höchst widerwillig – vor der Regentin auf die Knie, um dann jedoch, zutiefst beleidigt, hasserfüllt zurückzuschlagen und damit endgültig ihren Kopf zu verwirken. Das machen die beiden Sängerinnen in prächtigen Renaissance-Kostümen, die freilich in den Stoffen und Mustern auch moderneren Zuschnitts sind, einfach großartig – in jeder Haltung, Geste und Drehung des Kopfes, mit jedem Zucken der Augenwinkel oder der Hand.

Michael Sturminger sowie – weil er zeitgleich bei den Salzburger Osterfestspielen „Tosca“ inszeniert – seine Co-Regisseurin Ricarda Regina Ludigkeit charakterisieren in einer variablen, raffinierten Glaskonstruktion auf der Drehbühne, die mit verschiedenen zarten Schraffuren beleuchtbar ist (Bühne und Kostüme: Andreas Donhauser, Renate Martin), auch die jeweiligen Satelliten ganz präzise: Neben Elisabeth ist dies Lord Guglielmo Cecil, ihr Schatzmeister. Er wird verkörpert von Matja Meić, der mit seinem mächtigen Bassbariton und einer nicht minder beeindruckenden Physis permanent böses Blut schürt und Gift in die Ohren Elisabeths träufelt. Maria zur Seite steht ihre Amme Anna Kennedy (fragil und doch eine große Stütze: Elaine Ortiz Arandes) und Giorgio Talbot, Graf von Shrewsbury, der bei Levente Páll mit energisch vibrierendem Bass durchaus furchteinflößend agiert.

Und dann ist da natürlich Roberto, Graf von Leicester, der zwischen beiden Frauen steht: begehrt und benutzt von Elisabeth, selbst jedoch Maria leidenschaftlich ergeben: Lucian Krasznec vermag seine anspruchsvolle Partie nicht nur mit vielen Farben und perfekt – bis hin zum leuchtenden hohen Des – zu singen, er phrasiert und gestaltet auch mit enorm differenzierter, feiner Charakterisierungskunst. Damit ist er genau der schillernde junge Mann, als den ihn Text und Musik zeichnen und nicht zuletzt in den jeweiligen Duetten zeigt er sich damit der Leistung von Stefanoff und O’Loughlin als in jeder Hinsicht ebenbürtig. Maria bekommt mit der großen Kerkerszene, in der sich ihr Verlies effektvoll aus der Unterbühne herausdreht, einen famosen letzten Auftritt. Bereits fast wahnsinnig geworden, beruhigt sie die umfassende Beichte, bevor sie am Ende hoch erhobenen Hauptes zum Schafott geht, während man im Hintergrund Elisabeth erahnen kann.

Nach anfänglich heikler Balance schwor Anthony Bramall das exzellent disponierte Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz auf einen wunderbar biegsam flexiblen Ton ein, der großen Zug besaß, aber auch im Detail Schärfe und dramatische Durchschlagskraft. Ein großer Abend also für das ganze Haus sowie für Chor und Extrachor des Gärtnerplatztheaters (Einstudierung: Felix Meybier), die man so differenziert und schön lange nicht mehr gehört hat. Besetzt mit exzellenten Singschauspielern lässt diese Produktion in ihrer runden Stimmigkeit, handwerklichen Genauigkeit auf allen Ebenen und packenden Spannung keinerlei Wünsche offen.

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