Donaueschinger Musiktage

Zwischen Easy Listening und musikalischer Gewaltorgie

Konzert bei den Donaueschinger Musiktagen Foto: Veranstalter

Die Donaueschinger Musiktage demonstrieren 2016 eine sehr große stilistische Bandbreite. Das fusionierte SWR-Symphonieorchesters gibt sein durchwachsenes Debüt
Von Georg Rudiger
(Donaueschingen, 14.-16. Oktober 2016) Es ist wie jedes Jahr beim Eröffnungs-Orchesterkonzert der Donaueschinger Musiktage. Man steht in der Pause in der Kälte vor der Baarsporthalle und wartet geduldig in der Schlange, bis die Getränkebestellung beim Jugendrotkreuz von Erfolg gekrönt ist. Dass es dieses Jahr nichts zu essen gibt, sorgt für Gesprächsstoff beim Konzertpublikum. Und doch gerät der diesjährige Auftakt des wichtigsten deutschen Neue-Musik-Festivals ganz anders als in den letzten Jahrzehnten. Zum ersten Mal sitzt nicht das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg auf der Bühne. Das fusionierte SWR-Symphonieorchester gibt unter der Leitung von Pierre-André Valade sein Debüt in Donaueschingen. Der Applaus ist höflich, als die Musikerinnen und Musiker aus Freiburg und Stuttgart die Bühne betreten. Christian Ostertag aus Freiburg sitzt am Konzertmeisterpult des neuen Klangkörpers.
Das Eröffnungswerk „Omega“ von Jan W. Morthenson beschäftigt sich laut Pressetext mit der schöpferischen Libido im Alter. Es ist (natürlich) ein Alterswerk des schwedischen Komponisten. Liegetöne in den Bläsern treffen auf expressive Streicherlinien und unmotivierte Schlagzeugeinwürfe. Einen Spannungsbogen entwickelt die seltsam konventionelle Komposition kaum. Das liegt aber auch an der Interpretation. Gerade die Streichergruppen sind bei Tonwechseln häufig nicht zusammen. Die Konturen geraten verwaschen. Es fehlen Präzision und ein fokussierter Ausdruck. Ein schlechter Start für den neuen Klangkörper. Das eher zarte „Caral“ des Basler Komponisten Martin Jaggi evoziert archaische Musik der Anden mit vier Flöten und einem begrenzten Tonmaterial. Klaus Schedls „Blutrausch“, inspiriert von Berichten über die Mordlust von Kindersoldaten, ist eine sich in ein Klang-Massaker steigernde Gewaltorgie mit einer Axt im Schlagzeug und Ballerspiel-Soundeffekten aus dem Freiburger SWR-Experimentalstudio.  Moritz Eggert schreit sich wie ein Deathmetal-Sänger präzise durch das in seiner Eskalation ermüdende, laute Werk. Den stärksten Eindruck hinterlässt James Dillons klangsinnliches „The Gates“ für Streichquartett und Orchester. Aus dem Zusammenwirken des Arditti String Quartet mit dem (hier homogeneren) SWR-Symphonieorchester schafft der Brite inspirierte Dialoge. Ein steter Fluss und ein hoher Klangfarbenreichtum zeichnet die Komposition aus.
Der englischsprachige Raum ist einer der Schwerpunkte des Festivals. Das ist sowohl an den eingeladenen Komponisten, als auch an der Ästhetik zu bemerken. Die Zeiten, in denen man über eine Dur-Terz die Nase rümpfte, scheinen vorbei zu sein. Joanna Bailies „Music from Public Places“, in der Christuskirche zum klanglichen Leben erweckt vom Améi Quartett und dem SWR Vokalensemble (Leitung: Marcus Creed), ist fast schon Easy Listening. Das Zuspielband mit Glocken und Vogelzwitscher sorgt ebenfalls für meditatives Wohlgefühl. Die Öffnung des Festivals vom exklusiven Avantgardezirkel hin zu einem Publikumsfestival, die schon der langjährige, 2014 verstorbene Festivalleiter Armin Köhler mit Vehemenz betrieben hat, führt sein Nachfolger Björn Gottstein noch weiter. Unter dem diesjährigen Motto „Rausch und Verführung“ versammeln sich einige Kompositionen, die zugänglicher sind, als man erwarten könnte.
Die ästhetische Enttabuisierung ist allerdings durchaus nicht unumstritten, wie die Nachfragen bei der Pressekonferenz zeigten. Besonders die Lecture des  englischen Philosophen Roger Scruton, der die Avantgarde in der Tradition von Pierre Boulez in der Sackgasse sieht, wurde heftig kritisiert. Mit Curd Duca hat Gottstein einen Techno-Künstler eingeladen, der zu nächtlicher Stunde in der Twist-Bar auflegt. Steamboat Switzerland mit den großartigen Musikern Dominik Blum (Hammond-Orgel), Marino Pliakas (E-Bass) und Lucas Niggli (Schlagzeug) pumpen frische Energie ins Festival und sorgen bei ihrem gemeinsamen Konzert mit dem Klangforum Wien unter der souveränen Leitung von Titus Engel am Samstagmorgen im Mozartsaal für den ersten Festivalhöhepunkt. Bernhard Ganders „Cold Cadaver with Thirteen Scary Scars“ entwickelt in seinen vom Schlagzeug befeuerten, mit präzisen Nachschlägen vorangetriebenen Sechzehntelketten einen Sog. Hochvirtuos ist das und brachial, rockig und fast schon tanzbar. Selbst der Kopfsatz aus Beethovens 5. Symphonie gerät in den von Gander komponierten Strudel. Auch Michael Wertmüllers auf einer Zwölftonreihe basierendes „discorde“, das am Ende wie bei einem Bigband-Arrangement einzelne Bläsersoli des Klangforums Wien präsentiert, hat diesen Flow, der tatsächlich zu einem Rausch wird.
Aber auch für Sperriges, Experimentelles ist weiterhin Platz in Donaueschingen wie in Rebecca Saunders hochdifferenzierter, zerbrechlicher Komposition „Skin“ für Sopran (Juliet Fraser) und 13 Instrumente. Auch das Streichquartettkonzert mit dem fulminanten Calder Quartet und der elektronischen Vielfalt des IRCAM Paris, das neue Werke von Nathan Davis, Daniel Wohl und Peter Eötvös (glockenhell und koloratursicher: die Sopranistin Audrey Luna) präsentierte, hat nichts Rauschhaftes, sondern ertastet sich einen Weg, der bei Nathan Davis‘ „Echeia“ mit tonlosem Streichen auf dem Holz der Instrumente beginnt. Auf zehn verschiedene Spielstätten haben sich die Donaueschinger Musiktage 2016 ausgebreitet.[weiter]



Münchner Philharmoniker


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