Don Giovanni

Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit

Hanno Müller-Brachmann, Annette Dasch und Réne Pape Foto: Ruth Walz


Peter Mussbach inszeniert, Daniel Barenboim dirigiert „Don Giovanni“ an der Staatsoper in Berlin
(Berlin, 15. Dezember 2007) Wer ist Don Giovanni? Ein „Ungeheuer, Betrüger, Ausbund an Täuschung“, als den ihn Donna Elvira unter Zustimmung Leporellos tituliert? Eine tragische Gestalt, rastlos nach wahrer Liebe und Erlösung suchend, wie in E.T.A. Hoffmanns Sichtweise? Ein erotomanischer Don Quichotte, der im Laufe des Geschehens von einem amourösen Misserfolg in den nächsten stolpert? Ein seine Triebe lebender Außenseiter der Gesellschaft, wie ihn Peter Konwitschny in Berlin vor vier Jahren eindrucksvoll auf die Bühne der Komischen Oper gebracht hat? Spätestens seit dem 19. Jahrhundert scheiden sich an der Deutung des alten Don Juan-Stoffes, der für unzählige Bühnenstücke die Vorlage geliefert und in der Mozart-Oper seine glänzendste Umsetzung erfahren hat, die Geister.
Peter Mussbach folgt in seiner Inszenierung, die im Rahmen einer Kooperation bereits im vergangenen Jahr in anderer Besetzung an der Mailänder Scala zu sehen war, einer traditionellen Lesart: Don Giovanni erscheint – sehr überzeugend verkörpert von René Pape – als charismatischer Verführer, dem sich selbst die bedrängte Donna Anna, ihre eigenen empörten Worte Lügen strafend, begehrlich an den Hals wirft – kein Wunder, wenn man dagegen den seidig blonden Schönling Don Ottavio betrachtet.

René Pape und Sylvia Schwartz Foto: Ruth Walz

Alle umschwirren Don Giovanni
Und Don Giovannis erotische Ausstrahlung scheint seine ganze Umgebung zu infizieren: Fast jeder darf mal an jedem ein bisschen rumfummeln oder sich, in stereotypen Posen, auf einen anderen drauflegen. Und trotz ihres Hasses auf den egomanischen, kaltherzigen Verführer umschwirren sie alle Don Giovanni, magisch angezogen wie die Motten vom Licht. Als er am Ende nicht gerade in die Hölle gefahren, sondern mit dem steinernen Komtur, der ihm zuvor eigenhändig die Kehle durchgeschnitten hat, um die Ecke verschwunden ist, drängen sich die Übriggebliebenen fröstelnd und seltsam verloren aneinander, als sei ihnen mit dem Objekt ihrer Rache-Begierde auch jegliche Lebenskraft abhanden gekommen.
Kühl und minimalistisch wirkt die ganze Inszenierung in dem von Mussbachs selbst entworfenen Einheitsbühnenbild: ein viereckiger Raum mit einem gewaltigen, teil- und drehbaren schwarzen Quader als einziger Kulisse, dazu zeitlose schwarz-weiße, von Mussbachs altbewährter Mitstreiterin Andrea Schmidt-Futterer gestaltete Kostüme. Es ist der analytische Blick des ausgebildeten Neurologen und erfahrenen Psychiaters, mit dem Mussbach hier die Gesellschaft betrachtet. Wie so oft in seinen Inszenierungen der letzten Jahre spürt man als Zuschauer eine deutliche Distanz. Daran ändern auch einige komische oder theatralische Effekte wie der Auftritt Donna Elviras, die auf einer weißen Vespa hereingebraust kommt (eine Referenz an die italienischen Kooperationspartner?) oder der atmosphärische Nebel-Zauber nebst orangefarbenem Licht in der Höllenfahrt-Szene nichts.
Für den etwas schalen Eindruck der Inszenierung entschädigt das durchweg hervorragende Sänger-Ensemble: René Pape, schon allein durch seine hochgewachsene, athletische Gestalt eine eindrucksvolle Erscheinung, singt die Titelrolle mit wunderbar bronzenem Timbre, sehr agil und mit dramatischer Gestaltungskraft; kleine Meinungsverschiedenheiten mit dem Dirigenten, das Tempo betreffend, dürften dem Premierenfieber geschuldet gewesen sein. Hanno Müller-Brachmanns Leporello strahlt neben aller Komik jugendliche Frische und ausgeprägte Spielfreude aus. Einige der eindrucksvollsten musikalischen Momente bietet die kürzlich für ihre „Armida“-CD hoch gelobte Sopranistin Annette Dasch als Donna Elvira: ausdrucksstark, mit glühender Intensität und sehr klarem Ton. Pavol Breslik singt als Don Ottavio mit betörender Klangschönheit, und Sylvia Schwartz ist eine entzückende und sehr koloratursichere Zerlina. Auch die anfangs etwas schwergängig wirkende Anna Samuil als Donna Anna und Arttu Kataja, der Masetto die Züge eines etwas ungeschickten großen Jungen verleiht, erweisen sich als ausgezeichnete Besetzungen. Von der Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim darf man natürlich keinen spritzigen Originalklang erwarten, aber trotz der romantisierenden Mozart-Auffassung spielt das Orchester engagiert und mit dem gewohnten tiefen, satten Ton.
Vom Premierenpublikum gab’s am Ende stürmischen Beifall für Sänger und Orchester und eher müden, von einigen pflichtschuldigen „Buhs“ und „Bravi“ durchsetzen Applaus für die Regie.
Eva Blaskewitz

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