Don Giovanni Wiener Volksoper

Opernkritik: Don Giovanni

Zum Schluss wird der Frauenheld von den Frauen verspeist

Andreas Mitschke (Komtur), Kristiane Kaiser (Donna Anna) Foto: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Achim Freyer inszeniert Mozarts "Don Giovanni" an der Wiener Volksoper als groteskes choreographisches Spiel
Von Derek Weber
(Wien, 22. November 2015) In helles Licht getaucht ist in Achim Freyers neuer Inszenierung an der Wiener Volksoper die Geschichte von Don Giovanni, die bei vielen anderen Regisseuren als Nachtoper verstanden wird. Und an die Stelle einer strengen Personenregie tritt eine Art maskierter Choreographie, die den einzelnen Figuren repetitive Bewegungen verordnet. Einen "Zyklus von Gesten", wie Freyer selbst sagt, die "typisch sind für die jeweilige Figur", aber zuweilen nicht mit der Emotion harmonieren, die sie gerade vorführen.
Insgesamt ist, was an der Volksoper gezeigt wird, gleichsam die ästhetische Fortsetzung jener venezianischen Produktion, die Freyer in Venedig nach dem Brand des Teatro La Fenice 1996 kurzerhand in einem Theaterzelt vorgeführt hat. Beides – das Licht und die Gesten – machen zusammen mit den auf die commedia dell´arte Bezug nehmenden Kostümen diesen „Don Giovanni“ federleicht und rücken ihn weit weg von den beliebten Psychologie-lastigen Brutalo-Storys, welche die Geschichte eines Bloß-Wüstlings und -Mörders auf die Bühne stellen. Vieles wird ins Unerwartet-Groteske gezogen. So läuft der Komtur nach einem absurden Duell mit einer überdimensionalen Gabel in der Brust über die Bühne.
Die Bühne selbst legt den Gedanken nahe, dass wir uns irgendwo im maritimen Süden befinden. (Sevilla liegt ja an einem Fluss, dem Guadalquivir, der auch von Seeschiffen befahren werden kann.) Über viele unerwartete Details könnte man berichten, z. B. über die drei Fischer, die im Hintergrund ihre Angeln in ein imaginäres Wasser halten, und an deren Platz plötzlich die drei maschere sitzen, die am Ende des 1. Aktes zu Giovannis Freiheitsfest eingeladen werden und – wie bei einem intelligenten Regisseur nicht anders zu erwarten – an der richtigen Stelle ihre Masken abnehmen und Rache schwören. (Natürlich sieht man bei Achim Freyer auch sehr genau, dass Zerline das "Viva la libertà" wie vorgeschrieben nicht mitsingt.)
Das Orchester der Wiener Volksoper spielt unter der Leitung Jac van Stens im Einklang mit der Inszenierung behend, un-erdenschwer mit beherzten Tempi und sozusagen "normaler" Intention, ohne Anspruch und Rückgriff auf "historisch" gemeinte Aufführungspraxen. Gesungen wird untadelig, wobei die Männer diesmal mehr Pluspunkte sammeln konnten, vom Komtur (Andreas Mitschke) bis Leporello (Mischa Schelomanski) und Jörg Schneider als Don Ottavio. Als Star des Abends konnte sich Josef Wagner präsentieren. Sein Don Giovanni ist sehr gut bei Stimme, jung und von unaufdringlicher Lockerheit, was sowohl dem "Ständchen" als der "Champagner-Arie" sehr zugute kommt. Mindestens ebenso unverkrampft ist das Paar Zerlina (Anita Götz) und Masetto (Ben Connor), das von Achim Freyer liebevoll angeleitet auch darstellerisch überzeugt. Kristiane Kaiser hat als unheroische Donna Anna leichtes Spiel und Esther Lee kann sich als nicht zur Hysterikerin degradierte Donna Elvira ganz aufs Singen konzentrieren.
Zum guten Schluss wird nicht nur Don Giovanni von den Frauen verspeist, auch das Publikum ist eingeladen, auf der nun zum "Ristorante Giovanni" verwandelten Bühne "Würstel à la Giovanni" zu essen….

 

 



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