Don Giovanni Lüttich

Cool am Pool

Dessert à la Don Giovanni: Frauen mit Schokosauce Foto: Lorraine Wauters – Opéra Royal de Wallonie

In Lüttich macht Filmregisseur Jaco Van Dormael aus Don Giovanni einen sexbesessenen Börsenmakler
Antje Rößler
(Lüttich, November 2016) Er lebt im Penthouse mit Swimming Pool und arbeitet in einem Großraumbüro, aus dessen Glassfassade man auf Wolkenkratzer blickt. In der Ferne hört man den Sound von Manhattan; Gehupe und Martinshörner. Der Titelheld von Mozarts Oper „Don Giovanni“ ist hier kein Verführer auf dem absteigenden Ast, sondern ein erfolgreicher Börsenmakler. Mit all den dekadenten Annehmlichkeiten, die der Lifestyle an der Wall Street zu bieten hat: Champagner, Koks und Table Dance.
Der belgische Theater- und Filmregisseurs Jaco Van Dormael hat in Lüttich einen „Don Giovanni“ vorgelegt, der in denkbar größtem Kontrast zum Plüsch-Interieur und der Guckkastenbühne des Königlichen Opernhauses steht. In einer kurzweiligen Inszenierung sorgen Dormael und sein Bühnenbildner Vincent Lemaire für sinnliche, effektvolle Bilder. Dabei fahren sie alles auf, was die Bühnentechnik des vor vier Jahren modernisierten Hauses hergibt. Besonderer Hingucker ist ein Swimming Pool, der sich an einer schiefen Ebene derart spiegelt, dass der Zuschauer die schimmernde Wasserfläche zugleich von oben sieht.
Zu Beginn zieht Donna Anna hier ihre Bahnen. Als sie das Becken verlässt, reißt ihr Don Giovanni, vermummt mit Sonnenbrille und Kapuze, den Bademantel vom Leib. Wo Mozart und da Ponte elegant offen lassen, was sich in der intimen Begegnung zwischen den beiden abspielt, ist Dormael schonungslos direkt zugange. Als Don Giovanni fehlt es Mario Cassis elegant geführtem, wohlklingenden Bariton jedoch an einer entsprechenden bösartigen Abgründigkeit. Der Regisseur präsentiert einen Reigen origineller Einfälle. So arbeitet Zerlina (mit agil-spitzem Sopran: Céline Mellon), eigentlich ein Bauernmädchen, in der nächtlichen Putzkolonne. Ihre Kollegen sind die Fensterputzer, die außen angeseilt die Hochhaus-Scheiben schrubben.
Auch wenn die soziale Distanz zwischen Börsenmakler und Putzkraft wohl ebenso groß ist wie die zwischen Edelmann und Bauer – beim Versuch, die Aktualisierung plausibel durchzuhalten, knirscht es immer wieder. So findet die Hochzeitsfeier von Zerlina und ihrem Bräutigam Masetto (mit sauber geführtem, etwas stumpfen Bass: Roger Joakim) während der Putz-Schicht statt. Dass Don Giovanni und Leporello ihren Rollentausch zustande bringen, indem sie sich die Gesichter mit Kokain beschmieren, wirkt ebenfalls an den Haaren herbei gezogen.  
Eigene Solisten hat die Oper Lüttich nicht. Die eingeladenen Gäste sind zwar allesamt passable Sänger und Darsteller – bei der Besetzung jedoch hatten Mozarts Stimmfächer wohl keine Priorität. So fehlt dem Bariton Laurent Kubla das für die Rolle des Leporello notwendige Bass-Fundament.
Donna Elvira, Börsenmaklerin im Business-Kostüm, wird von Veronica Cangemi mit schlankem Sopran und eindringlicher innerer Zerrissenheit dargestellt. Mozart wünschte sich für die Rolle jedoch einen Mezzo, da Elvira nicht mehr ganz jung ist. Cangemi deckt nun einen ähnlichen Frauentyp ab wie Salome Jicia, die eine eher wütende als trauernde Donna Anna gibt. Annas Verlobter Ottavio, eigentlich ein empfindsamer Charakter, wird von Leonardo Cortellazzi zu heldentenoral angegangen.
Die Ignoranz den Mozartschen Stimmfächern gegenüber ist umso merkwürdiger, da mit Rinaldo Alessandrini ein Alte-Musik-Experte den Taktstock hält. Am Pult des Hausorchesters der Lütticher Oper legt der Italiener das Augenmerk eher auf den rhythmischen Drive als auf die melodische Linie. Das knackig klare Klangbild wird bestimmt von trennscharfen Bläserstimmen. Eigentümlich sind die extremen und abrupt wechselnden, mal rasanten, dann wieder schleppenden Tempi. Immer wieder „klappert“ es im Zusammenspiel mit den Sängern. Céline Mellon fliegt bei ihrer Arie „Batti, batti“ sogar aus der Kurve und muss neu ansetzen.
Musikalisch war die Premiere insgesamt dennoch gelungen. Problematisch ist die Regie, denn Dormaels Idee der Verlagerung an die Wall Street ist nicht durchgängig tragfähig. Das beginnt schon damit, dass sein Don Giovanni kein leidenschaftlicher Verführer ist, sondern ein abgeklärt-cooler Frauen-„Konsument“. Statt Zerlina im Duett zu umgarnen, schiebt er sie mit gespreizten Beinen auf den Schreibtisch.
Während Mozarts Musik eine mit Andeutungen spielende, erotisch schwüle Atmosphäre schafft, zeigt Dormael schonungslos jede Menge Haut und nackte Tatsachen. Am Ende garniert Don Giovanni zwei nackte Frauen mit Schoko-Sauce und Obststückchen. Der Geist des Komtur singt dann vom Börsen-Flatscreen – das ist nicht besonders furchteinflößend. Das Publikum bedenkt die drastische, aber stets unterhaltsame Inszenierung mit langem, einhelligem Applaus.
Weitere Vorstellungen an der Opéra Royal de Wallonie-Liège finden am 22., 24., 26. und 29. November 2016 statt. Am 4. Dezember gibt es ein Gastspiel in Charleroi (Palais des Beaux-Arts).  
www.operaliege.be



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