Don Giovanni am Gärtnerplatztheater

Giovanni), Sophie Mitterhuber (Zerlina) © Thomas Dashuber

Wie ein Kreisel am Abgrund

Das Gärtnerplatztheater überzeugt mit Mozarts „Don Giovanni“ im Cuvilliés-Theater

Von Klaus Kalchschmid

(München, 24. Juni 2017) Wie man mit dem Standbild des Komturs umgeht, der am Ende als „steinerner Gast“ bei Don Giovanni erscheint, hat Generationen von Regisseuren verzweifeln lassen. Hier fordert Don Giovanni am Ende nicht mehr die Lebenden und vor allem die Frauen heraus, und auch nicht den von ihm getöteten Vater Donna Annas, also den Komtur, sondern gleich Gott: in Gestalt eines steinernen Jesus, den er in der Friedhofsszene von der Wand holt, später als Christus in der gekrümmten Haltung wie bei einer Pietá auf den Sessel legt, ihn missbraucht, ihm die Hand schüttelt und sich dann eine finale Kugel in den Kopf schießt.

Herbert Föttingers direkte, prägnant deutende Regie für Mozarts Oper hat genauso viel Tempo wie die hervorragende Drehbühne (Walter Vogelweider) aus drei identischen weißen Räumen mit Stuck und antikisierenden schwarzen Türen, die nur mit Möbeln oder Requisiten konkret werden, aber auch die Musik. Unter Marco Comins präziser Leitung klingt das Orchester des Gärtnerplatztheaters prall, knackig und doch differenziert aus dem Graben des Cuvilliés-Theaters. Münchens Rokoko-Juwel und Ort der Uraufführung von „Idomeneo“ ist der Schauplatz der letzten Premiere des scheidenden Chefdirigenten, aber auch die letzte Premiere in einem Ausweichquartier vor dem Wiedereinzug des Ensembles ins generalsanierte Gärtnerplatztheater, das im Herbst endlich nach Jahren seine Pforten öffnen wird.

Schon die Ouvertüre hat hier Power und Drive. Selten gibt es danach Ruhepunkte, gerade mal beim feinen „Dalla sua pace“ Don Ottavios (sehr klar und geradlinig ein Buchhalter mit Herz: Lucian Krasznec), dem Don Giovanni hier ob seiner Emotionen gerührt über den Kopf streichelt; oder bei Juans zartem Ständchen, das er erstmal in den Laptop tippt und singt. Damit verführt er freilich nicht nur die eine Zofe Elviras der Oper, sondern gleich alle drei Dienerinnen, die hier missmutig die Designer-Koffer ihrer Herrin schleppen. Camille Schnoor gibt ihr flammende Mezzoglut und singt sich immer mehr in tiefe Verzweiflung; Jennifer O’Loughlins intensive Donna Anna ist nicht minder glühend Giovanni verfallen, hindert ihn zu Beginn mit allen erotischen Mitteln am Gehen und verrät ihn später aus Rache fürs Verlassenwerden, nicht weil er ihren Vater getötet hat.

Fotos: Thomas Dashuber

Fotos: Thomas Dashuber

Mathias Hausmann ist ein ganz normal attraktiver Mann mit schönem Bariton, keineswegs besonders verführerisch, aber doch ein Macho mit Charme, dessen „Hoppla jetzt komm ich!“ und natürlich seine Stellung Zerlina (bald eine kühle Karrieristin im Sekretärinnenlook: Sophie Mitterhuber mit leichtem, aber substanzreichem Sopran) – und nicht nur die – im Handumdrehen ihres Verstandes beraubt. Ihre Verlobungsparty an der Seite von Masetto (ein hitziges Prackl: Matija Meić) sieht aus wie ein dank Alkohol entgleister Junggesellenabschied mit Männlein wie Weiblein im kurzen Röckchen plus goldener Maske.

Wenn Giovanni am Ende mit Diener Leporello (ein sympathischer Nerd im Kapuzenanorak und Laptop unterm Arm: der wendige Bassbariton Levente Páll) speist, sehen wir ein abstraktes Ritual ganz ohne Essen, das sich die beiden wohl jeden Abend mit Lust an der Verweigerung gemeinsam vorspielen – diesmal mit tödlichem Ausgang. Und wo Giovanni einst Zerlina auf Rosenblüten bettete, packt hier Leporello dutzendweise rote Rosen aus und legt sie seinem Herrn zu Füßen, fehlt nur noch, dass er ihn küsst.

Herbert Föttingers Regie ist intelligent, durchdacht und doch nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt. Vielmehr zeigt er deutlich, theatralisch und doch mit leichter Hand das gewaltige erotische – und aggressive – Potential, das Don Giovanni erzeugt: ersteres bei den Frauen, letzteres bei den Männern, vor allem Masetto. So wird das Sextett im zweiten Akt zum vitalen, gefährlichen Zentrum, wenn Leporello, der sich als Don Giovanni Elvira genähert hat, plötzlich auch Don Ottavio und Donna Anna gegenüber sieht. Da ist auf einmal eine nervöse in sich kreisende Dauerbewegung auf der Bühne, die leicht explodieren und alle in den Abgrund reißen könnte.

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