Don Giovanni

Ein Mann für jede Frau

Don Giovannis mobile Disco – Verladebahnhof für Frauen Foto: W. Hösl

Stephan Kimmig inszeniert an der Bayerischen Staatsoper "Don Giovanni". Die musikalische Leitung hat GMD Kent Nagano. Beide können nicht restlos überzeugen.
(München, 31. Oktober 2009) "Wer ich bin, wirst du nie erfahren", sagt der maskierte Wüstling zu Donna Anna. Und im Grunde gilt das für uns alle: Was wissen wir schon über Don Giovanni? Über sein Innenleben, seine Gefühle? Er reflektiert nicht, gibt sich nicht preis, bleibt eine Leerstelle, ein Rätsel – und ist gerade deshalb, als Projektionsfläche, das alles beherrschende Gravitationszentrum. Wir erleben ihn nur in Aktion: im Dialog, im Duell, in der Verführung. Nie sehen wir, wie er ist; immer nur, wie er auf andere wirkt. Regisseur Stephan Kimmig präsentiert Don Giovanni deshalb als Verwandlungskünstler. Erst ist er ein Latin Lover mit öligen Locken, dann ein Partylöwe mit blonder Mähne und goldenem Anzug, schließlich ein Dressman mit smartem Kurzhaarschnitt. Für jede Frau erfindet er sich neu, das ist sein Geheimnis: ein Mann mit tausendunddrei Gesichtern. Unter den Regieeinfällen, an denen der Abend generell keinen Mangel leidet, ist dieser einer der besten. Langeweile, um gleich noch ein zweites und letztes Lob loszuwerden, kommt nicht auf. Innere Beteilung am Bühnengeschehen allerdings auch nicht.

Die Handlung spielt auf einem Containerhafen. Wer gutwillig ist, verbindet mit diesem Schauplatz ein paar tiefsinnige gegenwartsdiagnostische Assoziationen: Globalisierung, Unbehaustsein, ein Leben auf der Schwelle. Wer weniger gutwillig ist, ächzt über unergiebige Regie-Verrenkungen – aber auch über erstaunlich viel Aneinandervorbeispielen. Bei einem so erfahrenen Theaterregisseur hätte man sich mehr Sicherheit in der Personenführung erwartet.

Die kreuz und quer übereinandergetürmten Container bilden einen Verhau, der sich drehen und mittels vielerlei Klappen und Türen räumlich strukturieren lässt. So blickt man mal in eine Altkleidersammlung, mal in ein schickes Appartment mit Designerküche. Don Giovannis Partycontainer ist mit Eisschollen-Motiven tapeziert, zur Einrichtung gehören überlebensgroße Pinguine. Achtung Metapher: Die Gefühle sind auf arktische Temperaturen heruntergekühlt; Giovannis Coolness kennt nur die Hitzigkeit sadomasochistischer Exzesse, nicht aber die Wärme echter Gefühle. Mit der Statue des Komturs verhandeln Leporello und Don Giovanni in einem Kühlcontainer mit abgehäuteten Schafen. So will es der Regisseur, nicht aber das Premierenpublikum, das Stephan Kimmig mit einem Buh-Orkan seine wenig freundliche Meinung kundtat, was dieser mit demonstrativer Heiterkeit quittierte.

Am Schluss läßt Kimming den trotzigen Don Giovanni von einer Truppe aus Generälen und Geistlichen abführen: Kirche und Militär als Mächte der Ordnung. Der Komtur erscheint im Bischofshabit und mit ratzingerhafter Frisur. Eine Filmeinspielung zeigt, wie Polizisten einen nackten Gefangenen verprügeln. Don Giovanni, das Opfer. Doch gerade wenn man die Handlung in die Gegenwart verlegt, liegt die Sache eher andersherum. In der Konsumgesellschaft sind die lustfeindlichen Mächte von Kirche und Militär längst in der Defensive. Hedonismus ist heutzutage nun wirklich kein tödliches Risiko mehr wie im Spanien des 17. und 18. Jahrhunderts. Die übermächtige und unentrinnbare Ordnung stiften nicht die Triebverzicht fordernden Mächte von Militär und Kirche – heute herrscht der kapitalistische Imperativ, dass wir uns alle zu amüsieren und dabei kräftig zu konsumieren haben. Was dieser Paradigmenwechsel für die Gestalt eines Don Giovanni bedeutet, das wäre eine lohnende Frage für spannendes Regietheater.

Kent Naganos Mozart ist trocken, heftig und lapidar. Die Tempi haben einen schönen vorwärtstreibenden Zug. Doch immer wieder vermisst man die nötige Beweglichkeit im Tempo, die aus Mozarts kleinteiligem Ideenmosaik ein lebendiges, auch emotional packendes Bild hervortreten ließe. Mozarts Musik lebt vom unvermittelten Aufeinanderprallen heterogener Elemente – wer straff darüber weg dirigiert, lässt sich Entscheidendes entgehen. Vor allem die Ouvertüre wirkt getrieben, ohne wirklich mitzureißen. Nur selten gönnt Nagano den unzähligen einzelnen Schönheiten der Partitur den nötigen Raum. Und dann merkt man: Er kann das sehr wohl, aber er will es meistens nicht. Objektiv soll das sein, unsentimental, und das ist keine schlechte Grundhaltung – aber das Sprechende und Spontane in Mozarts Musik kommt darüber zu kurz.
Gemischt auch die sängerische Bilanz: Phantastisch die Herren, unausgeglichen die Damen. Ellie Dehn als Donna Anna gestaltet intensiv, aber mit unüberhörbaren Schärfen in der Höhe. Maija Kovalevska als Donna Elvira singt sicher, aber übertourig und an der Grenze zum Forcieren. Durchweg erstklassig dagegen die männlichen Hauptrollen. Pavol Breslik verleiht dem Don Ottavio eine selten erlebte Präsenz, stimmschön und mit perfekt gestütztem Piano. Alex Espositos Leporello sprüht vor komödiantischer Energie. Und der polnische Bariton Mariusz Kwiecien gibt ein nahezu ideales Rollenporträt des Don Giovanni: Warm und fokussiert, mit verhaltener Erotik in der Stimme, die gerade deshalb so wirksam ist, weil sie völlig unangestrengt wirkt. Kein großer Abend, aber drei große Sänger.
Bernhard Neuhoff

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