Domingo dirigiert Walküre in Bayreuth

Walkürenritt als Reigen seliger Geister

Bei seinem Bayreuther Dirigier-Debüt mit der Walküre tut sich Placido Domingo keinen Gefallen – den Sängern und dem Publikum auch nicht. Sieger der seltsamen Aufführung sind Frank Castorfs genialische Inszenierung und die phantastische Catherine Foster als Brünnhilde

Von Robert Jungwirth

(Bayreuth, 31. August 2018) Die sängerfreundliche Akustik von Bayreuth kennt Placido Domingo bereits, seit er hier 1992 den Parsifal und im Jahr 2000 den Siegmund in der Walküre gesungen hat, damals mit Waltraud Meier als Sieglinde. Die dirigentenunfreundliche Akustik des Hauses hat der Nebenerwerbsdirigent nun ebenfalls kennengelernt. Was ein Novum in der Geschichte der Bayreuther Festspiele darstellt. Denn Domingo ist der erste Sänger, der hier auch als Dirigent auftritt. Dabei kommt Domingo leider weder mit den Tücken des verdeckten Grabens noch mit der Partitur der Walküre überzeugend zurecht. Am Ende gibt es sogar zahlreiche Buhs für den großen Sänger. Domingo lässt das Orchester vor allem im ersten Akt sehr defensiv klingen, präferiert langsame, sängerunfreundliche Tempi, die es Steven

Gould als Siegmund hörbar schwer machen, in die Partie zu finden.
Placido Domingo ist ein Phänomen. Allein als Tenor ist er längst eine Legende, bis heute mit weit über 70 Jahren brilliert er auf der Bühne noch mit Baritonpartien – wie vor kurzem als Macbeth in Verdis gleichnamiger Oper an der Berliner Lindenoper. Und daneben dirigiert er seit einigen Jahren. In diesem Jahr zum Beispiel „Tosca“ in London und „Romeo et Juliette“ an der Met in New York. Bislang hat er vor allem italienisches Repertoire dirigiert, nun also auch Wagner.

Akzente im Orchester setzt Domingo so gut wie keine. Wenn das Orchester aus dem Schatten der Sängerbegleitung tritt und quasi solistisch agiert, erhöht Domingo oft nicht einmal die Lautstärke, wie am Ende des ersten Akts. Das ist schon einigermaßen verstörend und selbst der Walkürenritt klingt wie ein harmloser Reigen seliger Geister.

Nein, weder Domingo selbst noch die Festspielleitung haben sich mit diesem Walküren-Dirigat bei den Bayreuther Festspielen einen Gefallen getan und man versteht diese Entscheidung auch nicht wirklich. Zumal diese Walküre auch entgegen aller Tradition losgelöst vom restlichen „Ring“-Zyklus präsentiert wird, nachdem die Inszenierung von Frank Castorf im vergangenen Sommer ja zum letzten Mal über die Festspielbühne gegangen ist. Auch das ein Novum in der Festspielgeschichte. Ausnahmen über Ausnahmen also für den Ausnahme-Musiker Placido Domingo. Aber mehr als eine Publicityattraktion wurde daraus leider nicht und das ist dann doch zu wenig, und es ist auch kein Ruhmesblatt für die Festspielgeschichte.

Kurios auch, dass Domingo ausgerechnet mit der Agitprop-Inszenierung des Regie-Berserkers Castorf zusammentrifft, in der nichts weniger als der Fluch des Ölzeitalters unserer jüngsten Vergangenheit und Gegenwart aus kapitalismuskritischer Sicht spektakulär und mit vielen filmischen Elementen, die an Stummfilme der 20er Jahre erinnern, thematisiert wird. Das Filmteam um Andreas Deinert und Jens Crull kann man für ihre genialische Arbeit, die ein Kunstwerk im Kunstwerk ist, kaum genug loben – den phänomenalen Bühnenbildner Alexandar Denic, der eine ganze historische Ölförderbaustelle aus dem Russland der 20er und 30er Jahre samt Turm, Pumpe und Werkhalle auf die Dreh-Bühne gezaubert hat natürlich auch. Man kann sich darauf freuen, wenn dieser sensationelle „Ring“ endlich auch auf DVD erscheint.

Erneut sind für diese Wiederaufnahme der „Walküre“ eine ganze Reihe neuer Sängerinnen und Sänger engagiert worden, die sich aber bemerkenswert gut in Castorfs spielfreudige Regie fügen. Allen voran Steven Gould, der in diesem Jahr ja auch wieder als Tristan in Bayreuth zu hören ist. Was für eine enorme Leistung. Sein Siegmund gewinnt nach anfänglichen Schwierigkeiten an Strahlkraft und Sicherheit und beeindruckt ebenso wie die starke, aber doch auch lyrische Sieglinde von Anja Kampe. Tobias Kehrer – ebenfalls neubesetzt als Hunding – bot ein gesanglich und darstellerisch stimmiges Rollenporträt, Marina Prudenskaya eine stimmlich präsente Fricka. Überragend mit leuchtendem, kraftvollem Sopran Catherine Foster als Brünnhilde, die noch von der Originalbesetzung stammt und auch darstellerisch noch immer merklich viel Spaß an dieser Inszenierung hat. Enttäuschend allerdings John Lundgren als Wotan, der nicht nur gaumig und kehlig sang, sondern auch noch einen vielleicht auch etwas der unerträglichen Hitze im Festspielhaus geschuldeten leicht blechernen Stimmklang hat. Eine sehr eigenwillige Walküre also mit ein paar Highlights, aber insgesamt doch eher enttäuschend.

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