Die Schöne und das Biest

Die Zähne des Raubfischs

Münchner Erstaufführung von „Die Schöne und das Biest“ von Philip Glass am Gärtnerplatz-Theater
(München, 12. Januar 2008) Der Premieren-Ausstoß des Gärtnerplatztheaters unter seinem neuen Intendanten Ulrich Peters ist enorm und denkbar vielfältig: Zu Beginn ein eher enttäuschender „Figaro“, dann mit „Les autres“ ein fast durchweg spannender Genet-Tanzabend, Cesar Bresgens Kinderoper „Der Mann im Mond“ und vor kurzem der Musical-Klassiker „La Cage aux Folles“. Letzeres war sicher der bislang gelungenste Coup: unterhaltsam, witzig, perfekt im Timing, wenn auch gleichsam ein Stück Musical-Museum.
Mit philip Glass‘ Jean-Cocteau-Adaption „Die Schöne und das Biest“ konnte das Haus an diesen Erfolg nicht anknüpfen. Das lag am Werk, aber auch an der Unentschiedenheit der szenischen Realisation. Die ursprüngliche Partitur ist – nach „Orphée“ und vor „Les enfants terribles“ – als zweiter Teil einer Trilogie zu Filmen des französischen Dichters, Malers und Regisseurs passgenau zum (Ton-)Film von 1945 komponiert. Der wurde zur Uraufführung 1994 stumm mit Obertiteln über der Leinwand gezeigt, während im Graben Sänger, sechs Musiker und ein Syntheziser die Szenen lippensynchron begleiten.
Drei Jahre später überarbeitete Glass seine Partitur für ein erweitertes Orchester und live spielende Sänger. Diese Opern-Fassung wurde in Dortmund, Cottbus und Pforzheim aufgeführt und nun erstmals in München gezeigt, inszeniert von der Choreographin Rosamund Gilmore, die schon mehrfach als Opernregisseurin hervortrat. Trotz einiger kleiner Zitate atmete die Aufführung wenig von der Poesie, aber auch dem Pathos des märchenhaften, wenn auch heute etwas angestaubt wirkenden s/w-Films mit seiner orginalen, suggestiven Musik von Georges Auric: die Geschichte eines verzauberten Prinzen, der durch die Liebe einer jungen Frau von seiner häßlichen Gestalt erlöst wird.

Fotos: Gärtnerplatztheater/Jörg Landsberg

Stattdessen musste am Gärtnerplatz die Drehbühne den im Film leicht zu realisierenden Wechsel der Schauplätze ermöglichen – von der Welt der „Schönen“ und ihrer Familie – Vater, Schwestern, Bruder und dessen Freund – hinüber zur Welt des „Biests“ – und wieder zurück. Bei Cocteau ist „das Biest“ (Jean Marais) ein elegant kostümierter Adeliger mit realistischer Tiermaske, aber berückenden Augen; am Gärtnerplatz ein ganz in schlichtes Weiß gekleideter Mann mit einer Art Pferde-Maske und Zähnen wie ein Raubfisch, der geheimnisvoll nur durch einen bodenlangen Rock wirkt. Wie überhaupt acht Tänzer und Tänzerinnen als verzauberte Menschen am Hof des Biests androgyne Fabelwesen oder Blumen darstellten – teils in Hosen, teils in langen Röcken; mit Tütü oder im Ringel-Marine-Shirt.
Den Raum erfüllten stoffbespannte, hoch und niederfahrende Kuben als Andeutung von Orgelpfeifen oder Zinnen eines Schlosses (Bühne und Kostüme: Friedrich Oberle); zwei auf einem Bein tanzende schwarze und weiße Stühle, ein aus dem Unterboden schwebende Podest mit der Schönen und dem Biest bildeten surreale Versatzstücke. Mit leichter Hand choreographierte die Regisseurin auch die Bewegungen der Sänger – anfangs deutlicher als später – und erfand allerlei ironische Tanzformationen zu den stummen Szenen des Films mit „Feen und Kobolden“, wie das schöne, inhaltsreiche Programmheft die Fabelwesen nennt. Damit verdoppelte sie allerdings fast durchweg die Wiederholungsstrukturen von Glass‘ Minimal Music – ohne eine tiefere Deutungsebene zu erreichen.
Nicht einfach war es für die Sänger, den schnellen, wenn auch simpel skandierenden Sprechgesangsduktus von Philip Glass, der dem Dialog des Films angepasst sein musste, in einer denkbar banalen Übersetzung zu realisieren: Ann-Katrin Naidu und Julian Kumpusch waren dabei ein schön anzusehendes Paar (er in der Dreifachrolle als Ungeheuer, Jugendfreund Avenant, und Prinz), wirkten beim Singen aber etwas angestrengt. Solide verkörperte Holger Ohlmann den Vater, sehr komisch prägnant Daniel Fiolka den Bruder. Stefanie Kunschke als Adelaide wurde noch übertroffen von der großartig vokal giftspritzenden und ebenso spielenden Thérèse Wincent als ihre Schwester Félicie.
David Stahl hatte sein Orchester mit den nicht einfach zu bewältigenden Strukturen Glass’scher Musik gut im Griff. Das letzte – und entscheidende – Quäntchen Präzision, damit diese Musik nicht zu langweilen beginnt, fehlte bei der Premiere freilich noch. Am Ende gab es großen Beifall, aber wer Cocteaus Film noch in guter Erinnerung hatte, mochte sich durchaus nach der „Urfassung“ dieser „Filmoper“ gesehnt haben.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen: 14., 22. Januar, 9. Februar, 2., 14., 17. März, 2., 13., 24. April, 21., 22. Mai, 5. Juni 2008
http://www.gaertnerplatztheater.de/

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