Die Salzburger Festspiele vergeigen Mozarts Zauberflöte

Märchenstunde mit Musikeinlagen

Die Neuproduktion von Mozarts „Zauberflöte“ bei den Salzburger Festspielen ist szenisch und musikalisch enttäuschend

Von Christian Gohlke

(Salzburg, 27. Juli) Nein, gespielt wird an diesem Abend zur Eröffnung der Salzburger Festspiele nicht Mozarts „Zauberflöte“. Gezeigt wird, wie der Opa einer großbürgerlichen Familie kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges seinen drei Enkeln die Geschichte von der Zauberflöte vorliest. Und so beginnt nach der zackig und kantig musizierten Ouvertüre nicht einfach die Handlung. Der Opa setzt sich im Kinderzimmer in den Ohrensessel unter die Leselampe und trägt aus einem dicken Buch das erste Kapitel des Märchens um den Prinzen Tamino vor. Klaus Maria Brandauer liest gut, keine Frage, aber der Text von Ina Karr passt in seiner politischen Korrektheit und volkshochschulhaften Pädagogik überhaupt nicht ins Wien des Jahres 1913, wo diese Geschichte doch spielen soll: Kein „Schwarzer“ ist Monostatos, sondern ein unterprivilegierter „Diener“, der Pamina in seiner kurzen Arie folglich nicht als „Weiße“, sondern als „Holde“ begehrt…

Das Konstrukt dieser Rahmenhandlung hat sich die in den USA geborene Regisseurin Lydia Steier ausgedacht. Die eigentliche „Zauberflöten“-Handlung erscheint dadurch als die Phantasiewelt der drei Knaben (gut gesungen und gespielt von den Wiener Sängerknaben). Steiers Konzept könnte nun immerhin dazu dienen, eine traumhaft-schöne Ausstattung als Produkt einer kindlichen Imagination zu legitimieren. Diese drei Buben denken beim Hören der Geschichte aber offenbar keineswegs an eine Märchenwelt mit bläulich grünen Wäldern, nächtlichem Sternenhimmel und geheimnisvollem Tempelwesen. Was ihrer kargen Phantasie entspringt, ist von der Gegenwart der Rahmenhandlung kaum zu unterscheiden. Das Personal der Geschichte wird aus dem großbürgerlichen Haushalt rekrutiert. Papageno zum Beispiel arbeitet dort offenbar als Koch. Und so zerlegt er zu seinem Eingangslied „Der Vogelfänger bin ich ja“ mit einem Beil ein großes Suppenhuhn. Das soll witzig sein, ist aber doch nichts als Klamauk.

Da helfen auch die vielen Referenzen nichts, die im Programmbuch aufgeführt werden. Was ist da nicht alles zu lesen! Koschorke und Benjamin werden ausführlich zitiert, man erfährt, dass der Komik „Little Nemo“ von Winsor MacCay und der Film „The Princess Bride“ als Inspirationsquellen gedient hätten. Mag sein. Nur kann das alles nicht verdecken, dass die Regisseurin nichts mit Mozarts Oper anzufangen wusste, nichts mit ihrem Witz, nichts mit ihrer Märchenhaftigkeit und schon gar nichts mit der Seelentiefe dieses Werkes.
So hangelt sich der ganze furchtbar öde Opernabend zäh von Kapitel zu Kapitel. Warum die Welt Sarastros, in die Papageno und Tamino schließlich hineinstolpern, im Zirkus angesiedelt ist (Bühne: Katharina Schlipf, Kostüme: Ursula Kudrna), wo allerlei Akrobaten herumturnen, bleibt ebenso willkürlich wie die Verortung der Rahmenhandlung im Wien des Jahres 1913.

In Sachen Willkür und eigenwillig-eitler Setzung passt das, was aus dem Orchestergraben tönt, zu dem, was auf der Bühne langweilt, leider nur allzu gut. Effekthascherei bestimmt das Geschehen hier wie dort. Constantinos Carydis zwingt die Wiener Philharmoniker zu abenteuerlichen Tempi, zerdehnt lyrische Passagen geschmäcklerisch über Gebühr und scheut dabei nur eines, nämlich ein mittleres Maß, – ohne dadurch selbst der Mittelmäßigkeit zu entwachsen. Carydis sucht die Extreme und will es – man merkt die Absicht, und man ist verstimmt – partout anders machen als seine Kollegen. Deshalb lässt er die Sänger gelegentlich Verzierungen anbringen und einzelne Passagen sogar immer wieder vom Cembalo begleiten.

Die Sänger haben es bei solchen exzentrischen Tempovorstellungen nicht leicht. Sie schlagen sich tapfer, aber über ein solides Niveau reicht an diesem Premierenabend kaum einer hinaus. Albina Shagimuratova meistert die erste Arie der Königin der Nacht mit Bravour, intoniert dann aber in den fallenden Koloraturen der Rache-Arie nicht immer makellos. Bei Christiane Kargs Pamina stören mitunter zwar Nebengeräusche in der Tongebung und ein etwas scharfes Vibrato. Dennoch glückt ihr mit der großen g-Moll-Arie „Ach, ich fühl’s“ der bewegendste Moment des Abends. Mauro Peter fehlt die leichte lyrische Höhe für die Partie des Tamino, und Adam Plachetka gibt einen stimmlich wie darstellerisch grobschlächtigen Papageno ohne jeden Charme. Fehlbesetzt ist endlich die Rolle des Sarastro. Matthias Goernes Bass fehlt die profunde Tiefe und klingt seltsam breiig.

Und so ist man froh, als pünktlich zur Feuer- und Wasserprobe (wann je hat man sie so lahm gehört wie jetzt in Salzburg?) auf der Bühne der Erste Weltkrieg ausbricht und diesem armseligen Opernabend ein Ende bereitet.

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