Die Räuberbraut

Etwas für ausgrabungsfreudige Theater

Das WDR-Sinfonieorchester führte Ferdinand Ries‘ so gut wie unbekannte Oper "Die Räuberbraut" auf

(Köln, 2. Dezember 2011) Zu seinen Lebzeiten war Ferdinand Ries (1784-1838) ein bekannter und angesehener Komponist und Klaviervirtuose. Heute weiß man fast nur noch, dass er mit Ludwig van Beethoven (ein gebürtiger Bonner wie er) befreundet war und ihm mit seinen "Biografischen Skizzen" eine erste Darstellung seines Lebens widmete. Auch für Beethovens Werk setzte sich Ries nachdrücklich ein, führte beispielsweise die 9. Sinfonie an seinem zeitweiligen Wirkungsort London ein und präsentierte sie darüber hinaus als deutsche Erstaufführung bei den Rheinischen Musikfesten. Eine eher marginale Verbindung zwischen den beiden Musikerpersönlichkeiten ergibt sich aus der Tatsache, dass Wilhelmine Schröder-Devrient, führende Leonoren-Interpretin ihrer Zeit, auch die Laura in der Ries-Oper "Die Räuberbraut" verkörperte, als das Werk nach der erfolgreichen Frankfurter Uraufführung (1828) nach Berlin kam.

Es handelt sich bei der "Räuberbraut" um das erste Bühnenwerk des Komponisten, der bislang fast ausschließlich der  Instrumentalmusik zugetan war. Diese ist, jedenfalls auf Tonträgern, derzeit wieder etwas im Kommen. Beim sinfonischen Bereich dankt man diesen Aufschwung nicht zuletzt dem englischen Dirigenten Howard Griffith (sämtliche Sinfonien mit dem Zürcher Kammerorchester). Mit dem Sinfonieorchester des Westdeutschen Rundfunks hat Griffith Ries-Ouvertüren eingespielt. Wohl mit aufgrund dieser Produktion kam es jetzt im Klaus-von Bismarck-Saal des "alten" WDR-Funkhauses (bei der Eröffnung 1951 "Großer Sendesaal" geheißen) zur Wiederaufführung der "Räuberbraut" nach rund 170 Jahren, so die Ankündigung im Journal der seit 2008 in Bonn amtierenden Ries-Gesellschaft.

Der etwas reißerische Operntitel hat seinen Ursprung in der sich romantisch kompliziert verzweigenden Handlung. Laura, eine Grafentochter, gibt dem Werben des Räuberhauptmanns Roberto nach, weil dieser ihr dafür die Rettung ihres aus politischen Gründen verfolgten Vaters verspricht. Nicht nur das löst sich in Wohlgefallen auf, Laura kann sogar (nachdem Roberto in einem Duett gefallen ist) in die Arme Fernandos eilen, der sie und den sie liebt, seit er ihr vor Jahren das Leben rettete.
Diese Story lässt sich für heutigen Geschmack kaum noch vermitteln. Zuzugeben ist freilich, dass dieses Problem auch für andere, zumindest lexikalisch bekanntere Werke wie die "Euryanthe" Carl Maria von Webers gilt. Auf Bühnenchancen ist bei der "Räuberbraut" also kaum zu setzen, selbst wenn ausgrabungsfreudige Theater wie Erfurt oder Zwickau/Plauen mitunter Erstaunliches wagen. Gedacht sei auch an Louis-Joseph-Ferdinand Hérolds „Zampa“ vor einigen Jahren in Gießen, die schon wegen ihres namensähnlichen Titelzusatzes "Die Marmorbraut" erwähnt sei. In der Regel aber schließen konzertante Aufführungen oder CD-Produktionen bestehende Repertoirelücken. Auch das Kölner Revival dürfte in Bälde auf Tonträger nachzuprüfen sein.

Die Oper von Ries rekapituliert fraglos manche musiksprachliche Topoi (an Webers "Freischütz" erinnern beispielsweise Terzett und Jägerchor), ist an vielen Stellen aber auch schöpferisch weiterführend. Sie denkt dramaturgisch eher in größeren Szenenkomplexen als in kleinformatig geschlossenen Nummern. Das musikalische Sprachvokabular wirkt ausgesprochen reich, mitunter sogar überreich. Ries neigt nämlich dazu, selbst kleinste emotionale Veränderungen klanglich zu kommentieren.
Die stark applaudierte Aufführung durch das WDR Sinfonieorchester geriet packend. Howard Griffith verstand es, die reiche Farbpalette der Ries-Musik lebendig und schlagkräftig zur Wirkung zu bringen. Vorzügliches leistete auch der WDR Chor. Das hochrangige Solistenensemble wurde angeführt von Ruth Ziesak (Laura), deren Sopran ungemein jugendlich geblieben ist, sich aber auch dramatisch zu steigern wusste. Das Timbre des bassgewaltigen York Felix Speer (Roberto) erinnerte mitunter an George London: ein fülliger, fast dräuender Posaunenton, in seiner maskulinen Potenz nachgerade furchterregend. Die Baritonriege war mit Jochen Kupfer (Graf Viterbo), Christian Immler (Schlosskastellan Anselmo) und Konstantin Wolff (Offizier Carlo) hochrespektabel besetzt. Thomas Blondelle (Fernando) bot einen höhensicheren Tenor, an dessen leicht "tränenden" Unterton man sich freilich etwas zu gewöhnen hatte. Einen Verfasser der Zwischentexte nannte das Programmheft nicht. Auf jeden Fall passte Ernst Konareks gemütvoller Erzählton gut zu dem ebenso heimeligen wie märchenhaft unheimlichen Stoff.

Christoph Zimmermann

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