Die Passagierin

Oper wider das Vergessen

Foto: Forster

Das Musiktheater im Revier brachte Mieczyslaw Weinbergs "Die Passagierin" in einer bewegenden Inszenierung neu heraus
Von Christoph Zimmermann
(Gelsenkirchen, 28. Januar 20917) Am Tag vor der Premiere, also am 27. Januar, gedachte man in Deutschland der Befreiung der Konzentrationslager vor 72 Jahren. Es gibt Filmaufnahmen von den überlebenden Insassen, ausgemergelt, gespenstisch, die Angst über Erlebtes noch in die Gesichter geschrieben. Diese Bilder sind nur schwer auszuhalten. Das Anschauen sollte aber jedem zwangsverordnet werden, der die „braunen“ Jahre verharmlost oder gar neu herbei zu rufen sich nicht schämt. Auch das Statement von Walter, in der Oper „Die Passagierin“ Gatte von Lisa, einer ehemaligen KZ-Aufseherin, jeder habe „das Recht, den Krieg zu vergessen“, kann nicht gelten. Selbst die jüngere Generation darf sich nicht von Schuldvergangenheit freisprechen, vor allem, wenn sie das Land ihrer Geburt betrifft. Engagierte Streiter wider das Verdrängen und für die Aufarbeitung von ungesühnten Verbrechen wie etwa Beate Klarsfeld sollten also unseren besonderen Respekt haben.
Die Schrecken des Dritten Reichs wurden und werden auch künstlerisch immer wieder reflektiert. Am Tag um den 27. Januar herum nahm z.B. das Fernsehen neben diversen Dokumentationen einschlägige Spielfilme ins Programm wie „Die Vorleserin“ (2008) oder (kaum bekannt) „Wir fahren in die Stadt“ (1966, mit Geraldine Chaplin). Im Bereich des Schauspiels wäre u.a. an „Die Ermittlung“ von Peter Weiss und „Mein Kampf“ von George Tabori zu erinnern. Udo Zimmermanns „Die weiße Rose“ (kürzlich in Köln) und „Anne Frank“ von Grigori Frid sind Beispiele für Opern, konzentrieren sich aber mehr auf die innere Befindlichkeit der handelnden Personen.
An das Thema Konzentrationslager wagten sich Nicholas Maw mit „Sophies Choice“ und Stefan Heucke mit „Das Frauenorchester von Auschwitz“ (UA 2006 in Krefeld/Mönchengladbach, mitwirkend Anne Gjevang). Inzwischen gilt, beginnend mit der szenischen Uraufführung in Bregenz 2010, starke Aufmerksamkeit der Oper „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg. 1968 in der Sowjetunion geschrieben, wurde das Werk zunächst totgeschwiegen, weil es nicht in das politische Bild der Regierung passte. Nicht zuletzt befürchtete man einen Vergleich mit Gulag. Erst 2006 erfolgte die Konzertpremiere in Moskau, dann kam Bregenz szenisch. In der Folge fanden (in Kooperation mit Bregenz) Aufführungen in Warschau, an der English National Opera und in Madrid statt. 2013 war die Deutsche Erstaufführung in Karlsruhe, ein Jahr später sah man das Werk in Houston und am New Yorker Lincoln Center, 2015 erfolgten Produktionen in Chicago und Frankfurt (mit Gastspiel in Wien, im kommenden Juni Übernahme an der Dresdner Semperoper). Jüngst erlebte man eine (vor kurzem ans Bolschoi-Theater übernommene) Inszenierung in Ekaterinenburg, im fernen Ural also, welcher Perm eine Konzertdarbietung vorausschickte. Der Komponist erlebte keine Aufführung seiner Oper, er starb 1996.
Geboren wurde Mieczyslaw Weinberg 1919 in Warschau, er floh beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in die Sowjetunion. Seine Familie blieb zurück und fiel dem Holocaust zum Opfer. In Moskau wurde Dmitri Schostakowitsch zu seinem Mentor. Da Weinberg nicht der Partei beitrat, wurde er praktisch tot geschwiegen, zumal der „Prager Frühling“ das Klima in der Sowjetunion verschlechtert hatte. Man machte dem Komponisten den Vorwurf eines „abstrakten Humanismus“. Welch eine politische Wortdrechselei.
„Die Passagierin“ jetzt also Gelsenkirchen. Man muss sich nur die umfänglichen Rahmenveranstaltungen und die Foyer-Ausstellung über das Theater der Stadt im Dritten Reich (samt kulturellem Umfeld) vor Augen führen, um zu würdigen, mit welchem Engagement das heutige Musiktheater im Revier seine Produktion von Mieczyslaw Weinbergs (mehrsprachiger) Oper angegangen ist. Von besonderer Bedeutung (auch emotional) war die Anwesenheit von Zofia Posmysz, der „Ur-Autorin“ von „Die Passagierin“. Die heute 94jährige Schriftstellerin, welche das KZ durch glückliche Umstände überlebte, stellte sich zwei Tage vor der Premiere den Fragen eines interessierten Publikums, wie sie es auch schon anderswo getan hatte. Und als die zierliche alte Dame zum Schlussbeifall in den Kreis der Mitwirkenden trat, erhoben sich die Zuschauer.
Nicht eine leere Note
Die Oper basiert auf ihrem Hörspiel „Die Passagierin aus der Kabine 45“, wurde dann zur (bald auch verfilmten) Novelle umgearbeitet. Eine russische Übersetzung fiel Dmitri Schostakowitsch die die Hände. Sofort versuchte er, seinem Freund Weinberg eine Umgestaltung zur Oper schmackhaft zu machen. Mit Hilfe des Librettisten Alexander Medwedew geschah dies erfolgreich. Schostakowitsch lernte die Musik  kennen, als Weinberg im Freundeskreis des sowjetischen Komponistenverbandes Auszüge der Oper am Klavier präsentierte. Schostakowitschs Statement, die Musik enthalte auch „nicht eine leere, gleichgültige Note“, ist das vermutlich knappste und treffendste Urteil über die „Passagierin“.
Die Oper beginnt mit harten Schlagzeug-Attacken und endet in einem sich pianissimo verlierenden Ton der Piccoloflöte. Zwischen diesen Ausdrucksextremen mäandert Weinbergs expressive Musik, deutlich am Puls der Zeit, bleibt aber immer einprägsam für die Ohren, ist sogar bereit zur Trivialität, wo es die theatralische Situation erfordert. Da zeigt sich zweifellos der Einfluss von Schostakowitsch. In Gelsenkirchen bringt Valtteri Rauhalammi dieses breit gefächerte Klangspektrum mit der Neuen Philharmonie Westfalen packend zur Geltung. Besonders ergreifend wirken die Szenen, wo sich KZ-Insassinnen ihren Träumen hingeben und traurige Sinnfragen stellen. Hier wird die Harmonik deutlich milder. Höhepunkt ist ein unbegleitetes Lied, in dem die junge Katja von ihrer russischen  Heimat singt. Hier möchte man vor  Alfia Kamalova in die Knie sinken. Regelrecht schockierend ist die Szene, als Martas Freund, der bereits für den Tod bestimmte Tadeusz zu einem unterhaltsamen Geigenspiel abkommandiert wird, aber statt des erwarteten Trivial-Walzers eine Bach-Chaconne abstimmt, deren Gestus das Orchester ausdruckssteigernd aufnimmt. Piotr Prochera (kerniger Bariton) bietet das Violinspiel höchstselbst.
Bestechende Natürlichkeit
Dieses Bild stellt wie auch andere eine Rückblende dar. Die Haupthandlung spielt 1960. Lisa ist auf der Schiffsreise nach Brasilien, wo auf ihren Gatten Walter neue diplomatische Aufgaben warten. Die angeregte Stimmung wird gestört durch die Begegnung mit einer Frau, in welcher Lisa die einstige KZ-Insassin Marta zu erkennen glaubt, welche unter ihrem Befehl stand. Auf Befehl beruft sich Lisa auch, als sie Walter unter diesem Eindruck zögernd von ihrer bislang verschwiegenen Vergangenheit berichtet. Ob sie, die auf pflichtbewusstes Deutschtum stolz ist, ihre Aufgaben irgendwie auch „genoss“, wird in der Oper etwas offen gehalten. Von einem gewissen Maß an Sadismus darf jedoch ausgegangen werden, bedenkt man Zofia Posmysz‘ Äußerung über die Initialzündung für ihre Novelle. In ihrer früheren Funktion als Journalistin war sie Ende der fünfziger Jahre in Paris und hörte dort auf einmal laut gesprochene, deutsche Worte aus dem Mund einer Frau, deren Stimme sie an ihre KZ-Aufseherin erinnerte. „Sie hatte genau diesen scharfen Ton.“ War diese Frau aber wirklich Lisa? Diese Frage klärt sich nicht, und so ist auch die Opernstory durchmischt von real Erlebtem und fiktiven Elementen.
Regisseurin Gabriele Rech und Bühnenbildner Dirk Becker tun gut daran, dieses empfindliche Gleichgewicht nicht mit falscher couleur locale zu gefährden. Man sieht konkret den vornehmen Speisesaal eines Schiffes, der sich bei den KZ-Erinnerungs-Szenen nur durch Auftritte der Insassen optisch „verwandelt“. Die Kostüme von Renée Listerdal schaffen dabei zwar historische Klarheit, andererseits wird (anders als etwa in Frankfurt) auf kahl geschorene Schädel verzichtet. Auch durch die ständige Anwesenheit Walters (der zuletzt nicht mehr zu singen hat) bleibt der Eindruck von Gegenwart durchgehend erhalten. Die Inszenierung besticht durch unforcierte Natürlichkeit; die Szene wirkt belebt, ohne durch ein darstellerisches „zu viel“ erdrückt zu werden. Eine neue erfolgreiche Etappe auf dem rezeptionellen Weg dieser bedeutenden Gegenwartsoper, die weiter zu verfolgen spannend sein wird.
Die Sängerinnen der KZ-Frauen bilden ein homogenes Ensemble, bei dem man sich scheut, einzelne Leistungen gegeneinander abzuwägen. Also nur ein pauschales Lob für Anke Sieloff, Silvia Oelschläger, Noriko Ogawa-Yatake, Bele Kumberger, Almuth Herbst Und Christa Platzer. Es gibt noch weitere Mitwirkende. Man würde sie alle gerne fragen, wie sie sich bei der Vorbereitung zur Aufführung und danach gefühlt haben.
Kor-Jan Dusseljee, in jungen Jahren als lyrischer Tenor fest zum Gelsenkirchener Ensemble gehörend, hat sich inzwischen erfolgreich auf Charakterpartien konzentriert und macht jetzt auch aus Walter eine geerdete Figur. Die Isländerin Hanna Dóra Sturludóttier überzeugt in der Partie der Lisa sowohl als Dame von Welt (heute) wie auch als lässig ihr bösartiges Amt ausübende KZ-Aufseherin (damals). Den Schock über die plötzliche Konfrontation mit unbewältigter Vergangenheit wird bei ihr beklemmend deutlich.
Die Griechin Ilia Papandreou hat den Vorteil, dass sie mit der Rolle der Marta die Sympathiefigur der Oper inne hat. Ihr leuchtender Sopran macht das „Reine“ dieser Frau („Lagermadonna“) einleuchtend und erschütternd. Ihr gehört der Schlussmonolog. Er ist Erinnerung („Ich werde euch nie und nimmer vergessen“), aber auch moralische Forderung an die Menschen von heute („Keine Vergebung, niemals“). Nach dem Erleben dieser Oper geht man kaum gleich zur Tagesordnung über.

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