Die Liebe zu drei Orangen in Stuttgart

Prokofjew im Pixelpark

Axel Ranisch spielt bei Prokofjews „Die Liebe zu drei Orangen“ in Stuttgart virtuos mit den Mustern eines Videospiels

Von Klaus Kalchschmid

(Stuttgart, 2. Dezember 2018) „Orange Desert III“ nennt Regisseur Axel Ranisch in Anspielung auf Titel und Handlungsorte der originalen Oper das fiktive Videospiel in der verpixelten Optik der frühen 1990er, mit dem er einen ganzen Abend lang Sergej Prokofjews „Liebe zu drei Orangen“ überblendet (der Artikel im Titel fehlt, um den Silben des Russischen zu entsprechen). Dieser Titel kommt nich von ungefähr, handelt Prokofjews aus dem Jahr 1919 doch von einem Königssohn, der vom „hypochondritischen Schleim“, sprich seiner Melancholie, die ihm das Lachen vergällt hat, geheilt werden soll und eine Initiation erlebt, die ihn in der Wüste (desert) mit drei (III) Orangen konfrontiert, aus der durstige Prinzessinnen schlüpfen.

Am Ende läuft das Ganze zum großen Finale auf: Der kleine Lockenkopf Serjoscha, wie der Kosename für Sergej lautet (Ben Knotz), den man immer wieder per Video vor dem PC sitzen sah, ist plötzlich durch Intervention der bösen Fee Fata Morgana (Carole Wilson) zwischen die Fronten seines eigenen Spiels geraten und versucht nun – mit Hilfe seines Vaters am Joystick – nicht nur sich, sondern auch das Leben seiner Protagonisten zu retten. Da wirbeln plötzlich alle wie ferngesteuert über die Bühne und das Chaos ist perfekt. Der Abend bekommt so eine schöne Brisanz, denn Ranisch traut auch dem Happy Ending nicht so recht: Warum erklärt der Prinz ausgerechnet Nanetta, dem dritten Mädchen, das aus einer Orange, hier einem Flugobjekt, entsprungen ist, und beinahe in der Wüste verdursten muss, die große Liebe? Dabei wurde sie doch vom Zauberer Celio (mit langer, weißer Haarpracht wie aus „Herr der Ringe“ entsprungen: Michael Ebbecke) mit Geld prostituiert und gebiert am Ende – eine Orange!

Bühnenbildnerin Saskia Wunsch hat auf die Bühne eine Art gestrandeter Dampfer mit Schornstein (und Rutsche!) gebaut, in dessen Schiffs-Bauch man gelegentlich sehen kann, und Till Nowak schuf dazu eine gleichermaßen entzückend altmodisch verpixelte Computeranimation. So gelingt es fulminant, die verschiedenen Ebenen von Theater- und Videospiel, Tragödie und Komödie, Ernst und Spaß virtuos zu verschränken, wozu auch die knatschbunten, originell ausgeflippten Kostüme von Bettina Werner und Claudia Irro einen entscheidenden Beitrag leisten. Weil (Film-)Regisseur Ranisch aber auch witzig und fantasievoll (Personen-)Regie führen kann, sieht vieles nach Commedia dell’arte des 21. Jahrhunderts aus, wird der König (sonor bassstimmig sich Gehör verschaffend: Goran Jurić) gleich zu Beginn wie ein Märchen-Herrscher eingekleidet, sieht Leander, der Premierminister (herrlich fies: Shigeo Ishino), aus, als wäre er einer Science-Fiction-Serie entsprungen, scheint Pantalone (Johannes Kammler) in einen Topf mit oranger Farbe gefallen zu sein. Die drei entzückend singenden Prinzessinen (Aytaj Shikhalizade, Fiorella Hincapié, Esther Dierkes) tragen Haarpracht wie im alten Ägypten, Matthew Anchel ist mit warmem Bass als so gar nicht bedrohliche Köchin ein zart tuntiges Prackl, während ein dünner Schlacks von Zeremonienmeister (der blutjunge Tenor Christopher Sokolowski) aus einer Charles-Dickens-Verfilmung stammen könnte. Das perfekte Komödien-Paar geben freilich zwei weitere Tenöre ab: Elmar Gilbertsson als tütteliger Prinz, der großartig spielt, er wäre eine Mischung aus Mensch und Marionette, und Daniel Kluge als sein ängstlicher Diener Truffaldino.

Aber was wäre eine „Liebe zu drei Orangen“ ohne das sich permanent vorlaut und prägnant einmischende oder antreibende Orchester, das anfangs gegenüber der Komödien-Handlung wie ein aggressives Gegengift wirkt, im zweiten Teil aber immer mehr mit dem absurden Geschehen sich vermischt und jeder szenischen Volte noch eine instrumentale aufsetzt. Unter Alejo Pérez ist das Staatsorchester Stuttgart – wie auch der Staatsopernchor – mit Feuereifer bei der Sache und hat hörbar Spaß am temporeichen, nie zur Ruhe kommenden Geschehen, das harmonisch und rhythmisch enormen Reichtum besitzt.

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