Die größte Geige der Welt

Es gibt viel zu entdecken beim Festival „Vielsaitig“ in Füssen

Konzert des Verdi Quartetts mit dem Pianisten Hatem Nadim

Von Robert Jungwirth

(Füssen, 5. September 2017) Füssen ist nicht nur die Stadt der weltberühmten Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau, Füssen war auch mal eine berühmte Stadt des Instrumentenbaus. 1562 wurde hier die erste Lautenmacherzunft in Europa gegründet. Bis zu 20 Lautenmachermeister arbeiteten im 16. Jahrhundert in Füssen, und in der Barockzeit kam der Geigenbau hinzu. Bis zu 80 Geigenbauer zählte man im 18. Jahrhundert.

An diese Tradition möchte das Festival „Vielsaitig“ erinnern, das immer im Herbst ein hochkarätiges Kammermusikprogramm in die pittoreske Altstadt der Alpenstadt bringt. So gibt es zu den Konzerten auch Vorträge und Demonstrationen von Instrumentenbauern – in diesem Jahr etwa die Demonstration der größten spielbaren Geige der Welt. Sie bringt es auf eine Länge von 4,27 Meter und ein Gewicht von 131 kg! Natürlich steht das wertvolle Stück auch schon im Guinessbuch der Rekorde.

Für das Programm des kleinen, aber feinen Kammermusik-Festivals „Vielsaitig“ zeichnet neben dem rührigen Kulturamt der Stadt auch das aus Deutschland stammende Verdi Quartett verantwortlich, das als „künstlerisches Beratergremium“ für das Festival fungiert und zu den eigenen Konzerten auch Meisterkurse anbietet. Neben den beiden Gründerinnen Susanne Rabenschlag (1. Violine) und Karin Wolf (Viola) spielen der Geiger Matthias Ellinger und der Cellist Zoltan Paulich in dem Ensemble – Paulich ist Solocellist des Württembergischen Staatsorchesters Stuttgart sowie des Orchesters der Bayreuther Festspiele. Die Konzerte finden meist im reich verzierten barocken Kaisersaal des Klosters Mang im historischen Zentrum statt.

Das Konzert des Verdi Quartetts vom vergangenen Dienstag bot zwei herausragende Erstlingswerke und das dritte Klavierquartett von Johannes Brahms. 17 Jahre war Dmitri Schostakowitsch alt als er sein Klaviertrio Nr. 1 mit der Opuszahl 8 komponierte. Ein Beispiel für die enorme musikalische Reife und das kreative Potential des jungen Komponisten. In tragischem c-Moll (wie Brahms‘ Klavierquartett) klingt es mitunter tatsächlich sehr nach Brahms, mit tiefschürfendem Duktus, um dann aber in einen recht gewagten, rhythmisch aufgepeitschten Veitstanz hinüber zu schwenken. Im elegischen Teil des einsätzigen Werks klingt es dann nach Dvorak, man kann aber auch schon etwas von Schostakowitschs späterem Stil erahnen.

Matthias Ellinger, Zoltan Paulich und der Pianist Hatem Nadim spielten das mit kraftvollem Zugriff und jeder Menge Melos. Auch im äußerst anspruchsvollen Klavierquartett erwies sich Nadim als ebenso engagierter wie virtuoser Klavierpartner mit großem Gespür für die musikalische Faktur der Komposition.

Bei Brahms gingen denn auch alle Beteiligten mit Leidenschaft in die Vollen, ließen geradezu orchestrale Klangwirkungen hörbar werden. Da zeigte sich, welch hervorragende Musiker am Werke sind – phantastisch etwa der innige Cello-Ton von Paulich in der Introduktion des bewegenden Adagios – vielleicht der Höhepunkt des Werks. Im abschließenden Finale hätte dann die Dynamik ein wenig mehr Differenzierung vertragen können – während des gesamten Satzes war im Grunde nur eine Lautstärke zu hören.
Das war auch der Eindruck im Schlusssatz des F-Dur-Quartetts (op.18/1) von Beethoven – das erste Quartett aus seiner Feder. Auch hier überzeugte das Adagio mit seiner enormen Seelentiefe am meisten – nach ein paar Unsauberheiten im letzten Satz. Großer Applaus im Kaisersaal – und dafür gab’s dann das Brahms-Scherzo gleich nochmal als Zugabe, was vielleicht nicht die beste Wahl war, wenn man als Hörer ohnehin noch ganz im Brahms-Rausch gefangen war…

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