Die Gezeichneten in München

Foto: Anne Kirchbach

Erotische Exzesse im Betonbunker

Dauerespressivo – Ingo Metzmacher und Krzysztof Warlikowski bringen bei den Münchner Opernfestspielen Franz Schrekers „Die Gezeichneten“ heraus

Von Robert Jungwirth

(München, 1. Juni 2017) Wo ist eigentlich Kirill Petrenko? Das mochten sich viele Besucher der Münchner Opernfestspiele an diesem Abend gefragt haben. Warum dirigiert nicht der GMD des Hauses die Eröffnungspremiere dieses Festivals? Hat er Besseres zu tun? Wer den Spielplan kennt, weiß dass Petrenko gerade erst die „Tannhäuser“-Premiere geleitet hat und in der kommenden Woche die Wiederaufnahme der „Frau ohne Schatten“ mit ihm ansteht. Dennoch ist es schon etwas seltsam und auch nicht wirklich zu verstehen, dass eine so wichtige Produktion wie die „Gezeichneten“ von Schreker – zuletzt an diesem Ort 1919 von Bruno Walter dirigiert – als Festspielpremiere nicht vom GMD des Hauses geleitet wird. Auch wenn der Schreker-erfahrene Ingo Metzmacher als „Ersatz“ seine Sache zweifellos gut gemacht hat und mit seinem (späten) Debüt an der Bayerischen Staatsoper die Fülle der Wohllaute dieses eigentümlichen Werks in luxurierender Weise ausbreitete.

Vielleicht sind Petrenko die Originale von Strauss und Wagner aber auch lieber als ihre zwar genialische, aber doch auch recht epigonale „Übersetzung“ ins Schrekerische. Tatsächlich wäre München vor knapp 100 Jahren beinahe der Uraufführungsort dieser Oper geworden. Bruno Walter – Petrenkos Vorvorvor..gänger als GMD – plante das Werk in München herauszubringen, was man aber vor allem aufgrund der „Unsittlichkeit“ des Librettos zu verhindern wußte. Was ist das auch für eine verquaste Geschichte um Lust, erotische Exzesse, Mädchenentführung und mit einer Schauerromanze eines sich nach Liebe sehnenden missgestalteten, aber stinkreichen Menschen. Ein typisches Produkt aus wilhelminischer Zeit wie „Salome“ oder „Lulu“. Mit geradezu explosionsartiger Wucht befreite sich damals eine lange unter dem Deckel gehaltene Sexualität, mit Auswirkungen weit in die 20er Jahre hinein. Da hatte sich gehörig etwas angestaut. Und Franz Schreker, der Erotomane unter den Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts, bringt den Kessel musikalisch zum Explodieren.

Nun hat dieses Dauerespressivo, das sich anhört, als hätte Richard Strauss einen vierten Akt „Parsifal“ komponiert, auch etwas Ermüdendes. Vor allem die ersten beiden Akte ziehen sich – auch und vor allem wegen des allzu redseligen Textes (von Schreker verfasst). Metzmacher setzt hier ganz auf die Überzeugungskraft der Musik, die aber zu oft mit zu viel Bedeutung aufgeladen ist im Vergleich zu dem, was textlich verhandelt wird, so dass es mitunter zu grotesken Diskrepanzen kommt. Hier wäre ein wenig mehr Differenzierung, respektive Zurücknahme kein Fehler gewesen. Oder man macht einfach beherzt Striche, was auch kein Fehler wäre. Doch Metzmacher scheint von der Süffigkeit der Musik und der wahrlich phantastischen Klanglichkeit des Bayerischen Staatsorchesters zu sehr angetan zu sein, um hier öfter das Bremspedal zu benutzen. So wogte ein schier unendlicher zweistündiger Klangstrom über die Köpfe der Zuschauer hinweg – gewissermaßen ohne Punkt und Komma. Der dritte Akt war in dieser Hinsicht besser. Auch die Idee, ihn mit der Selbstbeschreibung von Schreker als Musik-Erotomanen, zitiert von der Hauptfigur Alviano, beginnen zu lassen, ist interessant und hintersinnig.

Foto: Anne Kirchbach

Foto: Anne Kirchbach

Leider ist Krzysztof Warlikowski in seiner Inszenierung für die ersten beiden Akte nicht allzu viel eingefallen. Die Adligen, die sich eine Lusthöhle samt weiblichen Bewohnerinnen halten und diese dort vergewaltigen, sitzen – die bürgerliche Fassade wahrend – an einem Konferenztisch wie Aufsichtsräte in einem Bunker aus Beton, Stahl und Glas. Hat Warlikowski hier vielleicht an die lustreisenden VW-Betriebsräte gedacht? Möglich wäre es und berechtigt auch. Denn die Einstellung der VW-Mitarbeiter zum weiblichen Geschlecht trifft sich in etwa mit dem der adligen Bagage in Schrekers Oper. Der Protagonist der Oper, der missgestaltete Reiche Alviano Salvago, erscheint bei Warlikowski wie der „Elefantenmensch“ aus David Lynchs gleichnamigem Film mit einem Stoffsack über dem Kopf. Erst später sieht man auch seinen missgestalteten Kopf. John Daszak singt und spielt diesen Alviano überragend – mit hellem, ja gleißendem Tenor, der vor allem im dritten Akt zu enormer Dringlichkeit fähig ist. Eine großartige Leistung.

Überhaupt sucht und findet Warlikowski zahlreiche filmische Anspielungen. Immer wieder werden auf einer rückwärtigen Leinwand Episoden aus Stummfilmen wie Nosferato, der Golem, Frankenstein oder Phantom der Oper eingespielt. Alles Filme, in denen sich ein Monster nach Liebe sehnt – soweit so plausibel. Nur ist die sterile Beton-Umgebung (Ausstattung: Malgorzata Szczesniak), die auch mal durch einen Boxring belebt wird, eher ermüdend auf Dauer. Ausnahme ist die Atelierszene zwischen Alviano und der von ihm verehrten jungen Malerin Carlotta, die den Höhepunkt der ersten beiden Akte bildet. Die (musikalische) Psychologie der eigentümlichen Annäherung dieser Beiden gelang überaus stimmig und überzeugend – mit einer stimmlich beeindruckenden Catherine Naglestad, die gleichwohl von ihrer Art und Kostümierung her etwas zu matronenhaft wirkt für die Rolle. Ein Spiegel an der Rückwand, der das Theater und seine Besucher spiegelt ist übrigens auch noch eine äußerst überflüssige und alberne Regieidee – ebenso wie etliche Personen mit Mäusenköpfen, die sehr weit hergeholt einen Bezug zu Kafkas „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ herstellen sollen.

Foto: Anne Kirchbach

Foto: Anne Kirchbach

Richtig gelungen – musikalisch und szenisch – ist der dritte Akt nach der Pause mit einem hübsch glitzernden und Spitze tanzenden Erotikballett im 20er Jahre-Look. Hier kommen auch die beiden fantastischen Sänger Christopher Maltman als Frauenvertilger Tamare und Tomasz Konieczny als Herzog noch einmal ganz besonders zur Geltung und unterstreichen die musikalische Qualität dieser Produktion. Und die tragische Verliebtheit Alvianos erfährt ihre finale Lösung.
Ob man sich das alles aber über drei Stunden hinweg anhören soll, muss jeder für sich entscheiden.

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