Didone

Wiederentdeckung eines Meisterwerks

Karthago als Hüpfburg Foto: Bayer. Theaterakademie

Die Bayerische Theaterakademie präsentiert eine musikalisch sensationelle Wiederenteckung: Hasses über 200 Jahre nicht mehr gespielte "Didone abbandonata" – mit Sängerinnen und Sängern auf Staatsopernniveau
(München, 21. Mai 2011) Was für eine grandiose Musik zwischen Barock und Vorklassik; welch‘ ausgezeichnete junge Sänger; ein Originalklang-Orchester erster Güte und dazu vitale, körperbetonte, freche, minutiös gearbeitete heutige Regie in einem originellen Bühnenbild und mit trefflichen, modernen Kostümen! Nein, nicht der Ozeandampfer der Bayerischen Staatsoper lud zu großer Fahrt, sondern ein Ausbildungsinstitut – die Bayerische Theaterakademie August Everding – bescherte im Prinzregententheater mit der Münchner Hofkapelle unter Michael Hofstetter die umjubelte Münchner Erstaufführung einer Oper von Johann Adolph Hasse, die seit 240 Jahren nicht mehr gespielt wurde. Rüdiger Lotter, Konzertmeister der Hofkapelle, hat die Oper aufgespürt, deren Notenmaterial überhaupt erst – nicht zuletzt mit Unterstützung der Hasse-Gesellschaft München – nach der Handschrift in Venedig ediert werden musste. 
Was den musikalischen Teil angeht, war sie nahe der Uraufführung am 7. Oktober 1742 im Hubertusburger Schlosstheater – bis hin zur Orchesteraufstellung mit den tiefen Streichern verteilt im Raum, Holzbläsern im Zentrum zwischen den beiden Cembali, vier Hörnern links hinten und den Geigen sich gegenüber sitzend (!) auf der rechten Seite, nicht zu vergessen die beiden Lauten in der Mitte vor der Rampe. Zwei exzellente junge Countertenöre sangen die männlichen Hauptrollen – als Ersatz für die Kastraten der damaligen Zeit.  
Die Handlung von Pietro Metastasios zwischen 1725 und 1825 an die 50 mal vertontem Libretto ist für eine Barockoper schnell erzählt: Enea (Äneas) will Didone (Dido) verlassen, weil ihm sein Vater im Traum an die Bestimmung erinnert habe, in Italien ein neues Troja zu errichten. Iarba, der bisher von Didone verschmähte afrikanische König, wird immer dreister in seinem Begehren um Frau und Thron – bis hin zum Mordversuch an Enea. Selene, die Schwester Didos, selbst in Enea verliebt, versucht vergeblich zu vermitteln. Didone spielt Enea und Iarba gegeneinander aus. In deren Kampf unterliegt Iarba, wird aber nicht getötet. Enea entscheidet sich endgültig, als Krieger nach Italien zu reisen. Iarba hat Karthago erobert und in Flammen gesetzt. Didone wird von Zweifeln, Angst und Verzweiflung aufgezehrt und begibt sich in den Tod – einem letzten Heiratsantrag Iarbas sich verweigernd.   
Was sich hier so einfach liest, wird von Hasse als musikalisch spannendes Psycho-Drama erzählt, in der Nebenfiguren Gewichtiges beisteuern dürfen – wie der Überläufer Osmida, Didones Feldherr, der sich Iarbas anbiedert, oder noch mehr Didos Schwester Selene. Iarba, der wilde (selbst-)zerstörerische Macho, gibt am Ende in einer traumhaft schönen, zarten, langen Arie seinen weichen Kern preis, während Didones Ende auch musikalisch in langen Recitativi accompagnati und Ariosi als das Psychogramm einer zerstörten Frau erschütternd deutlich wird. Wie ein Kind, das im Zorn sein Lieblingsspielzeug kaputt gemacht hat, steht Iarba vor den Trümmern seines Zerstörungswerk und singt nun vor Entsetzen über das eigene Tun eine der schönsten Klagearien, die je komponiert wurden. Valer Barna-Sabadus lässt seinen sonst zu so viel Furor mächtigen hohen, klangvollen und koloratursicheren Countertenor, der schon fast ein Sopran ist, immer wieder im zarten Piano einsetzen und dabei berührend zart schimmern. Auch die Didone der Theresa Holzhauser ist in den finalen Accompagnati, denen immer wieder eigentümlicher Trost als Vorspiel zu ariosen Passagen folgt, ganz bei sich und ihrer Rolle. Ihr hoher Mezzo wird da das Instrument einer verzweifelt nur noch den Tod herbeisehnenden Frau, die allen Stolz, von dem noch ihre erste Arie spricht, aufgegeben hat. 
Wie Magdalena Hinterdobler als Selene, Didones Schwester, ihren wunderbaren, lyrischen Sopran einsetzt, der auch in den Koloraturen perfekt sitzt und in langen Arien enormes Duchhaltevermögen beweist, ist schlicht beglückend. Irgendwann hat man vergessen, dass dies alles noch Studenten sind, die vielleicht zum ersten Mal mit Barockoper und ihrer ganz besonderen  Stilistik in Berührung kommen.  
Denn auch die übrigen Sänger agieren auf hohem Niveau: Flavio Ferri-Benedetti gibt den Enea als Gast ebenso heldische Züge, wie er ihn, gemäß der Musik, in seiner letzten Arie als eitlen, egozentrischen Geck entlarvt. Andreas Burkhart gibt dem eiskalten Überläufer Osmida  eine gute Portion metrosexueller Geilheit, denn er setzt buchstäblich einschließlich seines Körpers alles ein, um ein Stück Macht abzubekommen. Bleibt Maria Celeng, die als Araspe, dem Vertrauten des Iarba, mittels Stimme und Auftreten faszinierend einen ganz jungen, androgynen Charakter formt, der erst seinen Platz in der Welt suchen muss. 
Was aber wären diese jungen Sänger ohne einen Dirigenten und ein Orchester, das sie auf so hohem Niveau stimuliert und trägt, fordert und ihnen zugleich das Gefühl absoluter Sicherheit gibt, wie die Münchner Hofkapelle unter Michael Hofstetter. Alle zärtliche Schönheit, die oft im zweiten Teil schon den Weg Richtung Klassik beschreibt, wird frei entfaltet, aller (barocker) Furor fulminant auf die Spitze getrieben. 
In einem aufblasbaren, im Wortsinn Luft-Schloss zu nennenden Palast Didones, der magisch vielfältig beleuchtet werden kann und dessen Rückwand immer wieder verfremdete nackte Torsi eines Mannes und einer Frau zeigt (Csabal Antal), erzählt Regisseur Balázs Kovalik prall und sinnlich von Motorrad-Helden mit Rasterlocken und geilen Schnöseln (Kostüme: Angelika Höckner), aber auch von großer, verzehrender Liebe und allem Lächerlichen, das damit einhergeht. Wie er in den Arien Statisten – als Soldaten, die mit immer mehr Waffen und Munition den Krieg in den Palast tragen – zu unfreiwilligen Adressaten und Mitspielern macht; wie er die auch musikalisch ungemein genau gearbeiteten Rezitative mit theatralischer Spannung auflädt, ist staunenswert, macht Gefühle und Gewalt des Besungenen körperlich sichtbar.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen am 24., 26., 30. Mai sowie 1. Juni 2011 (jeweils 19.30 Uhr). Karten unter Tel. 089 / 21 85 19 20