Der Vampyr Genf

Der Zombie-Vampyr vom Genfer See

Tómas Tómasson Foto: GTG Magali Dougados

Antú Romero Nunes‘ Horror-Version von Marschners Oper „Der Vampyr“ an der Oper Genf – als Übernahme von der Komischen Oper Berlin, jedoch mit neuer Sängerbesetzung und dem exzellenten Orchestre de la Suisse Romande
Von Klaus Kalchschmid
(Genf, 19. November 2016) Der erste – und schlimmste – Mega-Schocker des Abends trifft den Zuschauer in der hölzernen Ausweichspielstätte des Grand Theâtre Genève gleich zu Beginn: Da springt ein bleicher Hüne mit behaarter Brust, halber Glatze und einem finsteren Gesicht unvermittelt aus dem Graben und greift sich eine junge Frau aus der ersten Reihe! Die schreit so bestialisch, als er ihr die Gesichtshaut abzieht und die Gedärme aus dem Unterleib reißt, dass man zu Beginn dieses „Musiktheaters nach Heinrich Marschner“ das Orchester nicht mehr hört. Dies alles zu einer textlich deutlich harmloseren, aber musikalisch wilden Arie à la Beethovens Pizzaro: „Ha! Welche Lust, aus schönen Augen, an blühender Brust, neues Leben in wonnigem Beben mit einem Kusse in sich zu saugen.“
Der schwedische Bassbariton Tómas Tómasson ist in Antú Romero Nunes‘ Inszenierung ein brachialer, mit den Augen rollender Zombie-Vampyr, von dessen Vorgeschichte wir in der pausenlosen 80-Minuten Version nichts erfahren. Denn sie eliminiert aus Heinrich Marschners „Der Vampyr“ von 1828 jeglichen gesprochenen Dialog und alles biedermeierlich Romantische, gruppiert die restlichen Nummern nach Effekt neu und macht das Ganze mit extra geschriebenen, manchmal unheimlich leise dissonant schraffierten Übergängen (Johannes Hofmann) zum durchkomponierten Horror-Musical unterhalb Spielfilm-Länge.
Das Libretto von Wilhelm August Wohlbrück wurde während eines verregneten Spätsommers im Jahre 1816 – also vor genau 100 Jahren – in der Villa Diodati am Genfer See (!) von selbst erdachten Gespenstergeschichten inspiriert, die sich Lord Byron, Perce Bysshe und Mary Shelley („Frankenstein“ 1818) und John William Polidori („The Vampire“, 1819) vorlasen. Darin hat Lord Ruthven einen Eid gebrochen und ist nun dazu verdammt, dem Teufel binnen Jahresfrist drei jungfräuliche Bräute zu liefern.
Die erste wird in Genf als erste an der Rampe gemeuchelt (siehe oben), ohne dass sie einen einzigen Ton singen durfte. Die letzte (wie schon in Berlin: die wunderbar warm timbrierte, ausdrucksvolle Mezzosopranistin Maria Fisilier) singt die Ballade vom bleichen Mann, die Wagner als Vorbild seiner Ballade der Senta im „Fliegenden Holländer“ diente. Die mittlere (Malwina) geriert sich in Gestalt der exaltiert am Rande des Nervenzusammenbruchs singenden und spielenden Sopranistin Laura Claycomb wie ein zerzaustes Biedermeier-Mädel unter Extasy. Ihr Verlobter Sir Edgar Aubry (ebenfalls unter permanentem Tenor-Hochdruck: Chad Shelton) sieht zwar aus wie Franz Schubert (Kostüme: Annabelle Witt), hat aber wohl ebenfalls zuviel eingeworfen. Oder ist dieses outrierte Bewegungsvokabular gesteuert von Lord Ruthven? Offensichtlich hat er die Macht über jede Bewegung, jede Geste der Menschen um ihn herum. Und die sind – beim exzellenten, noch im Liegen perfekt singenden Choeur du Grand Théâtre de Genève – immer wieder zappelnde, mit den Gliedern schlackernde Untote unter Gesichtsmasken inmitten gemalter Prospekte, die einen barocken Festsaal imaginieren (Bühne: Matthias Koch).
Wie auf Stelzen bewegt sich Bassist Jens Larsen als Malwinas Vater, genannt Sir Humphrey Davenaut. Er singt auch ein bisschen so und macht damit das Horror-Zirkus-Panoptikum vollzählig. Immer wieder wird der breite Rand um den Orchestergraben bespielt, wodurch das Geschehen dem Publikum wie in der Geisterbahn so richtig schön auf die Pelle rückt; eine Spinne, die plötzlich vor der Nase baumelt, eingeschlossen!
Unter Ira Levin spielt das großartige Orchestre de la Suisse Romande meist gefährlich scharf und schneidend wie Vampirzähne. Immer wieder klingt das, als sei’s eine Operette von Jacques Offenbach, aber auch oft nach dem großen Vorbild Carl Maria von Weber und dessen „Freischütz“ oder nach frühem Wagner, der Marschner viel zu verdanken hat.
Als am Ende zum letzten Mal ein riesiges Fledermaus-Gebilde die Bühne beherrschte und in einem großen Stundenglas plötzlich das Blut nach unten rann, erwischte es nach schöner Horror- und Dracula-Manier auch Malwinas Verlobten Aubry – und er fiel blutrünstig über seine Braut her. Uhhhhh!
Weitere Aufführungen en suite bis 27. November 2016



Münchner Philharmoniker