Der Schaum der Tage

Vergleichende Irrelevanz

Foto: A.T. Schaefer

Die selten gespielte absurde Oper "Der Schaum der Tage" von Edison Denisov hatte an der Oper Stuttgart eine sehr sorgfältig gemachte Premiere
(Stuttgart, 1. Dezember 2012) Das Programmheft beginnt mit einer Geschichtsstunde. Es geht um das Frankreich der Nachkriegszeit, um den Jazz im Paris der fünfziger Jahre, um Surrealismus und Existenzialismus, dann geht es um Russland, um das Komponieren und um Ṧostakovic (so wird der bekannte russische Komponist hier geschrieben). Acht eng bedruckte Seiten. Das alles sollte man wissen, bevor man sich an den Besuch einer Aufführung der Oper "Der Schaum der Tage" von Edison Denisov (1929-1996) in der Oper Stuttgart wagt. Denn kommt man ohne dieses Wissensrüstzeug, kann einem schon einiges an Spaß an diesem 1981 entstandenen Dreiakter entgehen. Gerade für jüngere Menschen könnte vieles von dem, was in den zweieinhalb Stunden zum Thema gemacht wird, unbekanntes Land sein. Wer beschäftigt sich heute noch mit den Nöten der Intellektuellen im Frankreich der 1950er und 60er Jahre.
Es mag der Reiz des absolut Exotischen gewesen sein, der das Direktorenpaar der Stuttgarter Oper Jossi Wieler und Sergio Morabito, dazu brachte, dieses so gut wie unbekannte Stück einmal auf die Bühne zu bringen. Ein Denisov-Jubiläum gibt es nicht wirklich, er wäre jetzt 83. Geburtstag oder hätte den 16. Todestag; der Autor der Romans, nach dem Denisov das Libretto erstellte, Boris Vian, lebte von 1920 bis 1959. Auch kein rundes Datum. Bleibt also die Freude am Experiment, und – Stuttgart hat es mehrmals als "Opernhaus des Jahres" bewiesen – da sind die Stuttgarter ja für einiges zu haben. Um das gleich vorweg zu nehmen: Der Beifall für die Premiere am Samstag Abend fiel herzlich und ausdauernd aus, Solisten, Chor, Dirigent, Orchester und Leading Team wurden vor einem heiter gestimmten Aufbruch angemessen gefeiert.
Man hatte eine sehr solide, blitzsaubere und bis in Details der Ausstattung sorgfältigst gemachte Aufführung erlebt. Sehr ästhetisch und behaglich zugleich, das Bühnenbild von Jens Kilian, das mit Elementen eines gesittet bürgerlichen Ambientes arbeitet. Transparent und belebt, wie man es erwartet, die Regie von Jossi Wieler in der Dramaturgie von Sergio Morabito. Knackig und mit Aplomb die Musik vom Staatsorchester Stuttgart unter seinem Chefdirigenten Sylvain Cambreling. An Qualität also kein Mangel, desgleichen von Seiten der umfangreichen Sängerbesetzung. Wie also steht es um den Inhalt? Was erleben Herr und Frau Zuschauer im Angesicht dieses Werkes?
Es ist eine Geschichte von Liebe und Tod – der Protagonist Colin (Tenor, Ed Lyon) liebt ein Mädchen Cloé (Sopran, Rebecca von Lipinski). Cloé wird krank, Colin müßte zu ihrer Rettung Geld verdienen, was er aber als Existenzialist nicht darf, worauf Cloé stirbt und Colin schließlich auch. Dann ist es eine Geschichte der Zeitbeschau: Was taten französische Existenzialisten und Surrealisten, um eine Geschichte nach ihren Vorstellungen zu erzählen? Und wie reagierte ein russischer Komponist darauf, der geprägt war vom irrationalen Unterdrückungsapparat der Stalinära? Nun, es wird viel surreales Zeug erdacht und durchgeführt, Kochrezepte vertont, es werden Gewehre durch Körperwärme in der Erde zum Wachsen gebracht und Bücherliebhaber von der Steuerfahndung gefoltert und zu Tode getrampelt. Romanautor Boris Vian hatte Spaß an solchen unmöglichen Möglichkeiten – er war schließlich Mitglied eines "Collège de Pataphysique" und hatte Nachfolger an einem Frankfurter "Institut für Vergleichende Irrelevanz".  
Die Musik des Edison Denisov pendelt zwischen der Moderne des Zeitgenössischen und dem Jazz. Das Zwölftönige eignet sich sehr gut für den Freiflug des Bizarren und Absurden, der Jazz huldigt dem Zeitgeist des Nachkriegs-Frankreich. Die Historie hat einen großen Auftritt, im Heute kommt das nicht mehr richtig an. Es wirkt eher jetzt skurril, dass man diese Kombination einst für skurril, für auffallend gehalten hat.
In der Oper treten neben dem Protagonisten-Paar etliche auch sehr seltsame Figuren auf: ein Schuppentier, ein Direktor der Waffenfabrik, ein "Seneschall", Jesus, eine Katze, eine Maus, Waisenhausmädchen. Chloé stirbt an einer Seerose, die in ihrem Körper heranwächst (auf der Bühne wird sie von grünem Geranke eingehüllt). Absurde Versatzstücke, die an ein Kaleidoskop aus Figuren von Bulgakows "Der Meister und Margarita" erinnern. Sicher auch aus dieser eigenen Tradition heraus war Denisov an diesem Stoff gelegen.
Die Bizarrerien mögen komisch anmuten, authentischer Spaß kommt nicht rüber. Ein weiteres großes Hindernis stellt die Verwendung der französischen Originalsprache dar. Da wird auf der Bühne munter herumgeplappert, vieles ist auch gut verständlich, aber der Witz wird erst klar, wenn man den Kopf zu den Übertiteln hingerenkt hat. Große Gewissensnot: lese ich, fürs Verständnis, den Text da oben mit, oder schaue ich, zur Erbauung, auf die Bühne? Warum das Ganze nicht gleich auf Deutsch, da das meiste doch ohnehin absurd gemeint ist?
Erkenntnis aus dem Abend: Diese Oper gibt es also auch. Ein Stück, das zwischen Drama und Revue changiert und auf absurden Umwegen eine sehr konventionelle Geschichte erzählt. Ihren Schrillheitsfaktor teilt sie mit Opern von Krenek und Weill. Ihre Relevanz, leider, auch.
Laszlo Molnar
Weitere Aufführungen am 4., 7., 11. und 12.12.2012. Dann wieder im Juli 2013.
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