Der junge Dirigent Duncan Ward beeindruckt auch durch seine Programme

Ein reizvolles Programm jenseits des Mainstreams

Benjamin Appl singt Weberns Schubertbearbeitungen, begleitet von Duncan Ward und der Kammerphilharmonie Bremen. Danach gab es Weberns Orchestervariationen op.30 und die dritte Symphonie von Louise Farrenc.

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 21. Januar 2018) Möglicherweise hat Paavo Järvi, der mit dem Estnischen Festivalorchester und der Geigerin Viktoria Mullova das Abendkonzert in der Kölner Philharmonie bestritt, den Musikern der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen noch die Hand schütteln können, die vier Stunden zuvor mit dem Dirigenten Duncan Ward einen eigenen Auftritt absolviert hatten. Järvi ist ja seit 2004 ihr künstlerischer Leiter. Dem Publikum ist die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen bereits seit 1986 bekannt, dem Jahr der Eröffnung des Hauses.

Einige Werke dürften seit damals wiederholt gespielt worden sein, das jetzige Programm enthielt jedoch bislang unbekannte Raritäten. Zunächst waren Franz Schubert und Anton Webern zu hören, wobei dessen Orchestrierungen von Schubert-Liedern den Schwerpunkt bildeten. Sie entstanden 1903, als Webern an der Universität Wien Musikwissenschaft studierte und im Rahmen von Übungsseminaren Eigenkompositionen vorzulegen hatte.

Dass er damals schon mit den Farben eines traditionellen Orchesters umzugehen wusste, zeigte sich in Köln durchaus. Alleine die Akkordrepetitionen eines Klaviers bzw. eines Streicherensembles ergeben ein gänzlich anderes Ausdrucksklima (so bei „Der Wegweiser“ aus der „Winterreise“). Auch bei anderen Instrumentationsvarianten ist jedoch eher von einer Alternative als von echter Bereicherung zu sprechen. Ergänzt sei, dass es auch andere Komponisten (z.B. Berlioz, Brahms, Liszt, Reger, Britten, Berio, Kurtag oder Zender) reizte, Schuberts Musik mit einem neuen Klanggewand zu versehen.

Da Webern eine überschaubare Instrumentalbesetzung wählte, wird ein Sängerinterpret bei der Wiedergabe vor keine besonderen Schwierigkeiten gestellt, vor allem nicht, wenn der Dirigent das Orchester zu angemessen dezenter Begleitung animiert, wie es im Falle von Duncan Ward geschah. Dass der Solist Benjamin Appl – ebenso jung wie der Dirigent – u.a. bei Dietrich Fischer-Dieskau ausgebildet wurde, war seinem Vortrag kaum anzumerken. Er artikulierte klar, aber nicht mit überscharfer Diktion, betonte das Melos von Schuberts Musik, ohne es deswegen an Intensität des Ausdrucks fehlen zu lassen. Besonders bestach Appls Pianobeherrschung.

Den Schubert-Bearbeitungen waren Werke in Weberns wirklich eigener Handschrift vorausgegangen. Die beiden Lieder opus 8 lassen sich auf nicht ganz leicht zugängliche Gedichte von Rainer Maria Rilke ein. Sie fordern der Gesangsstimme nicht nur Arioses ab (ungeachtet der bereits benutzten Zwölftontechnik), sondern auch große Intervallsprünge und raffinierte Glissandi, was Benjamin Appl alles mustergültig bewältigte.

Die Orchestervariationen op. 30 (1940) sind das letzte Instrumentalwerk Weberns. Ihr Stil ist radikal, trotz vorhandener Linien und expressiver Passagen wirkt die Musik einigermaßen „zerrissen“. Das war dem sicher steuernden Dirigenten fraglos bewusst. So fühlte er sich – leicht schalkhaft – animiert, das Werk nach den Liedern noch einmal zu spielen. Das erinnerte an vergleichbare Maßnahmen von Günter Wand in seinen Gürzenich-Jahren.

Duncan Ward scheint sich gerne individuell zu geben, macht das aber äußerst charmant. Mit zwölf Jahren komponierte er mit „Alice in Wonderland“ ein Musical, das er mit Schülern der Dartford Grammar School (ihr Alter bewegt sich zwischen elf und achtzehn) auch zur Aufführung brachte. Später interessierten sich Simon Rattle und Daniel Barenboim für den begabten jungen Musiker. In die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker kam er als überhaupt erster Dirigent.

Schumann lobte Louise Farrenc

Die dritte Sinfonie von Louise Farrenc (1804-1875) leitete Duncan Ward auswendig, ungewöhnlich bei einem relativ unbekannten Werk. Aber er scheint die Komponistin hoch zu schätzen und las vor der Aufführung sogar einen selbstverfassten, werbenden Einführungstext. Zu Lebzeiten hatte Louise Farrenc einigen Erfolg (Robert Schumann lobte beispielsweise ihre „Air russe vatrié“ ausdrücklich), der sich dann aber wieder verlor. Erst in jüngerer Zeit wird ihrer Person und ihrem Schaffen neue Aufmerksamkeit zuteil. Von den drei Sinfonien gibt es gleich zwei Gesamtaufnahmen auf CD, auch Klavier- und sonstige Kammermusik füllt die gar nicht so unbeträchtliche Diskografie. Im öffentlichen Konzertleben jedoch ist der Name von Louise Farrenc noch nicht beheimatet.

Die in Köln gebotene dritte Sinfonie geht keine extravaganten Ausdruckswege, orientiert sich an klassisch-romantischen Traditionen; gleichwohl besitzt die Musik eine Reihe individueller Züge. Eine Uraufführungskritik von 1849 bilanzierte: „Ein starkes und mutiges Werk, in dem der Glanz der Melodien mit der Vielfalt der Harmonie wetteifert.“ Man muss Louise Farrenc sicher nicht gleich das Etikett von Genialität anheften, doch ist fraglos von reizvoller, erfindungsreicher Musik zu sprechen. Die animierende Widergabe durch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen erhielt sicher nicht von Ungefähr reichen Beifall, der mit der Zugabe des Menuetts aus der ersten Sinfonie belohnt wurde. Auch dieses bot Duncan Ward auswendig dirigierend.

Nachzutragen ist noch das Introduktionsstück des Abends, Schuberts Andante D-Dur D 936A, ein Sinfonie-Fragment aus dem letzten Lebensjahr des Komponisten. Es gehört vielleicht nicht zu seinen stärksten Eingebungen, besitzt aber doch einiges Flair. Bemerkenswert ist der Einsatz von drei Posaunen, was darauf schließen lässt, dass Schubert an ein größer dimensioniertes Werk dachte. Der Brite Brian Newbould hat anhand von Klavierskizzen eine Rekonstruktion versucht. Aber wie vollendet etwas Unvollendetes wirken kann, wurde erst kürzlich vor Ort bei einem Gastspiel des London Symphony Orchestra unter Simon Rattle deutlich, bei welchem auch Schuberts „Unvollendete“ zu Gehör gebracht wurde.

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