Der feurige Engel

Opernkritik: Der feurige Engel

Rocky Horror Picture Show

Evgeny Nikitin mit Dämonen Foto: Anne Kirchbach

In einer furiosen Inszenierung von Barrie Kosky erlebt Sergej Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ an der Bayerischen Staatsoper ihre späte Münchner Erstaufführung. Am Pult steht Vladimir Jurowski.

Von Robert Jungwirth
(München, 30. November 2015) Ein Hotelzimmer innerhalb einer Viertelstunde mit einer wildfremden Person zu verwüsten, dazu gehört schon was. Dabei wirkte dieser Ruprecht, als er das Zimmer betrat, sich erstmal einen Wodka eingoss und es sich auf dem Bett gemütlich machte, eigentlich ganz normal in seiner Gemütsverfassung. Doch dann tauchte diese Frau unter seinem Bett auf, die sich von Dämonen verfolgt fühlt und die in Ruprecht – ganz Mann – sofort eine Art Beschützerinstinkt und noch etwas mehr auslöste…Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf und die Verwüstung der schönen Suite – die am Ende der Oper nur mehr eine verkokelte Ruine ist.
Eine Dreiecksliebesgeschichte ist immer kompliziert. Aber noch komplizierter ist sie, wenn eine der beteiligten Personen ein Phantom ist. Renata meint dieses Phantom, der feurige Engel, das ihr mit acht Jahren zum ersten Mal erschienen ist, zu lieben. Ruprecht, der die unverhoffte Hotelbekanntschaft für sich gewinnen möchte, versucht sie von dem Phantom zu befreien, denn ihre Liebe hält er für eine Phantomliebe, seine dagegen für echt. Prokofjews Oper „Der feurige Engel“, in den 20er Jahren entstanden, ist eine furios sich steigernde Höllenfahrt in Sachen Liebe und Wahnsinn – singulär in ihrer Art, hochexpressiv bis hin zu abenteuerlichen Entgrenzungen in der Musik, am nächsten noch den Wahnsinnsfrauen in Straussens Opern „Salome“ und „Elektra“. Obsessiv ist in dieser Oper aber nicht nur Renata, sondern auch der ach so nüchterne Ruprecht, der sich mehr und mehr in seine Vision, Renata für sich zu gewinnen, hineinsteigert. Schließlich sucht er sucht sogar den Kontakt mit jenen dunklen Mächten, von denen er sie befreien will, konsultiert Wahrsagerinnen und Magier.
Regisseur Barrie Kosky läßt das Opern-Grusical, das Prokofjew in den 20er Jahren nach dem gleichnamigen Roman von Waleri Brjussow bizarrerweise unter anderem in der Nähe des oberbayerischen Klosters Ettal komponiert hat, in fast schon pedantisch realistischem Ambiente  spielen. Und das ist auch gut so, denn der Wahnsinn, der die beiden Protagonisten mehr und mehr befällt, wirkt in dieser von Rebecca Ringst gestalteten neobarocken Fünfsterne-Hotelsuite umso wahnsinniger.  Und später hat Kosky auch noch Gelegenheiten genug, sich bei den diversen Höllenspukszenen mit Drastik und Orgiastik, bis hin zu ihre Gemächte lustig schwingenden Teufeln in Strapsen und Miedern (Kostüme: Klaus Bruns) auszutoben und eine Art Rocky Horror Picture Show auf der Nationaltheaterbühne zu entfesseln. (Faszinierend auch die Lichtregie von Joachim Klein – bis auf das unnötige und etwas billige zweimalige Gruselgrün!) Ebenso verhält es sich mit der Musik, die Vladimir Jurowski bei seinem Debüt an der Bayerischen Staatsoper mit großer Übersicht ihren diabolischen Höhepunkten entgegenschäumen lässt, ohne sie einem Dauerespressivo zu opfern. (Trotzdem fragt man sich natürlich schon, warum diese herausragende Opernentdeckung des russischen Repertoires nicht vom GMD des Hauses Kirill Petrenko dirigiert wird?)
Die beiden Hauptdarsteller, die beinahe die gesamten zwei Stunden Spielzeit auf der Bühne agieren, danken es ihm bestimmt, stellen ihre Partien doch extrem hohe Anforderungen an sie. Mit flackerndem Sopran, zwischen Wahn und Normalität faszinierend hin und herpendelnd, durchlebt und durchleidet Svetlana Sozdateleva diese von ihren Visionen und Obsessionen gebeutelte Renata. Und Evgeny Nikitin, dem als Ruprecht ebenfalls mehr und mehr die Rationalität abhanden kommt, ist ihr mit nicht minder expressiver Stimmpower ebenbürtig. Auch alle weiteren Partien bis hin zum hervorragenden Chor sind in dieser musikalisch und szenisch überaus geschlossen wirkenden Produktion hervorragend besetzt. Besonders hervorzuheben Kevin Conners als Mephisto und Vladimir Galouzine als Magier.
Auch wenn die Schlussszene mit ausführlichem Exorzismus etwas zu lang geraten ist, wirkt diese Oper wie ein musikgewordener Drogenrausch mit nicht geringem (auch musikalischem) Verstörungspotential. Schwer zu sagen, was diese selten gespielte Oper von Prokofjew genau ist. Eines ist sie aber auf keinen Fall: ein besinnliches Vorweihnachtsspiel für die ganze Familie.


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