Der Beethoven-Zyklus des Cuarteto Casals

Unaufgeregt und perfekt durchgeformt

Das spanische Cuarteto Casals präsentiert in diesem und im nächsten Jahr seinen Beethoven-Zyklus in verschiedenen Städten – und macht ihn zu einem Ereignis, das man nicht verpassen sollte

Von Robert Jungwirth

(Barcelona, 5. und 6. Oktober) Wenn das Cuarteto Casals in seiner Heimatstadt Barcelona auftritt, ist das in etwa so, wie wenn der FC Barcelona ein Heimspiel hat. Im Publikum finden sich jede Menge Fans, die „ihr“ Ensemble am Ende frenetisch feiern. Gegenüber den Sportlern hat das Cuarteto Casals sogar den Vorteil, dass es immer gefeiert wird, während die Fußballer dafür schon gewinnen müssen. Und man feiert das Cuarteto Casals auch immer ein wenig dafür, dass es das Quartettspiel auf Weltniveau in Spanien überhaupt etabliert hat. Als die vier Musiker begonnen haben zusammenzuspielen, gab es in Spanien noch kein Quartett von Weltruf. 20 Jahre später sind in dem Land durch das weltweite Renommée des Cuarteto und durch seine Unterrichtstätigkeit an Barcelonas Musikhochschule neue Formationen entstanden – und auch das Kammermusikpublikum ist gewachsen – mit zahlreichen jüngeren Hörern. Der Kammermusiksaal von Barcelona ist in dem Musikkomplex L’Auditori beheimatet, wo sich auch die Musikhochschule befindet, weshalb auch viele Studenten in die Konzerte kommen.

Zum 20-jährigen Bestehen schenken Vera Martinze-Mehner, Abel Tomas Realp, Jonathan Brown und Arnau Toas Realp sich und ihrem Publikum in diesem und im nächsten Jahr einen Beethoven-Zyklus, der zusätzlich mit 6 Auftragskompositionen von vor allem spanischen Komponisten angereichert wird. Eine schöne Idee zur Förderung der zeitgenössischen Kammermusik jenseits der immer gleichen Namen – wenngleich es für die Komponisten natürlich keine leichte Aufgabe ist, neben den Ikonen der Streichquartettliteratur zu bestehen.

Für den Kosmos der insgesamt 16 Quartette, die Beethoven im Zeitraum von 28 Jahren, von 1798 bis ein Jahr vor seinem Tod 1826, komponiert hat, präsentiert sich das Cuarteto Casals in absoluter Bestform (um diesen Fußballterminus aufzugreifen), wie man jetzt bei zwei Konzerten des Zyklus in Barcelona hören konnte. Dabei zählte Beethoven gar nicht unbedingt zum Kernrepertoire des Quartetts, es bis vor kurzem auch keine Aufnahmen mit Beethoven-Werken gemacht. Doch kann das Cuarteto Casals natürlich auf seine reiche Erfahrung in der Erarbeitung der Wiener Klassiker Mozart, Haydn und Schubert sowie auf die Arbeit am gemeinsamen Klang aufbauen. Und die vier Musiker haben sich intensiv darauf vorbereitet, so verwenden Sie beispielsweise unterschiedliche Bögen für die verschiedenen Werkgruppen. Insgesamt möchten sie Beethoven mehr aus der Klassik heraus interpretieren, weniger aus der Romantik, wie sie sagen.

Kein Breitwandsound

Einen pathosseligen Breitwandsound offerieren die Spanier nicht und tun gut daran. Die Modernität, Expressivität und überbordende Kreativität von Beethovens Musiksprache kommt mit einem schlanken Ton viel besser zum Tragen als mit einem orgelnden Dauerespressivo. Auch in den späten Quartetten, die zwar die Klassik hinter sich lassen, aber dennoch nicht nach Brahms klingen sollten. Das klangliche Ausdrucksspektrum von Werken wie Opus 135, 132, 130 oder 131 ist so unglaublich vielfältig, dass man ihm allein mit einer heroischen Pathosattitüde nicht gerecht wird.

Schon im Kopfsatz von op. 132 bietet das Cuarteto Casals einen ganzen Kosmos an Ausdrucksspektren und feinsten dynamischen Abstufungen. Jede noch so unerwartete Wendung, jeder Gedanke, wird verständliche „Klangrede“, unaufgeregt, perfekt durchgeformt und mit einer wunderbar ausbalancierten Klanglichkeit – Streichquartettkunst at it’s best! Und im alle Grenzen sprengenden Molto Adagio mit seinen fast 15 Minuten wachsen die Musiker förmlich über sich hinaus, bieten Handfestes mit Barockbezug und romantische Transzendenz im fliegenden Wechsel, das man schier mit dem Hören nicht nachkommt. Jede Stimme ist enorm flexibel geführt, schlank und klar, tritt hervor, wenn sie etwas zu sagen hat, bleibt sonst zurückhaltend sonor im Ensembleklang. Und immer atmen die vier Musiker mit einem Atem, sind die Einzelaktionen eingebettet in eine übergreifende flexible Gestaltung von Lautstärke, Agogik und Ausdruck. Hier wird Musik zum Ereignis. Und das Publikum feiert die Musiker am Ende wie Popstars – nachdem es aus der Hypnose erwacht ist…

Unaufgeregte Souveränität

Auch Opus 18/6, das ebenfalls im ersten Konzert zu hören war, ist bereits ein reiferes der frühen Quartette Beethovens mit enorm viel Spielwitz, den die Casals-Musiker wie al fresco vorführen, um im Adagio dann so gesanglich-arios zu spielen als wär’s eine Opernarie – freilich mit filigraner Stimmenauffächerung. Im trauerverhangenen Adagio dann wenig Vibrato, dafür umso mehr Wirkung. Klar und prägnant hebt sich davon schließlich das dazu kontrastierende Schluss-Allegretto ab. Eine der Besonderheiten der Interpretation des Cuarteto Casals ist, dass alles ohne Nachdrücklichkeit, ohne Zeigefinger und bärbeißiges Wichtigtun geschieht. Hier wird auch keine vordergründige technische Brillanz zur Schau gestellt, sondern eine Gelassenheit und unaufgeregte Souveränität, die schwerlich zu überbieten ist. Das hat nicht nur einen großen Charme, sondern es dient auch der Musik, der Verständlichmachung ihrer Eigenheiten – mehr als ein keuchendes Dauerespressivo.

In dieser Weise geriet auch das erste der „Rasumowsky-Quartette“ (op. 59/1) mit seiner komplexen Themenstruktur und enormen Ausdruckspalette an zu einem Ereignis. Fast hat man den Eindruck, je komplexer die Musik ist, desto beeindruckender agieren die vier Musiker.

Da wundert es umso weniger, dass die zwei neuen Stücke der beiden Barcelona-Konzerte nur wenig Aufmerksamkeit auf sich zogen. Das Werk „Otzma“ des israelischen Komponisten Matan Porat klingt wie eine zu heterogen geratene Fingerübung in Sachen Streichquartett mit ein paar Anleihen bei der Minimalmusic und „Cantos“ des Spaniers Francisco Coll ist schon vorbei, bevor es erst richtig angefangen hat, seinen romantisierenden Gesang zu entwickeln. Aber es war ja klar, dass es die Zeitgenossen schwer haben würden.

Am 10. Oktober sind die Musiker mit ihrem Zyklus in Berlin zu hören (auch am 25.1. und 4.5.) Weitere Stationen des Zyklus‘ sind London, Amsterdam, Wien, Mailand, Tokyo, Brüssel, Madrid und Lissabon.
Wer das Cuarteto Casals in Barcelona erleben möchte, hat dazu am 27. und 28. Mai (2018) Gelegenheit. Weitere Informationen gibt es auch auf der gemeinsamen Seite der Musikinstitutionen Barcelonas: www.barcelonaobertura.com

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