Der 1000. Rosenkavalier in Wien

rosenkavalier

Die schöne Musi

Zum 1000. „Rosenkavalier“ an der Wiener Staatsoper

Von Christian Gohlke

(Wien, am 21. März 2019) Immer wieder sei er gefragt worden

, wann es endlich einmal eine neue „Rosenkavalier“-Inszenierung geben werde, erzählte Staatsopernintendant Dominique Meyer bei einer Feierstunde, die am Vortag der 1000. Aufführung dieser Oper in Wien stattfand. Die alte Inszenierung von Otto Schenk, die seit einem guten halben Jahrhundert zu sehen ist, sei wunderschön und werde von allen geliebt. Warum also solle er sie wegwerfen? Lieber würde er das vorhandene Geld in neue Projekte investieren, wie jetzt zum Beispiel in die Aufführung von Manfred Trojahns Oper „Orest“, die Ende des Monats Premiere feiern wird. Der heftige Applaus, mit dem Meyers Antwort bedacht wurde, zeigte, wie sehr diese bewahrende Haltung vom Wiener Publikum goutiert wird. Wirkich ist es klug und gut und fast schon wieder ein wenig progressiv, solche Inszenierungen im Repertoire zu erhalten, bilden sie inzwischen doch sehr seltene Ausnahmen sogenannter werktreuer Regie und bereichern schon darum den Spielplan eines Hauses. Die Münchner Oper wäre gut beraten, darin dem Wiener Beispiel zu folgen und ihre legendäre „Rosenkavalier“ in der herrlichen Ausstattung von Jürgen Rose ebenfalls zu erhalten.

Dass ein solcher Abend nicht verstaubt, museal und gestrig sein muss, bewies die Aufführung in Wien. Otto Schenk selbst hat seine alte Arbeit im Jahr 2010 noch einmal neu einstudiert, und noch heute besticht sie durch ihren ungeheuren Detailreichtum, ihren Witz und ihre präzise Personenführung. Es sind dabei nicht zuletzt die Nebenfiguren, denen Schenk ein eigenes Profil verliehen hat, so dass gerade in den reichen Chor- und Massenszenen immer wieder erheiternde, genau gearbeitete Kleinigkeiten zu beobachten sind. Da freut sich der Gehilfe des Friseurs, weil sein Herr von der Marschallin gerügt wird und kassiert dafür eine Ohrfeige; da lümmelt das ruppige Gefolge des verbauerten Barons ungeniert im Salon Faninals und schläft, die Serviette überm Gesicht, ein; da trägt der täppische Leopold auf unsagbar komische Weise die Suppenschsüssel zum Souper mit Mariandl, weil sein Vater und Dienstherr Ochs sich nicht von den „Maikäfern“ aus dem Beisl servieren lassen möchte.

Dass dieser 1000. „Rosenkavalier“ seit seiner Wiener Premiere im April 1911 (es war zugleich die 381. Vorstellung in der Inszenierung von Otto Schenk) dann zwar eine respektable Repertoire-Aufführung, aber eben doch keine echte Fest- und Feierstunde wurde, lag an einer zwar guten, aber eben nicht glanzvollen Besetzung, die souverän von Adam Fischer durch den Abend geführt wurde. Er leitete das klangschön spielende und flexibel agierende Staatsopernorchester umsichtig, schlug durchweg eher zügige Tempi an und ließ den exzellenten Musikern in solistischen Passagen immer wieder Raum, sich zu entfalten.

Adrianne Pieczonka war eine elegante, eigentlich aber schon zu reife Marschallin, die die ganze Liebesgeschichte leicht, vielleicht allzu leicht nimmt. Von ihr hätte man sich eine noch genauere und stimmlich farbenreichere Textausdeutung gewünscht, zudem klang ihr Sopran in den Höhen mitunter hart. Stephanie Houtzeel sang mit kraftvoller, aber nicht immer exakt intonierender Stimme einen kernigen Octavian. Sie passt mit ihrer hochgewachsenen Gestalt gut in diese Rolle, agiert aber etwas hölzern, weshalb das Zusammenspiel mit der Marschallin an Intensität verlor. Dass Octavian die Marschallin gerade wegen eines „Dutzendmädels“ sitzen lässt, wie Hofmannsthal einmal schrieb, gehört zwar zur Pointe der Geschichte, aber so unscheinbar wie Chen Reiss sollte eine Sophie dann doch weder stimmlich noch darstellerisch sein. Typgerecht besetzt war schließlich die Rolle des Baron Ochs auf Lerchenau mit Peter Rose, der anfangs noch verhalten und mit in den Tiefen etwas brüchigem Bass auftrat, sich aber mehr und mehr freisang und gerade im Schlussakt bewundernswert präsent war.
So gab es am Ende freundlichen Applaus für einen sehr ordentlich musizierten Opernabend. Ein bisserl schad, denkt man sich, indem man in die frische Wiener Nacht hinaustritt, dass sich die Oper zu diesem Anlass nicht über ein – ja immer noch beträchtliches – Repertoire-Niveau aufschwingen konnte. Aber die alte Schenk-Inszenierung wird erhalten bleiben, und früher oder später wird ja hoffentlich wieder einmal eine Rosenkavalier-Sternstunde schlagen im Haus am Ring.

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