De Billy beim SO

Neue Wege für die neue Kunst

Frank Peter Zimmermann Foto: Franz Hamm

Betrand de Billy und Frank Peter Zimmermann mit Strauss, Busoni und Debussy zu Gast beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
(München, 22. Juni 2007) „O dieser Missbrauch des Schlagzeugs und der Holzbläser, diese Oboen, diese Klarinetten und ihr ewiges Näseln! O dieses ewig gestopfte Blech, diese ganzen Instrumente, von denen keines seiner wahren Bestimmung nach und in seinem normalen Timbre eingesetzt wird.“ – Man nicht behaupten, dass die Begeisterung nach der Uraufführung von Claude Debussys „Ibéria“ 1910 überschäumend war. Für einige war die Orchesterbehandlung, die Neuartigkeit der Klangfarben und der Instrumentenkombinationen zu ungewohnt, um das Stück gut zu finden.
Dabei sind seine „Images“ alles andere als experimentell. Wie faszinierend „echt“ etwa ist die erwartungsfrohe Stimmung vor einem Fest in „Le matin d’un jour de fete“ gezeichnet oder die nächtlichen Düfte in „Les Parfums de la nuit“. Das intensive Spiel mit wechselnden Licht- und Farbwirkungen, suggestiven Stimmungen und Empfindungen rückt Debussy durchaus in die Nähe zu seinen Kollegen des malenden Impressionismus, auch wenn er selbst diesen Begriff von sich wies.
Vielfältig und höchst unterschiedlich war die Suche der Komponisten nach neuen Klängen, neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie verschieden die Wege sein konnten, das ließ sich beim Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung des Franzosen Bertrand de Billy sehr schön nachvollziehen: Neben Debussy „Images“ (neben „Ibéria gehören dazu auch Gigues und Rondes de printemps“ standen Richard Strauss‘ frühe genialische Tondichtung „Don Juan“ aus dem Jahr 1889 (komponiert mit 24 Jahren!) sowie das Violinkonzert des 30jährigen Ferruccio Busoni von 1897 auf dem Programm.
Während de Billy die „Images“ mit pathosfreier Suggestivität höchst intensiv zu verlebendigen verstand, unterstützt von den bravourös aufspielenden Musikern des Bayerischen Rundfunks, blieb er bei Strauss doch ein wenig das Glutvolle, Leidenschaftliche schuldig, wenngleich er das Theaterhafte der Musik – Eduard Hanslick erkannte in Strauss sofort den Opernkomponisten – durchaus zur Geltung brachte.
Busonis Violinkonzert ist vor allem eine Herausforderung für den Solisten. Schon am Beginn türmt der Komponist gewaltige Hürden in Form von halsbrecherischen Läufen und gebrochenen Akkorden auf. Das allein schreckt wohl schon viele ab, weshalb das Konzert auch alles andere als ein Repertoire-Stück wurde. Frank Peter Zimmermann, dessen Interesse für Neues, Ungewöhliches ebenso groß zu sein scheint wie seine Unerschrockenheit allen musikalisch-technischen Herausforderungen gegenüber, lässt sich davon nicht abschrecken. Thematisch bleibt der Eröffnungssatz aber eher diffus, mehr rhapsodisch als streng strukturiert. Doch wird dies bei Zimmermann nicht unbedingt als Manko offenbar. Der Geiger nimmt seine Hörer gewissermaßen mit auf eine Entdeckungsreise, die spannend ist vom ersten bis zum letzten Moment. Faszinierend zu erleben, wie Zimmermann höchste Virtuosität stets musikalisch motiviert, sie nie als Selbstzweck erscheinen lässt. Der thematisch weit ausschwingende zweite Satz indes besitzt enormes künstlerisches Potential, das Zimmermann denn auch mit gehaltvoller Tongebung und großer Empfindsamkeit verdeutlicht. Schwach dagegen der Schlußsatz; mit seiner robusten Bewegtheit wirkt er einigermaßen plump, vor allem nach einem solchen zweiten Satz!
Großer Jubel für Frank Peter Zimmermann, eiliger und etwas magerer Applaus für de Billy nach den „Images“ des zweiten Teils.
Heinrich Grün

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