Dave Eggers prophetisches Buch The Circle als Oper in Weimar

Macht euch transparent

Das Deutsche Nationaltheater Weimar zeigt eine Opernversion von Dave Eggers visionärem Buch “The Circle” über die schöne neue Welt von Big Data. Ludger Vollmer hat sie komponiert.

Von Robert Jungwirth

(Weimar, 21. Juni 2019) Ist eine Oper das geeignete Mittel, um vor den Gefahren des weltweiten Überwachungskapitalismus durch Facebook und Co. zu warnen? Nun, die Frage ist in ihrer Zuspitzung vermutlich falsch gestellt. Denn vermutlich ist noch nie eine Oper komponiert worden, um einen bestimmten „Zweck“ zu erreichen. Das unterscheidet Kunst von Tabletten. Ihre Wirkung ist nicht berechenbar.

Im Fall von Ludger Vollmers Oper „The Circle“ nach dem gleichnamigen Roman von Dave Eggers, die von der Oper Weimar initiiert und uraufgeführt wurde, ist das Thema aber so brisant, die Gefahren des weltumspannenden, schier unaufhaltsamen Datenklaus durch Internetkonzerne und der daraus entstehende Missbrauch von Daten zur Kontrolle und Manipulation von Milliarden von Menschen oder auch „nur“ zur Penetrierung mit Werbung so groß, dass das alles andere, was eine Oper so ausmacht, leicht in den Schatten stellt. Das ist ein Problem, das Vollmer in seinem durchaus lobenswerten Drang, sich dieses Menschheitsthemas als Komponist anzunehmen, womöglich ein wenig unterschätzt hat. Zumindest hat man als Hörer dieser Oper den Eindruck, dass sich hier die Kunst etwas schwertut, sich gegen das von ihr behandelte Thema zu behaupten.

Dabei ist das von Tina Hartmann und Ludger Vollmer verfasste Libretto hervorragend gemacht – auch und gerade in der Auswahl veroperungsfähiger Inhalte und Konflikte des Romans. Im Wesentlichen bleibt der Operntext nah an Eggers Handlung, schildert die allmähliche Dissoziation der Circle-Mitarbeitern Mae Holland in einen vollkommen transparenten Datensatz auf zwei Beinen. Es ist das freiwillige Aufgehen in einem Daten-Totalitarismus, der quasi-religiöse Züge trägt, weil sich die Gründer und Chefs von The Circle bei ihren Auftritten von ihren Angestellten zeremoniell als Gurus feiern lassen. Das gehört zur Silicon-Valley-Selbstinszenierung seit Steve Jobs dazu, und wird von zahlreichen Firmengründern gern so praktiziert. In The Circle wird die Inszenierung noch weiter getrieben, und Vollmer begleitet die Auftritte von Tom Stenton (suggestiv Sebastian Kowski in der Sprechrolle) mit einpeitschenden Gospelchören der Belegschaft – oder soll man besser sagen der Jünger? Als Mantra proklamiert The Circle: „Teilen ist heilen“. Wer sich und sein Leben vollständig öffentlich macht, helfe der Menschheit und sich selbst, denn alles Schlechte verschwinde dann aus unserem Leben.

Vollmers sonstige Musik für diese Oper bemüht sich sehr versiert um einen abwechslungsreichen Stilmix aus Musical, Singspiel und Minimal Music. Das ist handwerklich sehr gut gemacht, wirkt aber auch oft beliebig bis dahinplätschernd in seinem Am-Text-Entlangkomponieren. Bis auf ein Klingelzeichen, das Maes Computer von sich gibt, wenn sie Mails und zu erledigende Arbeiten erhält und manche virtuos-ariose Momente enthält die Partitur nur wenig Griffiges oder Tieferschürfendes, um wirklich berühren und bewegen zu können. Und das obwohl die Hauptdarstellerin Sayaka Shigeshima sich mit nie versiegender Energie und großem stimmlichen Engagement um die Verlebendigung dieser Figur – szenisch wie musikalisch – bemüht, die sich vom Sympathieträger zum entmenschlichten Cybermonster entwickelt und dabei doch noch immer noch so gewinnend (naiv) lächelt.

In der Mitte Sayaka Shigeshima als Mae Fotos: Candy Welz

Das ist natürlich ein weiteres Problem der Oper: der Mangel an einem positiven Helden. „Die Dystopie kennt keine Helden“, schreibt Librettistin Tina Hartmann in ihrem Programmheftbeitrag. „Je nach Lesart opfert Mae alles ihrer Karriere bzw. Beliebtheit oder aber glaubt wirklich an das System. In beiden Fällen ist ihr Versagen kein tragisches Scheitern.“ Positive Gegenfiguren wie der (digitale) Aussteiger und Maes Jugendfreund Mercer sind in der Oper zu wenig entwickelt, um für die Musik eine größere „Angriffsfläche“ zu bieten. Dennoch ist Oleksandr Pushniak als Mercer stimmlich und darstellerisch eine der stärksten Figuren in dieser Uraufführungsproduktion. Hervorzuheben ist auch der hervorragende Chor der Oper Weimar, der an zahlreichen Stellen der Oper in Erscheinung tritt.

Die musikalische Leitung ist bei Kirill Karabits in sicheren Händen, die vielen rhythmischen Vertracktheiten der Partitur hat er jederzeit sicher im Griff.

Andrea Moses setzt in ihrer Regie auf stilisierten Realismus, die Bühne von Raimund Bauer liefert dafür sparsam die nötigen optischen Eindrücke, ohne dabei die Cyber-Unheimlichkeiten über zu akzentuieren, was man durchaus hätte machen können. Ein Lichtkreis und ein Lichtnetz müssen genügen, um die abstrakte Gefahr zu visualisieren.

Nach drei Stunden Spielzeit und einem düsteren Ende ist man gefangen in dieser unschönen neuen Cyberwelt, dieser Opern-Dystopie – allerdings weniger durch die Musik als durch die schauerlichen Visionen von Dave Eggers aus dem Jahr 2013, von denen schon so viele Wirklichkeit geworden sind. Eggers, der zur Premiere nach Weimar gekommen war, schrieb in einem Aufsatz fürs Programmheft:
„Als ich 2013 ‚The Circle‘ schrieb, versuchte ich mir vorzustellen, wie die Dinge in fünf Jahren aussehen könnten. Es ist sehr erschreckend, dass vieles, was ich für Science-Fiction hielt, wahr wurde und dass die Welt, beherrscht von wenigen Tech-Giganten, weitaus schlimmer ist, als ich es hatte voraussehen können. Mich verblüfft immer wieder, wie viel Macht wir als Einzelpersonen diesen Unternehmen geben. (…) Regierungen können und sollten diese Unternehmen regulieren. Aber das einfachste für uns alle wäre, sie nicht mehr mit Geld und Daten zu füttern. Es gibt für alle Social-Media- und Suchplattformen Alternativen, die auf den Schutz der Privatsphäre achten. Um die Entwicklung zu beeinflussen, müssen wir nur bewusst damit aufhören, die Unternehmen zu unterstützen,, die nachweislich nicht vertrauenswürdig sind. Das hätte in kurzer Zeit gravierende Auswirkungen.“
Möge sein Aufruf nicht ungehört verhallen.

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