Das Ural Philharmonic Orchestra zu Gast in Berlin

Geigen fetzten wie im Wahnsinn

Das Ural Philharmonic Orchestra gastiert erstmals in der Berliner Philharmonie – und begeistert das Publikum mit Werken von Schostakowitsch, Borodin, Rimsky-Korsakow und Mussorgsky

 

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 22. Mai 2018) Schostakowitschs Zehnte riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin – doch auch mit einem populären, ausschließlich russischen ersten Konzertteil und mit der Gast-Sopranistin Olga Peretyatko überzeugten die russischen Musiker. Mit dem Ural Philharmonic Orchestra stellte sich eines der besten russischen Orchester zum ersten Mal in der Berliner Philharmonie vor. Der Klangkörper aus Jekaterinburg wird seit 1995 von Dmitry Liss geleitet, der es zu einem ungewöhnlich homogenen Ensemble geformt hat. Welcher Rang ihm in seiner Heimat zugemessen wird, lässt sich schon daran ablesen, dass es im neuen Konzertsaal des St. Petersburger Marien-Theaters eine eigene Konzertreihe hat.

Mit den explosiven „Polowetzer Tänzen“ von Alexander Borodin als Auftakt hatte das Orchester die Zuschauer auch gleich gewonnen: Weiche und Eleganz standen ihnen ebenso zur Verfügung wie Brillanz und Energie. Die Marfa in Rimsky-Korsakows „Zarenbraut“ hatte Olga Peretyatko zum ersten Mal an der Berliner Staatsoper gesungen – die Wahnsinnsarie der Titelfigur brachte sie jetzt auch konzertant sehr berührend dar. Ihre kostbar timbrierte Stimme, der in allen Lagen ausgeglichene Klang, das Aufblühen der Melodik, die lebhafte Deklamation, die sprechenden Hand- und Armbewegungen, der Einsatz des ganzen Körpers, all das lud das Publikum zur Anteilnahme ein. Auch Rachmaninows „Vocalise“ gestaltete sie mit wunderbarem Legato als wehmütigen Ausdruck einer verletzten Seele. Ihr Auftritt war der einer Hollywood-Diva, doch eigentlich entführte sie uns tief ins 19. Jahrhundert, zu dessen Frauenbild und Romantik.

So stimmungsvoll Mussorgskys „Morgendämmerung an der Moskwa“ auch ist, so ahnungsvoll wird doch gleichzeitig deutlich, dass sich in dieser wunderbaren Landschaft gleich ein grausames und blutiges Drama entrollen wird. Dmitry Liss und sein Orchester ließen in ihrer klugen Interpretation keinen Zweifel offen an der Liebe zu ihrem Heimatland, rissen aber auch den Hintergrund auf, den der Komponist meinte: das Leben könnte so schön sein, wenn nicht immer wieder Dummheit und Machtgier die Menschen ins Unglück stürzen würden. Zwei Arien und die Ouvertüre aus Michail Glinkas „Russlan und Ludmilla“ ergänzten dieses Panorama der russischen Musik des 19. Jahrhunderts aufs Beste. Die Musiker bewiesen für jeden Komponisten das richtige Stilgefühl und beglückten ihr Publikum. Wenn man diese populären Stücke auf solchem Niveau hört, weiß man auch wieder, dass sie aus gutem Grund populär wurden.

Olga Peretyatko bedankte sich mit zwei Zugaben für den großen Applaus, die sie auch auf dem Album „Russian Lights“ mit diesem Orchester eingespielt hatte, wobei das Publikum wohl am meisten über die schöne Arie aus Schostakowitschs Operette „Moskau-Tscherjomuschki“ überrascht war.

Die eigentliche Überraschung kam jedoch nach der Pause. Jetzt konnte man die Interpreten nicht mehr nur für ihr superpräzises Zusammenspiel, ihre breite Farbpalette und ihre Identifikation mit der Musik bewundern, sondern vor allem das Formbewusstsein des Dirigenten, der Schostakowitschs Zehnte Symphonie zu einem Hörerlebnis werden ließ. Der erste Satz kann mit seinen etwa 22 Minuten sehr lastend und fordernd sein. Auch hier entwickelte sich die symphonische Struktur tragisch aus dem schwermütigen langsamen Streicheranfang hin zu dem Gewaltausbrüchen des Blechs mit dem Schlagzeug, doch man verfolgte mit äußerster Spannung die Entwicklung einer Tragödie von Shakespeare’schem Format. Jedes Detail war genau durchgestaltet, die Geigen fetzten wie im Wahnsinn durch ihre peitschenden Passagen, die Bassgruppe setzte deutliche Kontrapunkte. Die Partitur bildete sich in größter Deutlichkeit im Raum ab wie eine Skulptur. Und dank der überlegenen Tempodisposition von Dmitry Liss flog der Satz vorbei im Nu und ließ die Zuhörer so aufgewühlt wie beglückt zurück.

Der wilde, gewalttätige zweite Satz ist ein Virtuosenstück für das Orchester, das es mit Bravour absolvierte. Man dichtet hier gerne ein Portrait des gerade gestorbenen Diktators Stalin hinein, doch das ist gar nicht nötig. Schostakowitsch hat in jedem Stück Geschichten versteckt, die er niemals preisgab und die man auch gar nicht erraten muss. Diese Geschichten sind in der Zehnten sicherlich auch politisch, aber nicht nur, wie der dritte Satz zeigt, in dem sich das Signum des Komponisten – d-es-c-h – mit dem seiner damaligen Angebeteten verbindet. Dieser Satz war der Ort, an dem sich die ausgezeichneten Solisten des Orchesters präsentieren konnten, das human-rhetorische wie verschmitzt-humoristische Fagott ebenso wie die empfindsame Oboe, die beredsame Klarinette und die virtuos-klangvolle Flöte.

Wenn sich im Finale das „D.Sch.“-Motiv lautstark gegen das Wiederheraufziehen der Gewaltmusik wirft, dann ist das ein Befreiungsschlag, dem ein immer enthusiastischerer „D.Sch.“-Jubel bis zum Schluss folgt. „Ich habe den Terror überlebt! Ich bin Ich geblieben und kein Rädchen im Getriebe“, könnte das heißen. Wie auch immer – die sinfonische Struktur, wenn sie so klar und deutlich aufgeblättert wird wie hier, überzeugt und begeistert das Publikum. Und wenn die Musik dann auch noch in all ihren Temperaturen und Schattierungen so wunderbar ausformuliert wird, dann wird sie zum Ereignis.

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