Das Sibelius-Festival in Lahti

Von nordischen Sagen und Liedern

Das Sibelius-Festival in Lahti feiert 100 Jahre Finnland mit dem Œuvre des Komponisten.

Von Derek Weber

(Lahti, Anfang September 2017) Vor zwei Jahren – 2015 – wurde unter großem internationalen Interesse Sibelius‘ 100. Geburtstag gefeiert. Natürlich standen dabei das Sibelius-Festival und die Sibelius Hall in Lahti im Zentrum. Das „Wall Street Journal“ nannte damals die Sibelius Hall einen der fünf besten europäischen Konzertsäle, der „Guardian“ sprach von einem der zehn besten Säle weltweit. Als weiteres Plus kommt die Lage hinzu: Das am Ufer des Vesijärvi–Sees stehende Gebäude – was gibt es da doch in den Konzertpausen für wunderbare Sonnenuntergänge! – wurde im Jahr 2000 in den Resten eines alten Sägewerks aus dem Jahr 1907 errichtet. Das Gebäude ist nicht nur ein Wahrzeichen der Stadt. Es besteht aus Holz und einer der damals weltweit besten Akustiker, Russel Johnson, hat gleichsam die akustische Inneneinrichtung besorgt.

Russel Johnson und Holz – diese Mischung sorgt bis heute für ganz besondere Hörerlebnisse. Die Hörner sitzen links oben, aber hören tut man sie, wenn man in der Mitte des Balkons sitzt, „gefühlt“ von der rechten Seite. Und wie immer hat Johnson eine ganze Reihe von veränderbaren akustischen Elementen in den Saal eingeplant, die den jeweiligen Orchesterverhältnissen angepasst werden können.

Sibelius Hall Foto: Juha Tanhua

100 Jahre Finnland

Das diesjährige Festival steht im Zeichen des 100-Jahr-Jubiläums der finnischen Unabhängigkeit. Merkwürdigerweise wird das nicht so ausgelassen gefeiert, wie man es erwarten würde: Jahrhundertelang war Finnland unter schwedischer Herrschaft gewesen, ehe es 1809 unter russische Oberhoheit geriet. Im 19. Jahrhundert erwachte mit dem Bewusstsein der finnischen Eigenheit auch der Traum von einem eigenen Staat. Und die Arroganz des Zarismus fachte den finnischen Nationalismus immer wieder von Neuem an.

Die große Veränderung für Finnland war das Ergebnis der zwei russischen Revolutionen – der Februar- und der Oktoberrevolution – von 1917. Der Erste Weltkrieg und seine Folgeerscheinungen (wie das Ende des Zarismus) schufen eine neue Situation: Am 6. Dezember 1917 erklärte das Land seine Unabhängigkeit von Russland. Lenin tolerierte das. In Finnland aber folgte ein Bürgerkrieg zwischen den Bürgerlichen und den „Roten“, den die „Weißen“ für sich entschieden, der aber das Land für Jahrzehnte spaltete.

Darum wählt man auch heute noch die zweite Variante: Im Bewusstsein der meisten Finnen liegt der wahre Wendepunkt der Entwicklung im Zweiten Weltkrieg, als das Land im Gefolge des „Winterkriegs“ von 1939/40 immer tiefer in den Strudel der sowjetisch-deutschen Auseinandersetzungen hineingezogen wurde. Zum Unterschied von Österreich, das 1938 einem militärischen Konflikt mit dem Deutschen Reich aus dem Weg ging, traten die Finnen den sowjetischen Gebietsansprüchen entgegen und legten so den Grundstein für die nachhaltige Unabhängigkeit des Landes nach dem Krieg.

Sibelius – ein musikalischer Vorläufer des heutigen finnischen Nationalismus?

Von Nationalismus ist beim Sibeliusfestival 2017 wenig zu spüren. Das stünde aber auch den nachdenkenden Finnen nicht gut an. Es gibt ja grundsätzlich zwei Arten von Nationalstolz: den Chauvinismus der Herrennationen, die andere Länder beherrscht haben, und den Nationalismus der unterdrückten und in Abhängigkeit gehaltenen Länder, die sich historisch meist spät von den Herrennationen emanzipierten. Dazu gehört mit Sicherheit Finnland. Dazu gehört aber auch Jean Sibelius als finnischer Nationalkomponist.

Und klugerweise haben die Festival-Verantwortlichen die romantische Seite seiner Musik in den Vordergrund gerückt und vor allem frühe Kompositionen aufs Programm gesetzt, so zum Beispiel seine „Press Celebration Music“. Diese „Musik zu den Pressefeiern“ aus dem Jahr 1899 besteht aus sechs Tableaus. Sie enthalten Musik, die später überarbeitet und weiterverwendet wurde, darunter auch die bekannte symphonische Dichtung „Finlandia“. Darum würden einem bestimmte Teile dieser Musik spontan irgendwie bekannt vorkommen. Diese „lebenden Bilder aus der finnischen Vergangenheit und Mythologie“, sind sehr romantisch und klingen irgendwie „romantischer“ und weniger „national“ als „Finlandia“ selbst (Das 6. Tableau heißt denn auch „Finnland Erwacht Symphonie“).

Schön, das einmal hören zu können, und noch dazu in einer bestechenden, unschwülstigen Interpretation des Lahti Symphony Orchestra unter der Leitung seines neuen Chefdirigenten, des aus Russland stammenden, aber in Finnland ausgebildeten Dima Slobodeniouk. Bei ihm steht nicht der musikalische Vorkämpfer des „Finnentums“ im Vordergrund, sondern Sibelius als Exponent einer nordisch-musikalischen Richtung, der den Menschen Märchen und Sagen erzählt, nicht bombastische nationale Mythen. Man kann es geradezu spüren, dass Theodor W. Adorno, für den der finnische Komponist der Exponent eines primitiven Nationalismus war, gewaltig unrecht gehabt haben könnte.

Unter Dima Slobodeniouk bleibt der Orchesterklang schlank und transparent (was gewiss auch mit der Tradition des Orchesters zu tun hat, das mit seinen 67 Musikern gar nicht in Versuchung käme, spätromantischen Pomp zu pflegen). Auch die „Lemminkäinen“-Musik, in der die unglücklichen Abenteuer des Helden geschildert werden – den „Schwan von Tuonela“ kannte früher einmal jeder – erklang in sonorer Schönheit. Und das letzte Stück der Musik („Lemminkäinens Heimkehr“) war auch von der quirrligen und leichtfüßigen rhythmischen Performance her ein großes Vergnügen.

Dima Slobodeniouk Foto: Juha Tanhua

Noch mehr „anderen“ Sibelius konnte man darüber hinaus in den innigen Orchester-Liedern entdecken. Dazu trugen vor allem auch Sängerinnen wie die Sopranistin Anu Komsi mit ihren traumhaften, auch in den Höhen nie brüchig werdenden Pianissimi bei. Welch ein entdeckenswertes Gegengewicht zu dem mit einem heldischen Männerchor ausgestatteten tragischen „Kullervo“, dem Werk eines jungen und – wie es ein neben mir sitzender Finne ausdrückte: „grantigen“ – nationalbewussten Komponisten, das zu Anfang der 1890er-Jahre entstand und in dem Teile des finnischen Nationalepos „Kalevala“ vertont sind!

Zu hören waren auch Lieder mit Klavierbegleitung und Klaviermusik, also jene Teile des OEuvres des Komponisten, die man nicht nur bei uns nicht kennt. Sogar an eine von zwei Ballerinas getanzte Aufführung des Violinkonzerts (mit Klavierbegleitung) wagte man sich heran. Für Furore sorgte das Gastkonzert des Gothenburg Symphony Orchestra unter dem jungen, schlaksig-selbstbewussten finnischen Aufsteiger Santtu-Matias Rouvali. Auch das war kein Zufall: Das schwedische Orchester hatte schon immer enge Beziehungen zu Sibelius.

Festival vom 30.8. bis 3.10.2017

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