Das Quatuor Danel in Badenweiler

Wege in die Innerlichkeit

Bei Klaus Lauers letzten Badenweiler Musiktagen begeisterte das belgische Quatuor Danel mit den lauten und vor allem den leisen Tönen von Beethovens Streichquartetten

Von Georg Rudiger

531 Konzerte, 159 Komponisten, 33 Uraufführungen – die vom Badenweiler Oberbürgermeister Karl-Eugen Engler präsentierten Zahlen bei seiner Laudatio auf Klaus Lauer und der Verleihung der Bürgermedaille sprechen für sich. Der Festivalleiter habe mit seinem „gesunden Gespür für Neues“ die Stadt international bekannt gemacht. Bei seinem allerletzten Konzert im Kurhaus Badenweiler zeigt sich der Geehrte dankbar und bescheiden: „Wenn es mir in diesen Jahren gelungen ist, Menschen davon zu überzeugen, dass ein Leben ohne Musik ein Irrtum wäre, dann hat es sich gelohnt.“

Sein letztes Programm bezeichnete Lauer als „Expedition“ und „Zumutung“ – für die Künstler und das Publikum. Alle sechzehn Streichquartette von Ludwig van Beethoven wurden an fünf Tagen in sechs Konzerten aufgeführt. Da brauchte man Geduld, einen starken Willen und gute Nerven. Das belgische Quatuor Danel stellte sich dieser Herausforderung. Und zeigte sich am Ende dieser Reise durchaus noch frisch und neugierig – zwei weitere Beethoven-Zyklen stehen in diesem Jahr für das Ensemble noch an. Von den frühen, 1799 entstandenen Quartetten op. 18 bis zu den späten op. 131 und 135 (besuchte Konzerte: 8/9. und 12.11) aus dem Jahr 1826 ist es ein langer Weg der Individualisierung. Das 1991 gegründete Quatuor Danel zeichnet die Entwicklung als Kontinuität. Schon im Frühwerk ist das späte angelegt, nur die Stimmungswechsel geraten noch unvermittelter und der Ton noch persönlicher.

Bei ihren Konzerten im Badenweiler Kurhaus sitzen die vier Musiker eng zusammen. Die beiden Gründungsmitglieder Marc Danel (Violine 1) und Gilles Milet (Violine 2) harmonieren mit dem Bratscher Vlad Bogdanas und dem Cellisten Yovan Markowitch, wie man es in dieser Perfektion selten hört. Rhythmische Genauigkeit ist die Grundlage für diesen Beethoven-Zyklus. Das führt nicht nur zu einer deutlichen, sprechenden Artikulation, sondern auch zu großer klanglicher Homogenität. Jeder Akkordwechsel erfolgt gemeinsam, jedes Unisono ist vollkommen deckungsgleich. Die Intonation ist ein Traum. Gerade beim Non-Vibrato-Spiel erzielen die Vier eine Klangreinheit, die die Ohren öffnet.

„Beethoven möchte zur ganzen Menschheit sprechen!“, sagte Primarius Marc Danel. Im Adagio affetuoso ed appassionato aus Op. 18 Nr. 1 wendet er sich ganz dem Publikum zu, um auf die zarten Akkorde des Ensembles mit verknoteten Beinen, verzückter Miene und vor allem einem hochexpressiven Ton die weit gespannte Melodie zu entfalten, ehe sie dann Cellist Yovan Markowitch nochmals intensiviert. Die dynamischen Abstufungen sind extrem, besonders in der hochdramatischen Durchführung. Bis auf die ausgeprägte Beinarbeit des Primarius, die zu durchaus spektakulären gymnastischen Übungen führt, ist das Quartett sehr kontrolliert. Eine verbindliche, genau aufeinander abgestimmte Spielweise ist ihr Erzählton, von dem aus punktuell Dinge schärfer gesagt, Emotionen deutlicher artikuliert werden. Im schnell genommenen Finale von Op. 18 Nr. 3 changiert das Ensemble zwischen Leichtigkeit und höchster Expressivität.

Am zweiten Tag zeigt das Quartett leichte Formschwächen. Marc Danel forciert etwas zu sehr den Bogen und ist in den hohen Lagen nicht immer so souverän unterwegs wie zu Beginn und am Ende des Zyklus. Aber auch hier schaffen die Musiker Besonderes wie in der vierten Variation des Andante cantabile aus op. 18 Nr. 5, wenn die Streicher den Choral so ebenmäßig wie eine Orgel anstimmen. Dieser Weg in die Innerlichkeit berührt auch im Andante ma non troppo e molto cantabile des späten cis-Moll-Quartetts op.131. Überhaupt ist dieser Beethoven bei aller detailliert herausgearbeiteten Exzentrik einer, der im Leisen, Intimen seine berührendsten Momente hat.

Am Ende dieser langen Expedition bedankt sich Marc Danel in Vertretung aller Musiker bei Klaus Lauer. „Seien Sie stolz auf diesen großen Mann“, ruft er dem begeisterten Publikum zu, das am Ende Standing Ovations spendet. Mit der Musik von Claude Debussy hat Klaus Lauer 1973 seine Römerbad-Musiktage begonnen. Deshalb erklingt der dritte Satz aus Debussys Streichquartett als Zugabe: Hingetupfte Akkorde treffen auf delikate Farbmischungen. Ein letzter, perfekt ausbalancierter Klang – dann ist die Ära Klaus Lauer in Badenweiler zu Ende. Seine Nachfolgerin Lotte Thaler steht in den Startlöchern.

Badenweiler Musiktage: „Heut‘ und ewig“, 28.4.-1.5.18

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