Das Amargosa Opera House ist einer der kuriosesten Orte US-amerikanischer Kultur

Oper und Improvisationstanz in der Wüste

In dem abgelegenen Ort Death Valley Junction gibt es das kleinste Opernhaus der USA. Die inzwischen verstorbene Künstlerin Marta Becket hatte sich mit dem Amargosa Opera House vor 50 Jahren einen Traum erfüllt und ist selbst als „Wüstendiva“ zur Legende geworden.

Von Thomas Migge

(Death Valley Junction, Februar 2018) Der Vorhang wird jedes Mal von Hand aufgezogen. Die Musik kommt aus Lautsprecherboxen, die, was kaum zu überhören ist, nicht mehr die allerneuesten sind. Auf der Bühne tanzt Jenna McClintock, im blütenweißen Tutu und mit einer großen Blüte am Dekolleté und einer anderen an den zu einem Dutt zusammen gebundenen Haaren. Jenna tanzt eine Choreografie ihrer Lehrerin, ihres Idols: der am 30. Januar 2017 im Alter von 93 Jahren verstorbenen Marta Becket. Das Publikum schaut ergriffen zu. Viele Zuschauer haben Tränen in den Augen, vor allem jene, die Marta Becket seit Jahrzehnten kannten und ihr Projekt eines Theaters in der Wüste fördern – immer noch, auch nach dem Tod der Künstlerin.

Einer der kuriosesten Orte US-amerikanischer Kultur

Zum 50. Gründungsjubiläum des Amargosa Opera Houses ist das Theater bis auf den letzten Platz ausgefüllt. 120 geladene und zahlende Gäste sind angereist aus Los Angeles, San Francisco und sogar New York City – und das, obwohl es in dem winzigen Kaff mit dem kuriosen Namen Death Valley Junction, übersetzt „Todestalkreuzung“, in der Mojave-Wüste, umgeben von Sand und Geröll, nur fünf Gästezimmer gibt. Aber von langen Fahrtzeiten lassen sich die vielen Besucher des kleinsten Musik- und Tanztheaters der Vereinigten Staaten nicht abschrecken.

Marta Becket Foto: Sam Morris

Das Amargosa Opera House in Death Valley Junction in der Mojave-Wüste in Kalifornien ist unbestritten einer der kuriosesten Orte des US-amerikanischen Kulturlebens. Es war fast 50 Jahre lang die Bühne von Marta Becket, einer sehr ungewöhnlichen Künstlerin. Marta Becket, 1924 geboren, war ein typisch amerikanisches Allround-Talent: Schauspielerin, Choreografin und leidenschaftliche Malerin. Als Mitglied der Tanztruppe an der New Yorker Radio City Hall tanzte und sang sie in so berühmten Musicals wie „Show Boat“, „A tree grows in Brooklyn“ und „Wonderful Town“ und machte sich so einen Namen. Später zog sie als Solistin durch die USA und trat an verschiedenen Theatern auf.

Auf der Fahrt nach Los Angeles hatte ihr Wagen 1968 eine Reifenpanne in einem verstaubten kleinen Ort, der erst 1914 von der Death-Valley-Railroad-Eisenbahncompany gegründet worden war: eine Hand voll Steinhäuser, errichtet in einem vagen pseudomexikanischen Baustil. Darunter ein so genanntes Civic Center, ein Versammlungssaal. Während der Platten am Wagen von Marta Becket repariert wurde, schaute sie sich den Saal genauer an und traf eine Entscheidung, die ihr Leben komplett auf den Kopf stellte.

„Ich blickte in diesen Saal“, erklärte sie in einem ihrer letzten Interviews, „und sah eine kaputte Puppe auf dem Boden und mehrere Ratten, und da entschied ich, hier mein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen, mein eigenes Theater zu gründen.“ Ihre Tournee durch die USA sagte sie kurzerhand ab, kaufte den Versammlungssaal und malte ihn mit einem fiktiven Publikum aus, das ihr damals noch fehlte. Der zu einem Theater umgebaute und ausgemalte Saal sollte 49 Jahre lang Marta Beckets ganz private Bühne sein. Die Künstlerin entschied sich auch, in Death Valley Junction dauerhaft zu leben.

Das Amargosa Opera House von innen Foto: Migge

Von einem Opernhaus kann im Fall des Amargosa Opera House allerdings keine Rede sein: Richtige Opern wurden in den 50 Jahren seines Bestehens auch keine dort aufgeführt. Doch Marta sang, hauptsächlich in One-woman-shows, begleitet von Livemusik, Arien, parodierte, zusammen mit ihrem Mann und anderen Künstlern, Szenen aus Opern, tanzte zu Opernmusik und kreierte Sketche – zunächst vor leerem Saal.

1970 kamen Journalisten der Zeitschrift „National Geographic“ durch Death Valley Junction gereist und entdeckten zu ihrem großen Erstaunen die in ihrem leeren Theater tanzende und singende Künstlerin. Ihr Artikel und kurz darauf ein Porträt über Marta Becket im Life-Magazine machten die „Wüstendiva“, so die „New York Times“, international bekannt. Zuschauer aus aller Welt reisten nach Death Valley Junction an. Schriftsteller wie Ray Bradbury, Autor des dystopischen Romans „Fahrenheit 451“, und Entertainer wie Red Skelton boten ihr eine Zusammenarbeit an.

The Amargosa Opera House Foto: Migge

Becket performte bis 2012. Ihr eigenwilliger Mix aus klassischem und Improvisationstanz, aus Gesang und Sketchen zog Fans aber auch Eleven an. Heute führen die beiden Tänzerinnen Hilda Vazques und Jenna McClintock das künstlerische Erbe ihres Vorbildes Marta Becket weiter. Unterstützt von einem Theaterdirektor und einigen Mitarbeitern, die dafür sorgen, dass das Amargosa Opera House in Death Valley Junction am Leben erhalten wird, nicht nur als Museum: Jeden Freitag und Samstag gibt es Shows im Theater. Aufgeführt werden ausschließlich die künstlerischen Kreationen von Marta Becket.

Infos:
www.amargosa-opera-house.com

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