Daphnis und Chloé

Musealer Pan

Wlademir Faccioni, Karen Azatyan Foto: W. Hösl

Terence Kohler vertanzt "Daphnis und Chloé" neu in München, und Kent Nagano glänzt am Pult des Staatsorchesters
(München, 22. November 2010) Es kommt wohl nur alle halbe Jahrhunderte vor, dass ein Generalmusikdirektor bereit ist, an einer Ballett-Kreation mitzuarbeiten. Aber irgendwann war es Staatsballett-Chef Ivan Liska doch geglückt, Münchens GMD Kent Nagano zu überzeugen. Nach Gesprächen hin und her und langen Probenzeiten ist es nun eine zweiteilige Ravel-Premiere geworden. Nagano selbst hatte die Ballettmusik "Daphnis und Chloé" vorgeschlagen (seine CD-Einspielung gilt als beispielhaft), deren Vertanzung man dem jungen Australier Terence Kohler in Auftrag gab. Hannovers Tanzchef Jörg Mannes choreographierte zu den Werken "Une barque sur l’océan", "Klavierkonzert für die linke Hand" und "Pavane pour une infante défunte". Im ausverkauften Münchner Nationaltheater am Ende euphorischer Jubel, der mit Naganos Verbeugung hörbar an Phon-Stärke zulegte.

Musikalisch war der Abend ein Ereignis. Aber auch optisch war man angetan von Tina Kitzings Bühne für das Mannes-Stück "Wohin er auch blickt…". Großflächige quadratische Gitter, die mit Reihen von Lichtelementen bestückt sind, begrenzen die Bühne seitlich und schweben hoch oben wie Segel in immer wieder veränderten Positionen. In diesen beweglichen, mit-tanzenden Raum schwärmt das Staatsballett-Ensemble, verschwindet wieder, kommt zurück in kleineren Gruppen. Mal sind es Frauen, mal Männer, kurzeitig Paare und öfter ein einzelner Tänzer. Wie Flut und Ebbe schwingt Jörg Mannes‘ weiche und zugleich kraftvolle Tanzbewegung in den impressionistischen Klangräumen der drei Ravel-Kompositionen. Wobei das "Klavierkonzert für die linke Hand", komponiert für den kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein, wohl die Hauptinspiration des Choreographen war. Denn unter der Oberfläche der abstrakten Ballettform evoziert das Stück doch traumartig düstere, bedrohliche Stimmungen; Bilder, Momente des Abschieds, der Trennung.

Wenn Jörg Mannes Ravel gekonnt zeitgenössisch in Tanz übersetzt hat, so verwunderte es, dass der Australier Terence Kohler sein "Daphnis und Chloé" nostalgisch à la Ballets Russes choreographierte. Bei der Uraufführung 1912 in der Fokine-Choreographie war das Erzählen allein durch Tanz, ohne die traditionellen Virtuoso-Nummern, Avantgarde. Aber in der Nachahmung dieses Stils, samt Nymphen und Gott Pan, wirkt die bukolische Liebesgeschichte von Daphnis und Chloé – Protagonisten des antiken Hirten- und Liebesromans von Longos aus Lesbos – jetzt, im 21. Jahrhundert, museal. Wie sich da Mai Kono und Karen Azatyan kindlich-neckisch balgen, so illustrierend nacherzählt will man das
Ballett heute nicht mehr sehen. Da hat manch einer die Augen geschlossen, um ganz konzentriert Naganos filigraner Interpretation zu lauschen. Sicherlich hatte Kohler mit einem Handlungsballett den schwierigeren Part – und ist ehrenvoll gescheitert.
Insgesamt hat dieser neue Staatsballett-Zweiteiler hohe tänzerische Qualität mit exzellenten solistischen Darbietungen von Tigran Mikayelyan und Daria Sukhorukova im Mannes-Ballett und Wlademir Faccioni als Pan bei Kohler.

Malve Gradinger

26. 11., 19 Uhr 30, 28. 11., 18 Uhr. Karten 089/2185 1920

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