Daniele Gatti mit Mahlers Vierter in München

Berückendes Als-Ob

Daniele Gatti und die BR-Symphoniker begeistern mit Mahlers Vierter und Schönbergs „Verklärter Nacht“ in München

Von Klaus Kalchschmid

(München, 8. Februar 2018) – An exzellenten Konzerten mit Mahler-Symphonien ist in München wahrlich kein Mangel. Und doch ist es beglückend, wenn etwa binnen Monatsfrist ein Simon Rattle im „Lied von der Erde“ das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu Höchstleistungen führt und danach Daniele Gatti dasselbe mit der vierten Symphonie, 1901 unter Leitung des Komponisten in München uraufgeführt, gelingt: Es ist die kürzeste, aber nur vermeintlich klassischste und zugänglichste aller Mahler-Symphonien: Denn trotz der Pastoral-Tonart G-Dur herrscht in ihr nach Theodor W. Adorno „ein Als-Ob von der ersten bis zur letzten Note“.

Dies soll etwa heißen, dass das im „Himmlischen Leben“ des Finales besungene Paradies schon im Text von brutalen Bräuchen erzählt, während instrumentale Zwischenspiele mit denselben Schellen lärmend dazwischenfahren, die schon den Kopfsatz mit einem Hauch beißende Ironie überziehen. Nicht von ungefähr muss im Scherzo der Konzertmeister – hier Radoslaw Szulc – immer wieder eine um einen Ton höher gestimmte Geige spielen. Selbst der langsame, „ruhevoll“ zu spielende Variationensatz bricht an seinem Höhepunkt plötzlich in eine seltsam gleißende E-Dur-Helle aus.

Daniele Gatti und das ungemein nuanciert und facettenreich spielende Symphonieorchester des BR verzaubern schon mit einem wunderbar verhaltenen, zart schraffierten Beginn: Seidig fein die hohen Streichern, das Holz mit einer Mischung aus Süße und Spott, aber auch die Blechbläser tanzen auf schmalem Grad zwischen Wärme und Schärfe. Immer wieder lässt Gatti der Musik viel Zeit, modelliert sie auswenig sehr verhalten, senkt auch manchmal den Taktstock, um gleich danach das Tempo erneut anzuziehen und die Artikulation zu schärfen. Das „Als-Ob“: hier wird’s fulminant Ereignis, und Christina Landshamer schwebt, hinter dem Orchester stehend, mit zartem lyrischem Sopran geheimnisvoll über Allem.

Zu Beginn gab es Arnold Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ von 1899 in der vom Komponisten 1943 revidierten opulenten, aber auch manchmal ganz kammermusikalischen Fassung für Streichorchester. Selbst wenn die Originalfassung mit sechs solistischen Streichern unerreicht bleibt, konnte man bei aller Dichte der Faktur in dieser Aufführung einen großen Farbenreichtum bewundern und den Nuancen des Gedichts von Richard Dehmel nachsinnen. Es erzählt durchaus ambivalent von einer Frau, die auf einem nächtlichen Spaziergang im Mondschein die Empfängnis eines Kindes von einem Fremden gesteht, während der Geliebte sie beruhigt: „Du wirst es mir, von mir gebären.“ Das alles aber geschieht in einer spätromantischen Pracht, die Schönberg schon bald hinter sich lassen und dennoch Jahrzehnte später gelten lassen wird.

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