Daniel Harding und die Wiener Philharmoniker

Zerrissene Musik

Die Wiener Philharmoniker unter Daniel Harding mit Debussy und Mahler in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 13.September 2017) Die Wiener Philharmoniker unter Daniel Harding brachten zwei Werke in die Kölner Philharmonie, die zeitgleich am Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden und prototypisch sind für das sogenannte „Fin de siècle“. Dieser Begriff meint die Abkehr von der Romantik im Allgemeinen, von Übervater Richard Wagner im Besonderen. Der Umklammerung des Letztgenannten zu entkommen, gelang nicht allen nachfolgenden Komponisten, viele wollten es auch gar nicht. Claude Debussy indes scherte aus. Dass er das Genre des Musiktheaters mit nur einem einzigen Werk bediente (trotz weiterer gestarteter, dann aber doch nicht zuende realisierter Pläne), ist ein eher äußerliches Indiz. Aber der filigrane Duktus der Musik von „Pelléas et Mélisande“ steht in stärkstem Kontrast zum klangsatten Pathos Wagners.

Daniel Harding hat Debussys Opernsolitär vor zweieinhalb Jahren in der Kölner Philharmonie komplett mit dem Swedish Radio Symphony Orchestra aufgeführt. Die prominenten Solisten waren Karen Vourc’h, Christian Gerhaher, Christopher Maltman, Wiebke Lehmkuhl und John Tomlinson. Mit den Wiener Philharmonikern bot der Dirigent jetzt eine von Erich Leinsdorf zusammengestellte Suite als instrumentalen Extrakt der Oper. So etwas ist Arrangement-Praxis, die in den sogenannten Harmoniemusiken eine frühe Ausprägung fand. Auch Wagners Musik wurde immer wieder auf ihre Höhepunkte eingedampft, bei dem mit seinen vier Teilen überlangen „Ring“ eine ganz und gar pragmatische Maßnahme. Auch hier gibt es eine Version von Leinsdorf, von ihm auch beim Südwestfunk aufgenommen und später auf CD veröffentlicht.

Seiner „Pelléas“-Suite liegen primär die (von Debussy teilweise nachkomponierten) Zwischenspiele zugrunde. Einige Übergänge sind hinzugefügt, die flirrende Musik der Brunnenszene kommt jetzt ohne Gesang aus. Eine sehr gekonnte Partitur, wenn der Eindruck der Erstbegegnung nicht täuscht. Die Wiener Philharmoniker, bekannt für die Noblesse, Zartheit und Feingliedrigkeit ihres Spiels, ließen das Filigrane von Debussys Musik zum Ereignis werden. Die wie aus dem Nichts aufblühenden Oboensoli, die samtenen Pianissimi der Hörner, die mal hellere, mal dunklere Sonorität der Streicher waren besonders faszinierende Klangmomente, souverän gesteuert von dem immer so sportlich wirkenden Daniel Harding, der sich am Dirigentenpunkt jedoch zum Magier und Beschwörer verwandelte.

Die Verankerung der Werke Gustav Mahlers im Konzertrepertoire ist eine Abenteuergeschichte besonderer Art. Die 6. Sinfonie gehört immer noch zu den fremdartigsten Werken Mahlers. Der Komponist merkte selber an: sie wird „noch Rätsel aufgeben, an die sich nur eine Generation heran wagen darf, die meine ersten fünf in sich aufgenommen und verdaut hat.“ Eines der kleineren „Rätsel“ könnte man bereits in der Entstehung des Werkes sehen. Auf der einen Seite schrieb Mahler die Musik in seinem idyllisch gelegenen „Komponierhäuschen“, auf der anderen begannen sich in seiner Biografie verstärkt tragisch Ereignisse abzuzeichnen: Entfremdung von seiner Frau Alma, früher Tod der Tochter Anna, die antisemitisch grundierten Anfeindungen gegen seine Tätigkeit als Wiener Hofoperndirektor sowie die Diagnose eines schweren Herzleidens. Die spektakulären Hammerschläge im Finalsatz der Sinfonie (zwei, ursprünglich drei) unterstreichen das nachdrücklich. Die durch Kuhglocken illustrierte Friedfertigkeit von Landleben wird durch sie zermalmt. Das Moll-Ende der Sinfonie spricht ein letztes Schicksalswort.

Daniel Harding, im Mahler-Oeuvre noch nicht vollgültig zu Hause, hat sich mit der „Tragischen“ (nachträglicher Untertitel) allerdings schon mehrfach auseinandergesetzt, gleich zweimal im Jahre 2014. Einmal bei den Berliner Philharmoniker (als Einspringer für Kirill Petrenko), dann beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Der Mitschnitt vom 21. April erschien auf CD und war von einem ungewöhnlichen Experiment begleitet. Bei vier Musikern und dem Dirigenten wurden EKG-Messungen vorgenommen, welche zeigten, dass die emotionale Anspannung bei der Wiedergabe von Mahlers „zerrissener“ Musik über das übliche Maß hinaus geht und zu einer Stresssituation führt, welche mit der von Hochleistungssportlern vergleichbar ist.

Kämpferisches Engagement und intensivste Hingabe waren auch den Wiener Philharmonikern anzumerken. Die Zuhörer in der Kölner Philharmonie dürften sich mehrfach in ihre Sitzplätze gedrückt fühlen, wenn extreme Mahler‘sche Klangentladungen über die hereinbrachen. Daniel Harding, mit dem Werk erkennbar vertraut, verlor sich nicht in einem dirigentischen Delirium, sondern steuerte das gigantische Klanggeschehen mit klarem Formbewusstsein und unverwischter Gestik. Dass er von der Musik gleichwohl aufgesogen wurde, blieb unverkennbar.

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