Currentzis und Kopatchinskaja in Salzburg

Rumorig-humorig

 Teodor Currentzis, Patricia Kopatchinskaja und die MusicAeterna beeindrucken mit Werken von Alban Berg und Gustav Mahler in der Salzburger Felsenreitschule

Von Derek Weber

(Salzburg, 10. August 2017) Man kann zum Currentzis-Fan werden. Das liegt natürlich nicht an ihm allein, sondern auch an der von ihm geleiteten phänomenalen Truppe von Musikern, die sich – meist stehend – für ihn die Seele aus dem Leib spielen. So wie einst beim legendären Concentus Musicus und Nikolaus Harnoncourt hat sich zwischen Teodor Currentzis und der MusicAeterna eine veritable Symbiose herausgebildet, die – von Fall zu Fall – zu äußerst beeindruckenden Ergebnissen führt (siehe auch Kritik Mozart-Requiem und Titus – beide bei den Salzburger Festspielen – auf KlassikInfo.de).

Nicht immer müssen die Geiger stehen (und in die Einsätze hineinspringen), manchmal sitzen sie – wie am Donnerstag als Begleiter bei Alban Bergs wunderbarem Violinkonzert – ganz gesittet auf ihren Plätzen; das andere Mal sind auch Teile der Bläser angehalten sich zu erheben, wie bei Gustav Mahlers erster Symphonie. Das erfordert, vom Musikalischen abgesehen, schon ein gutes Stehvermögen. Denn so richtig kurz ist diese Symphonie ja nicht gerade.

Mit welcher Begeisterung die meist jungen Musiker bei der Sache sind, kann man ermessen, wenn man sich beim Zusehen auf einzelne Musiker konzentriert, zum Beispiel auf den kleinen Konzertmeister, der im Lauf des Konzerts immer größer und größer zu werden scheint. Man hört eben auch mit den Augen, zumal dann, wenn nicht Musikbeamte an den Pulten sitzen.
Patricia Kopatchinskaja, die bar- und leichtfüßige Geigerin, ist nicht zum ersten Mal die Partnerin von Teodor Currentzis. Und sie ist auch bei Bergs Konzert die Konzentration selbst. Auch sie spielt mit dem ganzen Körper. Kratziger als man es gewohnt ist. Sie kann auch anders. Bei Berg hat sie – Ganz eines Sinnes mit dem Dirigenten – den „modernen“ Komponisten im Sinn, nicht den großen Romantiker der Zweiten Wiener Schule. Da gibt es Gegenbeispiele wie Oleg Kagan oder Gidon Kremer, die das Konzert mit einer gehörigen Dosis Gefühl auszustatten wussten, ohne je in süße Töne zu verfallen. Aber das ist natürlich Geschmacks- (und vielleicht auch „Zeitsache“), wenn man dieses Spontanwort hier anwenden darf. Die Geigerin und Currentzis sind neu ans Licht gespülte Erscheinungen, die eine große Bereicherung des Musiklebens darstellen.

Nach der Pause wurde mit der ersten Symphonie von Gustav Mahler das extrovertierte und rumorig-humorige Gegenteil von Berg offeriert. Da geht es ohne große Bedenken ums Spätromantisch Hingemalte. Die Farben rauschten nur so durch den Saal und für die Pauken und Tschinellen galt die Parole „Immer feste druff!“. Phantastisch, wie Currentzis mit den Musikern kommuniziert, wie er Klänge mit den Händen formt. Seinen Gegnern sei’s gesagt: Der Mann kann was! Er weiß, wann er gebieterische Anweisungen geben muss und wann es Zeit ist, dem Orchester seine Freiheiten zu lassen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Diesen jungen Musikern. Was für eine Begeisterung muss Perm durchwehen!

Man erinnert sich, dass sich Ähnliches vor einiger Zeit beim „Sistema“ in Venezuela im wahren Sinn des Wortes „abspielte“. Auch diese Jugendlichen haben mit Verve und Vorliebe Mahlers Erste gespielt, nicht nur in Caracas, sondern an Orten, die man hierzulande tiefste Provinz zu nennen pflegt. Wer weiß, wie es ihnen heute geht, wo das Land immer tiefer in bürgerkriegsähnliche Zustände abgleitet und wo einem vor lauter Entsetzen das Schön-Spielen vergehen möchte!

Aber auch den schlacksigen Dirigenten aus dem Osten zieht es wie Gustavo Dudamel immer mehr in den „Westen“. Hoffen wir, dass nicht auch in diesem Fall das Zentrum die Peripherie auffressen wird. Denn diesen Paukenschlag, der ungewohnt heftig am Schluss der Symphonie stand, und die ebenso unübliche Leichtigkeit des 2. Satzes samt der Pflege des maximalen Kontrasts, die sich durch das ganze Werk zieht, die möchten wir – in Abwandlung von Friedrich Schiller – schon der „ganzen Welt“ gönnen, nicht nur den Salzburger Festspielbesuchern.

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