Currentzis und Kopatchinkaja

Ohrenöffendes Hören

Die Braut, die sich traut: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Dirigent Teodor Currentzis Foto: Nikolaevich/Sony

Teodor Currentzis und Patricia Kopatschinskaja lassen bei Tschaikowsky in Wien aufhorchen
Von Derek Weber
(Wien, 13. Januar) Manchmal muss man mit Umwegen beginnen: Teodor Currentzis ist für viele der große Guru unter den jüngeren Dirigenten. Inzwischen ist er 44 und er leitet nicht nur, wie früher, sein eigenes Ensemble namens MusicaAeterna, das er 2004 in Novosibirsk gegründet hat. Zur Zeit dirigiert er in mehreren Konzerten in einer Reihe des Wiener Konzerthauses die Wiener Symphoniker, die noch immer mit dem Ruf zu kämpfen haben, ein Musikbeamten-Ensemble zu sein, aber unter seiner Leitung gar nicht so vergreist klingen, wie das Vorurteil es nahelegt.
Currentzis ist schlaksiger Vorspringer, Vortänzer und takstockloser Gestikulator in einem. Irgendwie erinnert er in seinen engen schwarzen Hosen und mit seinen schrägen Haaren an eine dandynahe E.T.A. Hoffmann-Figur. Er scheint sehr ernst zu nehmen, was sein Leningrader Lehrer gefordert hat: Dass der Dirigent die Musik mit den Händen sichtbar machen müsse. Was muss dieser Ilya Musin, den bei uns kaum einer beim Namen kennt, für ein begnadeter Pädagoge gewesen sein! Neben Currentzis sind Musiker wie Valery Gergiev, Juri Terminkanov und Semyon Bychkov durch seine Schule gegangen. Und zumindest Gergiev verläßt sich beim Zeichengeben auch ganz auf seine Hände, deren suggestive Wirkung er nur ausnahmsweise z.B. bei Chorwerken mit einem Bleistift-Stummel verstärkt.
Den Ganzkörper-Einsatz freilich hat Currentzis für sich gepachtet. Doch wenn – wie jetzt in Wien beim philharmonischen Abokonzert – Bychkov eine genau artikulierte und durchdachte Erste Mahler dirigiert, die zeigt, dass die Anweisung "Wie ein Naturlaut" nicht nur für die einleitenden Takte des Kopfsatzes gilt, kann man schon auf die Idee kommen, dass neben dem Kopf dabei auch die gut geführten Hände des Dirigenten mit im Spiel sind und dass bei Currentzis der ganze Körper die Wirkung der Hände verstärken will.
Ob das Ergebnis den zusätzlichen Energieaufwand lohnt, ist nicht leicht zu entscheiden. Im Fall von Tschaikowskys Vierter Symphonie geht die dynamische Zuspitzung zumal im Finale über leichte Zugewinne im Tempo nicht hinaus. Dieses Werk haben frühere Dirigenten wie Kurt Sanderling, Wilhelm Furtwängler und Jewgeny Mrawinsky schon mit großer Spannung ausgelotet.
Anders sieht es mit Tschaikowskys Violinkonzert aus. Auffällig ist die Ausweitung der dynamischen Palette an beiden Enden, woran die Solistin (Patricia Kopatschinskaja) einen nicht unmaßgeblichen Anteil hatte. Die Pianissimi griffen in den Bereich des Kaum-noch-Hörbaren aus, bisher nie gekannte phantasievolle Bogen- und Stricheinfälle werden eingesetzt und Dialoge zwischen dem Soloinstrument und den Holzbläsern blühen auf. Dies gilt nicht nur für die erste, aufs Violinkonzert reduzierte Konzertvariante ("Im Klang"), bei der das Publikum zum Teil zwischen oder am Rand der Musiker saßen, sondern auch für die "normale" Aufstellung auf dem Podium.
„Im Klang“ zu sitzen putzt die Ohren aus und lenkt die Aufmerksamkeit auf die intimen Dialoge zwischen den Holzbläsern und der Geigerin. Das darf man mit Recht unerhört bzw. ungehört nennen. Das hat natürlich auch mit der Aufstellung von Orchester und Publikum zu tun: So nahe bei den Musikern hat man normalerweise nichts zu suchen. Das darf man zu Recht innovatives und ohrenöffendes Hören nennen. 
Ein neues Konzertformat ist geboren und zugleich ein geradezu pädagogisches Projekt angestoßen, bei dem sich der Konzertsaal zum "Hörsaal" im doppelten Sinn des Wortes mausert.


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