Currentzis mit dem Verdi-Requiem in Wien

Apokalyptische Farben

Endzeit-Rumor und zarte Pianissimi: Giuseppe Verdis Messa da Requiem unter Teodor Currentzis mit der MusicAeterna im Wiener Konzerthaus

Von Derek Weber

(Wien, 5. April 2019) Ein altes und hartnäckiges Vorurteil erzählt davon, dass Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ opernhafte Züge trage. Ob abwertend gemeint oder nicht: Das dieser Musik innewohnende Theatralische trifft sich auf jeden Fall auf halbem Wege mit den Intentionen eines Dirigenten wie Teodor Currentzis, der gerne durch zugespitzte musikalische Akzentuierungen und spezielle Gewandungen, die irgendeinen vermuteten rituellen Bezug zum Gegenstand der musikalischen Aufführung haben, auf sich aufmerksam macht. Im Fall des Verdi-Requiems waren das jetzt im Wiener Konzerthaus schwarze Mönchskutten.

Und natürlich spielten die Streicher wie immer stehend. Und eine riesengroße Große Trommel war mit dabei. Aber auch sie war mehr Schau-Beiwerk als effektives Schlaginstrument, sozusagen ästhetischer Tand, der nichts Substanzielles an der musikalischen Substanz änderte. Verdis Musik klang kaum grundlegend anders, genauso, wie die stehenden Geiger und Bratscher den Klang gegenüber sittsam auf Sesseln sitzenden Musikern nicht substanziell veränderten. Sie sollten wohl sichtbare Zeichen einer geänderten Einstellung zum Musizieren setzen, Zeichen fürs Zuspitzen statt harmonischem Ausgleichen.

Solche Signale beeinflussen ja grundsätzlich jede Aufführung: Es macht einen großen Unterschied, ob an den Pulten gemächliche Musikbeamte sitzen oder risikobewusste Entrepreneurs. Currentzis weiß das. Der künstlerische Leiter des Operntheaters von Perm arbeitet bewusst mit solchen Selbstverständlichkeiten. Sie sind eines seiner Stilmittel. Und er ist ein großer Inszenator seiner selbst und der von ihm geleiteten Aufführungen. Dazu kommt eine nicht unwichtige Selbststilisierung: Irgendwie sieht er aus der Ferne aus wie die späte Wiedergeburt einer spindeldürren E.T.A. Hoffmann-Figur. Doch in Wirklichkeit verbirgt sich hinter der romantischen Fassade ein hart arbeitender Dirigent, der eben mehr als nur das Notwendigste an Zeichen zur Schau stellt. Er ist der exhibitionistische Gegenpart zu den Dirigenten der alten Schule, die mit weitaus kleineren Zeichen auskamen bzw. auskommen.

Doch gibt es andere Eigenheiten, die Currentzis´ Dirigat augen- und ohrenfällig machen: Verdis Requiems-Musik tritt unter seinen Händen weniger chorbasiert auf, als das gemeinhin der Fall ist. Es sind vielmehr die Gesangssolisten, die – zum Singen mit aller Kraft animiert – immer wieder hart an die Grenzen ihrer dynamischen Möglichkeiten getrieben werden, wenn auch nicht alle ihren Part so souverän meistern wie der Tareq Nazmi, der mit seinem sonorem Bass für sich einzunehmen weiß.

Dass Currentzis sein Dirigenten-Handwerk beherrscht, hat er mehr als einmal bewiesen. Dass er sich dazu auch aufs gute Verkaufen versteht, ebenso. Nie aber ist er ein unverbindlicher Interpret, steht geht er aufs Ganze. Bei Verdis mit Emotionen vollgepacktem Requiem entfaltet er den zwischen düsteren Visionen und geradezu zärtlichen Emotionen hin- und hergerissenen Bilderbogen einer Komposition abseits alles „Katholischen“ in erschreckenden apokalyptischen Farben. Giuseppe Verdi war eben weniger ein glaubensnaher denn ein humanistischer Künstler.

Wer könnte vor seiner Direktheit die Augen und Ohren verschließen! Ein so zupackender und stets an die Grenzen (und manchmal auch darüber hinaus) gehender Musiker wie Currentzis kann das jedenfalls nicht. Auch beim Verdi-Requiem wird es daher des Öfteren laut und die Stimmen der Solisten – neben dem Bass Tareq Nazmis die Sopranistin Zarina Abaeva, die exponiert hoch oben im Saal aufgestellt alle anderen übertönt, die Mezzosopranistin Yarhudi Abrahamyan und der Tenor René Barbera – werden immer wieder hart bis ans Limit geführt. Dass sich der musicAeterna chorus of Perm Opera die Seele aus dem Leib singt und das Permer Opernorchester inklusive seiner Riesentrommel bestens präpariert zum geistlichen Fest aufspielt, versteht sich beinahe von selbst.

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