Currentzis mit Bruckner beim SWR Symphonieorchester

Leben im Streichermeer

Teodor Currentzis mit Bruckners Neunter und Ligetis Lontano beim SWR Symphonieorchester, das er in der nächsten Saison als Chefdirigent leiten wird

Von Georg Rudiger

(Freiburg, 21. Januar 2018) Teodor Currentzis spaltet die Musikwelt. Den einen gilt der Grieche als eitler Selbstdarsteller, den anderen als unangepasster Heilsbringer, der Hörgewohnheiten hinterfragt und verkrustete Strukturen im Klassikbetrieb aufbricht. Die Überraschung war jedenfalls groß, als Johannes Bultmann im April 2017 den kommenden Chefdirigenten des fusionierten SWR Symphonieorchesters verkündete. Mit Currentzis landete der künstlerische Gesamtleiter der SWR-Klangkörper und –Festivals einen echten Coup. International begehrt, in Alter und Neuer Musik zu Hause, Gründer und Erzieher seines eigenen Orchesters MusicAeterna. Aber passt so ein leidenschaftlicher Freigeist auch zu einem Rundfunkorchester, das nicht nur in Sachen Proben viele Zwänge hat? Dem Vernehmen nach waren es vor allem die Freiburger Musiker, die dieses Risiko eingehen wollten. Die vorsichtigeren Stuttgarter mussten wohl erst von dieser Option überzeugt werden. Nun stellte sich Teodor Currentzis erstmals seit seiner Wahl mit dem SWR Symphonieorchester, dem er ab der kommenden Saison als Chefdirigent vorstehen wird, in Stuttgart und Freiburg vor. Und entfachte dabei eine Aufbruchsstimmung, die dem fusionierten Klangkörper sichtlich gut tat und sich aufs Publikum übertrug.

Teodor Currentzis hilft dabei mit seiner Emotionalität, seinem Charisma, seiner menschlichen Wärme und nicht zuletzt seinem musikalischen Ausdruckwillen – eindrucksvoll zu erleben bei der plastischen Deutung von Bruckners 9. Symphonie. Zumindest für einen Abend verbindet er die über 100 Musiker aus Freiburg und Stuttgart zu einer Schicksalsgemeinschaft, die sich mit großer Hingabe in Bruckners zerklüftete Klangwelten stürzt, die Schrecken hörbar macht, aber auch Trost spendet. Grundlage der Interpretation ist ein dichter, flexibler Streicherklang (18 erste Violinen!), der auch noch in den gewaltigen Blechausbrüchen zu hören ist und der Schärfe Tiefe gibt. Currentzis belebt das Streichermeer, dreht sich auch mal mit ausgebreiteten Armen ganz den Bratschen oder ersten Violinen zu, um seine Energie bis zum letzten Pult zu schicken. Auf dieser flexiblen, immer klangvollen Grundlage meißelt er die Höhepunkte wie das in die Tiefe abstürzende Hauptthema des Kopfsatzes.

Der Puls der Musik ist stabil, die dynamischen Steigerungen haben einen langen Atem, die Generalpausen sind eher kurz. In der Coda wirken die Motiverinnerungen der Klarinette fast fratzenhaft. Das Scherzo erklingt mit apokalyptischer Wucht. Im stampfenden Dreier arbeitet der Dirigent mit Handkantenschlägen Hemiolen heraus, die der kalten Maschinenmusik Leben einhauchen. Die Oboen nehmen den Schalltrichter nach oben, um den Klang noch schärfer werden zu lassen. Aber Currentzis hält Maß, gibt im Adagio auch den Choralanklängen, die von den vorzüglichen Posaunen und Wagnertuben veredelt werden, genügend Raum, schattiert Motivwiederholungen ab und lässt das Orchester nie zweimal genau das Gleiche sagen. Vor allem schafft der Dirigent eine Dringlichkeit, indem er das Orchester in den einzelnen Registern fokussiert. Kurz vor den letzten Pizzicati lächelt er die ersten Violinen an, während die Hörner im extrem lange ausgehaltenen Schlussakkord der Unendlichkeit nachspüren.

Statt des fehlenden Finales lässt Currentzis dieser unvollendeten Symphonie mit György Ligetis „Lontano“ ein Werk folgen, das 1967 für das damalige SWF-Sinfonieorchester Baden-Baden geschrieben wurde. Flirrende Tonflächen treffen auf behutsame Klangschichtungen, ehe die Musik wieder in die Stille zurückgeht. Diesen magischen Moment dehnt Teodor Currentzis auf einige Sekunden, ehe seine Körperspannung nachlässt und das Publikum begeisterten Applaus und stehende Ovationen spendet. Er eint, statt zu polarisieren. Und verbreitet Aufbruchsstimmung in Stuttgart und Freiburg.

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