Currentzis mit Bohème in Baden-Baden

Einsamkeit, Schmerz und Gleichgültigkeit

Teodor Currentzis dirigiert (s)eine neue Sicht auf „La Bohème“ in Baden-Baden, Philipp Himmelmann hat klug inszeniert

Von Georg Rudiger

(Baden-Baden, 10. November 2017) Mimì liegt sterbend im Schnee. Ihr geliebter Rodolfo kniet daneben und schaut teilnahmslos zu Boden. Die Künstlermansarde, die Ausgangspunkt und Ende von Puccinis „La Bohème“ bildet, ist hochgezogen und hängt an der Bühnendecke des Festspielhauses. Keinen Schutz gibt es mehr in dieser Eisfläche und keine Wärme. Nur die Streicher des Orchesters spenden ein wenig Trost. Dann setzt das Blech ein mit den scharf angesetzten, wiederholten Schicksalsakkorden. Die Freunde stehen vereinzelt auf der Eisfläche und wenden sich als Silhouetten von der gerade Verstorbenen ab. Das Schlussbild dieser musikalisch und szenisch großartigen Produktion des Festspielhauses Baden-Baden und Opern-und Ballett-Theaters Perm erschüttert. Kein gefühliger Tod, keine falsche Träne, sondern Einsamkeit, Schmerz und Gleichgültigkeit. Regisseur Philipp Himmelmann gelingt hier gemeinsam mit der Musik eine emotionale Verdichtung seiner klugen Inszenierung, die niemanden kalt lässt.

Dirigent Teodor Currentzis hat nicht zu viel versprochen, als er im Vorfeld eine ganz neue Sicht auf „La Bohème“ ankündigte. Der künftige Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters schafft es tatsächlich, mit seinem vorzüglichen Orchester MusicAeterna, dem beliebten Repertoirestück neues Leben einzuhauchen. Dafür – und das ist das Überraschende an diesem Abend – bürstet er nichts gegen den Strich. Er zeichnet nur jede Regung von Puccinis Musik nach und bietet vor allem im Pianobereich Differenzierungen und Schattierungen, die man so noch nicht gehört hat.

Auch die Schluss-Szene lebt von dieser kammermusikalischen Intensität, in der Zarina Abaeva (Mimì) und Leonardo Capalbo (Rodolfo) ihre letzten Worte sprechen. Der Sphärenklang der Streicher ist nicht ganz von dieser Welt. Musik als spiritueller Raum! Aber Puccinis Partitur ist viel mehr als nur entrückter Gesang. Scharfe Kontraste und schnelle Tempowechsel kennzeichnen sie genauso wie großes Pathos und feine Ironie. In zwei Szenen im zweiten und dritten Akt hat er sogar zwei Musiken gleichzeitig komponiert, wenn die innige Liebe zwischen Mimì und Rodolfo auf das Eifersuchtsgeschnatter von Musetta (Sofia Fomina) und Marcello (Konstantin Suchkov) trifft.

Wie Currentzis die beiden völlig unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig herausarbeitet, aber sie dann doch mit großen Bögen zusammenbringt und weiterführt, ist meisterhaft. Wie überhaupt der griechische Dirigent, der in seiner Gestaltungslust auch über das Ziel hinausschießen kann, an diesem Abend alles richtig macht. Obwohl er mit seinem exzellent besetzten, homogenen Orchester die Details heranzoomt, verliert er sich nicht darin, sondern lässt die Musik fließen. Seine Rubati sind geschmackvoll, seine Tempi schlüssig. Blitzschnell wechselt MusicAeterna zwischen Pathos und Ironie, lockerem Konversationston und inniger Kantilene. Ein Klangtüftler war Currentzis schon immer – eindrucksvoll zu hören im Festspielhaus, wenn er die Harfen klanglich hervorholt und gleichzeitig die Streicher dämpft oder ein Unisono so perfekt mischt, dass es wirklich nur wie eine einzige, drängende Stimme klingt.

Regisseur Philipp Himmelmann siedelt diese „Bohème“ im Paris der späten 1960-er Jahre an. (Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Kathi Maurer). Das Pariser Café Momus im zweiten Akt wird Schauplatz einer Studentendemo (Chor von MusicAeterna/Vitaly Polonsky und Cantus Juvenum Karlsruhe/Anette Schneider). Es schneit fast ununterbrochen auf der Opernbühne. Aber der Schnee verbreitet keine behagliche, vorweihnachtliche Stimmung, sondern erzählt von Kälte und Einsamkeit.

Rodolfos Freunde sind charmante Loser. Edwin Crossley-Mercer gibt einen tänzelnden Schaunard mit elegantem Bassbariton, Nahuel di Pierro könnte man als Colline den Existentialisten zuordnen. Mit seinem enorm tragfähigen, beweglichen Bariton macht Konstantin Suchkov aus dem Maler Marcello einen dominanten Mitbewohner, der auch in der Beziehung mit dem Luxusweibchen Musetta (präsent: Sofia Fomina) auf Augenhöhe ist. Leonardo Capalbos Rodolfo hat im Lyrischen seine Stärken. In dramatischeren Passagen und in der Höhe fehlt es ihm ein wenig an Fokussierung.

Zarina Abaeva nimmt man zwar Mimìs Tuberkulose nicht ab. Aber gesanglich entwirft die Russin ein vielschichtiges Rollenporträt, das auch eine Innensicht der Figur ermöglicht. Wie eng Currentzis Musik und Szene miteinander verbindet, zeigt sich gleich zu Beginn, wenn sich Mimì genau in dem Moment von Rodolfo abwendet, als ein verminderter Akkord erklingt. Überhaupt beglückt an diesem Abend auch die detaillierte Ausarbeitung jeder Phrase – auf der Bühne und im Orchestergraben. Mit dieser Produktion gelingt dem Festspielhaus Baden-Baden seit langer Zeit wieder ein fulminanter Musiktheaterabend.

„Die Musik von Puccini ist sehr ernst gemeint“, sagt Teodor Currentzis auf der Premierenfeier, bevor der als unnahbar geltende Grieche von Kindern des Cantus Juvenum Karlsruhe umringt wird und lächelnd Autogramme gibt.

Werbung


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.