Currentzis Jansons

Tod, wo ist Dein Stachel?

Sophia Burgos und Teodor Currentzis Foto: Stefanie Loos

Bei der musica viva in München dirigierte Mariss Jansons die Uraufführung der „Requiem-Strophen“ von Wolfgang Rihm und Teodor Currentzis beim Räsonanz-Stifterkonzert Berios „Coro“
Von Klaus Kalchschmid
(München, 30. März, 1. April 2017) – So unterschiedlich Luciano Berios fast einstündiger „Coro“ und Wolfgang Rihms 75-minütige „Requiem-Strophen“ auch sind, die bei einem musica-viva-Wochenende in München auf- bzw. uraufgeführt wurden, haben sie doch zweierlei gemeinsam: die Bedeutung des singenden Kollektivs, bei Berio auch immer wieder aufgefächert in raffiniert verschränkte Einzelstimmen, und eine scheinbare Heterogenität der Texte, die sich schließlich einerseits einend und andererseits als prägend für die musikalische Faktur erweisen.
Re – qui – em ae – ter – nam – do – na – e – is: ganz leise und langsam skandierend beginnt Wolfgang Rihms „Requiem-Strophen“ um gleich in die erste Vertonung von Rilkes „Der Tod ist groß“ zu münden. Auch später sind die Teile der lateinischen Totenmesse (Requiem, Kyrie, Libera me, Lacrimosa, Sanctus, Agnus Dei) vor allem dem Chor (des Bayerischen Rundfunks) vorbehalten. Erstere haben mit raffinierten Anklängen an Brahms – ohne eklektizistische Kopie zu sein – eine ganz andere Faktur als etwa die kapriziösen Duette der beiden Soprane (Anna Prohaska, Mojca Erdmann), die den ersten von vier Teilen bestimmen, oder die im zweiten Teil dem Bariton (sehr gut artikulierend, aber etwas spröde und ohne Glanz: Hanno Müller-Brachmann) vorbehaltenen, expressiven Vertonungen von Michelangelo-Sonetten als veritable Orchesterlieder.
In den letzten beiden Teilen verwischen die Grenzen, bevor am Ende Hans Sahls „Strophen“ einen weiten – ebenso fatalistischen wie tröstenden – Horizont weit aufreißen.
Ich gehe langsam aus der Welt heraus
In eine Landschaft jenseits aller Ferne,
und was ich war und bin und bleibe,
geht mit mir ohne Ungeduld und eile
in ein bisher noch nicht betretenes Land.
Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
In eine Zukunft jenseits aller Sterne,
und was ich war und bin und immer bleiben werde,
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile,
als wär ich nie gewesen oder kaum.

Teilweise bittersüß nur von zwei Bratschen, Flöten oder einer obligaten Oboe begleitet, endet das Werk ungemein zart. Bis dahin gibt es bei aller Verweigerung Rihms, weshalb etwa das sonst bei Mozart oder Verdi so prominent durch den Saal fegende „Dies irae“ unvertont bleibt, und der Bevorzugung eines kammermusikalisch aufgefächerten Orchesters doch immer wieder kurze Eruptionen. Den Grundcharakter eines schönheitstrunkenen, resignativen Abschieds und zugleich der Sehnsucht nach Tod und Jenseits tangiert das freilich kaum.
Während das große Oratorium Rihms im Herkulessaal uraufgeführt wurde, war zwei Tage später beim von der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung initiierten Reihe der Räsonanz-Stifterkonzerte (in Zusammenarbeit mit der musica viva und dem Lucerne Festival) das Prinzregententheater der auch akustisch perfekte Ort für Luciano Berios „Coro“ mit dem Mahler Chamber Orchestra und Currentzis‘ MusicAeterna Chor aus Perm (Einstudierung: Vitaly Polonsky). (Fast) jedem Musiker ist da ein Sänger zugeteilt. Das ergibt – solistisch oder chorisch – schon beim Zuschauen einen enormen Radius der Wahrnehmung, die von der Konzentration auf Wenige (nur klavierbegleitet wie zu Beginn) bis zur Ballung des Kollektivs reicht. Auch wenn man viele Texte – u.a. der Sioux, aus Polynesien, Kroatien, Venedig, Chile, dem Piemont und Verse aus „Residencia en la tierra“ von Pablo Neruda – gesungen auf Englisch, Deutsch, Spanisch oder Französisch – trotz des exzellenten Programmbuchs nicht wirklich verstehen kann, so ist der Eindruck überwältigend. Denn bei aller Komplexität gibt es in dieser „großen Ballade“ (Berio) rhythmisch prägnante Passagen, die auch melodisch und harmonisch durchaus eingängig sind, komponiert nach einer Form des polyphonen Spiels aus Zentralafrika. Dass jedes Mitglied des Chores ungemein prägnant und charakteristisch timbriert singen kann, gibt den solistischen Passagen große Kraft, verschmilzt das Ganze in seiner Vielgestaltigkeit aber zu einer höheren Einheit.
Nicht unerwähnt bleiben soll das nach Berios „Call“ für fünf Blechbläser und Ligetis „Lux Aeterna“ im erste Teil folgende wunderbar zartes Stück für Sopran und Kammerorchester Claude Viviers „Lonely Child“ (1980). Bei ihm verschmelzen die Klangfarben der meist auf Französisch oder in einer archaischen Fantasiesprache singenden Sophia Burgos aufs Schönste mit den „großen farbigen Lichtstrahlen“ (Vivier), die die Instrumente wie ein großer Regenbogen leuchten lassen.    
  


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