Cuarteto Casals

Der unglückliche Felix

Cuarteto Casals Foto: Molina Visuals

Das erstaunliche Cuarteto Casals gastierte in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 27. Oktober 2016) Cuarteto Casals – dieser Name lässt unzweideutig auf die Nationalität des Ensembles schließen. Wie der berühmte Cellist Pablo Casals sind auch die Musiker des Quartetts Spanier (siehe Porträt des Quartetts auf KlassikInfo.de); der Bratscher Jonathan Brown stammt allerdings aus den USA. Das Kölner Konzert begann mit dem überaus körperwendigen Abel Tomàs Realp am ersten Pult und Ludwig van Beethovens Opus 18,1. Realp und die Geigerin Vera Martínez wechseln sich an dieser Position ab.
Eine Besonderheit beim Cuarteto Casals ist auch die Tatsache, dass man mit Geldern des Londoner Borletti-Buitoni Trust einen zusammengehörigen Satz klassischer Bögen erwerben konnte, welche bei Werken bis hin zur Romantik benutzt werden. Welche Feinheiten der Interpretation sich hierbei ergeben, vermag wohl nur ein besonders scharfes Ohr zu registrieren, beim Kölner Konzert dürften indes ganz „normale“ Bögen benutzt worden sein, denn zwischen dem eröffnenden Beethoven-Werk und Felix Mendelssohns final gespieltem Quartett f-Moll opus 80 gab es György Kurtágs „Six moments musicaux“ opus 44 sowie die Quartettsätze opus 5 von Anton Webern zu hören. Solch eine Kombination ist durchaus typisch für das Cuarteto Casals, welches in seinem weit gespannten Repertoire auch gerne spanische Kompositionen berücksichtigt (etwa die Quartette des mit nur zwanzig Jahren verstorbenen Juan Crisóstomo de Arriaga) und zeitgenössischer Musik ausgesprochen viel Platz einräumt. Vor allem das Schaffen Kurtágs wird nachdrücklich gepflegt. So sind die „Moments musicaux“ auch bei den kommenden Auftritten in Barcelona (5.11.), Berlin (7.11.), Salamanca (14.11.) und Tel Aviv (27.11.) zu hören.
Dieses Werk von 2005 (da näherte sich der Komponist seinem achtzigsten Lebensjahr) sind in ihrer dissonant schneidenden Expressivität zwar eindeutig Schöpfungen der aktuellen Gegenwart, doch betont Kurtág immer wieder auch seine Verbundenheit mit der Tradition: „Meine Musiksprache ist Bartók, und Bartóks Musiksprache war Beethoven.“ Logisch also, dass das Cuarteto Casals die spröden Kurtág-Miniaturen auf Beethoven folgen ließen.
Es wäre im Übrigen daran zu erinnern, dass auch der junge Beethoven sein Publikum immer wieder zu verstören wusste. Die Quartett-Serie opus 18 (geschrieben von einem Dreißigjährigen) wurde beispielsweise als „sehr schwer auszuführen und keineswegs populair“ bezeichnet. Dieses Urteil gehört zwar der Vergangenheit an, doch machte die zupackende, dramatisch insistierende Widergabe durch das Cuarteto Casals bewusst, dass diese Werke mit ihrem mitunter schroffen Ausdruck zumindest bei einer Erstbegegnung tatsächlich Hörschwierigkeiten gemacht haben könnten. Lyrische  und pianogetönte Passagen ging das Cuarteto Casals andererseits mit besonderer Subtilität und vibrierend warmer Tongebung an, so dass nicht zuletzt aus dem Kontrast der Klangatmosphären ein besonderer Reiz der Interpretation resultierte.
Überhaupt: die Dynamik. Das Ensemble verfügt über eine besonders breite Palette von Abstufungen. Forteausbrüche machen vor harschen Zuspitzungen des Ausdrucks nicht halt, Pianissimi verlieren sich hingegen oft im fast Unhörbaren, was in besonderer Weise auch die fünf Sätze Weberns prägte.
Wirkungen dieser Art gibt das Mendelssohn-Quartett nicht ganz her, auch wenn es einen dramatisch durchaus zugespitzten Tonfall pflegt. Bei Opus 80 handelt es sich quasi um das letzte Werk des Komponisten, der mit nur 38 Jahren an einem Gehirnschlag starb. Das dieser vom kurz zuvor erfolgten Tod seiner Schwester Fanny Hensel mit ausgelöst wurde, wäre denkbar. Nach einer mit diesem Ereignis zusammenhängenden kurzen Schreibblockade entstanden, lässt das Quartett keinen Ausdruck von Lieblichkeit zu, an den man sich bei Felix, dem „Glücklichen“, so oft erfreut. Die Musik scheint ein Aufbäumen gegen das Schicksal zu signalisieren, sie wirkt verzweifelt, zerrissen, viele Tremoli dräuen. Diese Mendelssohn-Musik macht regelrecht beklommen. Die faszinierende Widergabe durch das Cuarteto Casals wirkte nirgends beschwichtigend.



Münchner Philharmoniker


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