CSO Petrenko

Konzertkritik: Vasily Petrenko

Buntscheckig, aber exzellent

CSO in Chicago Foto: Todd Rosenberg

Das Chicago Symphony Orchestra, Paul Lewis und Vasily Petrenko
Von Christian Gohlke

(Chicago, im Januar 2015) Das Chicago Symphony Orchestra, gegründet im Jahr 1891, gehört nicht nur zu den ältesten Orchestern der Vereinigten Staaten, es wird auch zu den besten Klangkörpern der Welt gezählt. Die englische Zeitschrift Gammophone wies ihm in ihrem berühmt gewordenen Ranking den fünften Platz zu, direkt nach dem London Philharmonic Orchestra und noch vor dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Zwei Schwerpunkte lassen sich in der aktuellen Spielzeit des Orchesters ausmachen, das seit 2010 von Riccardo Muti geleitet wird, dem Nachfolger Daniel Barenboims und Georg Soltis. Zum einen widmet sich das Orchester intensiv dem russischen Repertoire, wobei der Fokus auf den Werken Tschaikowskys und Skrjabins liegt, für den sich Riccardo Muti seit langem schon besonders interessiert.
Der 90. Geburtstag von Pierre Boulez, der dem Orchester als „conductor emeritus“ eng verbunden ist, bildet den Kern des zweiten Schwerpunkts. Ein von Esa Pekka-Salonen geleitetes zweiwöchiges Festival im Mai  konzentriert sich auf die französische Musik des 20. Jahrhunderts. Dabei wird das CSO dann zum Beispiel zum ersten Mal Debussys „Pelléas et Mélisande“ aufführen. Wenn französische und russische Werke in dieser Spielzeit auch besonders im Zentrum stehen, so fehlt im Spielplan des Orchesters natürlich auch die „Austro-Germanic Tradition“ nicht: „The heart of Western classical music“ ist mit Werken von Bach bis Mahler vertreten. 
Das jüngste Konzert des Orchesters repräsentierte mit seiner Programmauswahl die aktuelle Saison, standen doch neben Beethovens 5. Klavierkonzert die Symphonischen Tänze Rachmaninows auf dem Spielplan. Eingeleitet wurde der Abend mit Edward Elgars eher selten gespielter Komposition „Im Süden“ (Op. 50), die von einer Italienreise des Komponisten im Jahr 1903 inspiriert ist und vielleicht darum besonders leicht und hell im Ton geraten ist. Zwar bezeichnete Elgar sein Werk als „concert ouverture“, doch die Nähe zu den Tondichtungen des deutschen Kollegen Strauss ist unverkennbar: Schon der Beginn erinnert an den „Don Juan“, den Elgar ja auch besonders verehrte. Vasily Petrenko, der den Abend leitete, gewann dem groß angelegten Orchesterstück herrlich intime Momente ab. Das ruhige Idyll, das Elgar mit (an diesem Abend ganz vorzüglich gespielten) Solopassagen des Horns, aber auch der Viola malt, geriet ausnehmend klangschön und so friedvoll, sodass die organischen Steigerungen am Ende mit kraftvoll leuchtenden Blechbläsern besonders markant wirkten.
Die eigentliche Sensation des Abends war allerdings Beethovens 5. Klavierkonzert – und das nicht nur, weil Paul Lewis am Flügel jede Phrase zu beseelen  und jeden Triller nicht als bloßes Ornament, sondern als Element einer durchdachten Dramaturgie zu nutzen und zu gestalten wusste, sondern weil das Zusammenspiel von Orchester und Pianist ausnehmend glücklich war. Zu sehen war das allerdings nicht. Im Gegenteil: Petrenko und Lewis schienen geradezu getrennt voneinander zu arbeiten. Sichtbare Zeichen des Aufeinander-Hörens – lächelnde Blicke, aufmunterndes Zunicken, wie man es sonst zwischen Dirigent und Pianist doch immer wieder wahrnimmt, – gab es an diesem Abend nicht. Und doch: Schöner hätte man sich ihr musikalisches Miteinander kaum denken können. Petrenko entfaltete dabei den Orchestersatz ungemein transparent und nuancenreich, und Paul Lewis begeisterte durch technische Präzision, vor allem aber durch ein atmendes, frisches Spiel. So innig er den Adago-Satz anlegte, so stürmisch und mitreißend gestaltete er den Allegro-Schluss, wobei die von den Fagotten und Hörnern getragene modulierende Überleitung zwischen den beiden Sätzen an diesem Abend zu einem Kleinod eigener Art wurde, dem Spannung und Erwartung innewohnte, weil das Thema des dritten Satzes im Klavier ja bereits leise angedeutet wird.
Ob es klug war, den Abend nach der Kostbarbeit dieser Aufführung, die nach amerikanischer Art heftig, aber kurz beklatscht wurde, mit Rachmaninows spätromantischer Üppigkeit abzuschließen, ist fraglich. Sicher, Vasily Petrenko, der zwar wie Kirill Petrenko aus Russland kommt, mit dem Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper aber nicht verwandt ist, darf gerade bei Rachmaninow als Kapazität gelten. 2012 wurde er mit der Einspielung von dessen zweiter und dritter Symphonie als Nachwuchskünstler (geboren wurde er 1976)  mit dem ECHO Musikpreis ausgezeichnet, und es gelang ihm auch in Chicago eine beeindruckende Aufführung der „Symphonischen Tänze“. Die Präzision, der Farbenreichtum, die feine dynamische Schattierung, kurzum die vom Orchester erstklassig gespielte Interpretation von Rachmaninows letztem Werk bot Grund genug zur Bewunderung. Aber von der Schönheit des Beethoven-Konzertes hatte man nach dem phantastisch entfalteten Klangrausch dieser Tänze leider nichts mehr im Ohr. Rachmaninow hat sich ja gewünscht, dass sein Opus 45 von Michel Fokin für eine neue Choreographie genutzt worden wäre, vielleicht auch, weil ihm selbst die Musik als zu arm an eigener Substanz erschien?
Dass die 1904 erbaute, schöne und ein wenig schnörkelige Konzerthalle in Chicago an diesem Abend bei weitem nicht ausverkauft, sondern lediglich zu vielleicht zwei Dritteln besetzt war, lag aber wohl kaum am eher unglücklich zusammengestellten Programm. Bei einem Orchester dieser Qualität, dessen Konzerte „in high demand and frequently sold out“ sind, wie es im Programmbuch heißt, verwundert der geringe Andrang aber schon. Vielleicht lag es an der bitteren Kälte, dass sich in Chicago, der drittgrößten Stadt der USA, in deren Großraum gut acht Millionen Menschen leben, nicht mehr Besucher auf den Weg zur noblen Michigan Avenue gemacht haben, um dort ein zwar etwas arg buntscheckiges, aber exzellent musiziertes Konzert zu erleben.

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