Countertenöre

Süßer die Counter nie singen

Männliche Weihnachtsengel: Ein Dutzend neuer CDs mit Countertenören ist in den vergangenen Wochen erschienen – ein kritischer Überblick

(Dezember, 2011) Heute brauchen sie keinen Exotenbonus mehr. Wenn Countertenöre wie Andreas Scholl, Philippe Jaroussky, Bejun Mehta, Max Emanuel Cencic, Franco Fagioli oder Carlos Mena eine neue CD veröffentlichen, ist ihnen kritische Aufmerksamkeit sicher. Und so unterschiedlich wie Timbre und Charakter der Stimmen, so verschieden sind auch Begleitung und Repertoire innerhalb Renaissance und Barock, das manchmal sogar weit ins 19. und 20. Jahrhundert vorausgreift.

Andreas Scholl hat zuletzt mit der Accademia Bizantina unter Stefano Montanari ein feines, schillerndes Purcell-Album mit Liedern und Arien veröffentlicht, für das er sogar, enorm überzeugend, den Klagegesang der verlassenen Dido kurz vor ihrem Freitod in den Flammen wagt und mit dem expressiv angerauhten "Cold Song" aus "King Arthur" erklärtermaßen Klaus Nomi seine Revererenz erweist (Decca). Auch Carlos Mena widmete sich mit dem Ricercar Consort und Counter-Kollege Damien Guillon auf allerdings sehr weiche, zurückhaltende Art dem "Orpheus britannicus" (Mirare); letzterer legte eine schöne Solo-Platte mit Lauten-Liedern John Dowlandsvor (Zig-Zag Territoires). Daniel Taylor konzentriert sich mit feiner, verschatteter Stimme auf Shakespeare-Vertonungen verschiedenster Renaissance- und Barockkomponisten mit Lauten- und Theorben-Begleitung. Er bestreitet zwar die Hälfte der CD, wechselt sich aber ab mit illustren Kollegen wie Emma Kirkby, Counter Michael Chance und Bassist Neal Davis oder singt im Verein mit ihnen (RCA). Franco Fagoli ist mit Werken von Monteverdi, Frescobaldi und Ferrari bis Händel und Vivaldi, also einem breiten Spektrum innerhalb des Barock, ein Coup gelungen (Carus). Berückend an dieser CD nur mit Begleitung von Laute, Cello und Cembalo ist vor allem, um wie vieles gereifter, runder von der Tiefe bis zum Diskant, freier, erotischer seine Stimme klingt – seit dem bereits gelungenen Debütalbum von 2003 mit Händel und Mozart – und wie klug die stilistisch perfekt gemeisterte Auswahl der kontrastierenden Stücke ist.

Deutsche Geistliche Kantaten des 17. Jahrhunderts hat Franz Vitzthum mit dem Capricornus Concert Basel unter dem Titel "Himmel-Lieder" aufgenommen. Und auch diese sanfte, enorm klare, feine Stimme besticht durch ganz charakteristischen Qualitäten, aber auch durch die im Tempo verhaltenen, ebenso todtraurigen wie jenseitssüchtigen Kantaten eines Philipp Heinrich Erlebach, Johann Hildebrand, Georg Böhm, Johann Krieger oder Johann Augustin Kobelius; schon dieses Repertoire ist eine Entdeckung, aber auch wie sich die Stimme Vitzthums seit seiner ersten CD vor zehn Jahren an der Seite der Zitherspielerin Gertrud Wittkowsky enorm weiterentwickelt hat (erscheint am 1. Januar 2012 bei Christopherus).

Der Russe Dmitry Egorov macht mit seiner bronze-dunklen, sinnlich-satten Stimme und La Stagione Frankfurt unter Michael Schneider nachhaltig auf das für den Kastraten Nicolini komponierte Repertoire aufmerksam – Allessandro Scarlatti und Händel (DHM). Auch Bejun Mehta kann unter Leitung von René Jacobs mit Händel ein großes Spektrum des Ausdrucks mit seinem warmen, dunklen Mezzos zeigen, verblüffte zuletzt aber an der Seite von Julius Drake am Flügel mit englischem Kunstlied des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ("Down by the Salley Gardens"); beide CDs erschienen bei Harmonia Mundi. Auch dies ist wieder eine schöne, gelungene Repertoire-Erweiterung. Lawrence Zazzo spannt den Bogen mit seiner expressiven, wandlungfähigen, zu lyrischem Sichverströmen wie zu dramatischem Ausdruck fähigen Stimme über vier Jahrhunderte von Dowland und Purcell über Mozart und Schumann bis zum englischen Kunstlied (Evil Penguin Records Classic).

Philippe Jaroussky sticht mit seiner hellen, flexiblen Stimme, die nicht nur enorm charakteristisch ist, sondern auch einen ganz speziellen Thrill besitzt, selbst unter den besten und reifsten Countern hervor. Wenn der junge Franzose temporeiche, koloraturgespickte oder gefühlsgesättigt weitgespannte Opernarien Antonio Caldaras für Kastraten singt, fühlt man sich ins 18. Jahrhundert zurückversetzt, denn er macht mit dem Concerto Köln unter Emmanuele Haïm noch aus der konventionellsten Phrase effektvolle, große Musik. Und weil zwei Countertenöre noch aufregender klingen als einer, hat sich Jaroussky mit Max Emanuel Cenci und Les Arts Florissants unter Altmeister William Christie ins Studio begeben. Ein fulminantes, virtuoses Album, schlicht "Duetti" genannt, ist so entstanden: Und neben ein paar exzessiven Solo-Arien ist das Zwiegesang auf höchstem Niveau – mit der Musik von Giovanni Bononcini, Francesco Bartolomeo Conti, Benedetto Marcello, Francesco Mancini und Nicola Porpora. Der helle, ungemein flexible hohe Mezzo Jarousskys und die nicht minder höhensichere, fein metallisch legierten Stimme Cencis scheinen sich genauso lust- und sehnsuchtsvoll übertreffen zu wollen wie ihnen die Vereinigung gelingt. Melancholisch fein Gesponnenes wechselt mit irrwitzig Geträllertem. Und wenn die beiden gestandenen Männer als Nachtigallen in "Quando veggo un’usignolo" von Francesco Conti in den höchsten Tönen um die Wette zwitschern, dann ist das Glück des Hörens vollkommen (Virgin).

Klaus Kalchschmid

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