Cosi fan tutte Rom

Schule der Liebenden

Foto: Opera di Roma

Mozarts "Cosi fan tutte" an der Staatsoper Rom, inszeniert von Graham Vick, dirigiert von der römischen Dirigentin Speranza Scapucci
Von Thomas Migge
(Rom, Ende Januar 2017) Eine Schultafel mit der Aufschrift „Cosi fan tutte" und der Untertitel „La scuola degli amanti". Die Tafel wird kurz nach der Ouvertüre hochgezogen und die Handlung kann beginnen. Eine Handlung, die der britische Regisseur Graham Vick in eine moderne Schule, in einen Klassenraum verlegt hat. Eine Entscheidung, die einen guten Teil des traditionellen römischen Publikums so sehr verstört hat, dass der am Ende der Premiere zahllose „Buhs" auf Vick nieder rasseln ließ. Unverdienterweise. Denn Vicks fünfte(!) Cosi-fan-tutte-Inszenierung ist sicherlich eine seiner besten. Selten passen ein Mozart-Libretto und eine zeitgenössische Inszenierung so perfekt zusammen.
Lehrer Don Alfonso hat alle Hände voll zu tun, den beiden verliebten Schülern Ferrando und Guglielmo etwas beizubringen. Man hat den Eindruck in einer antiautoritären Schule zu sein, denn der Lehrer plant den Liebes- und Betrugskomplott mit seinen beiden Schülern während der Unterrichtszeit, um die Treue der beiden Schülerinnen Fiordiligi und Dorabella zu prüfen. Despina hingegen wurde von Vick in die Rolle einer Raumpflegerin gesteckt.
Der einzige deutliche Bruch zwischen der Schulhandlung und der Oper aus dem späten 18. Jh. ist das Verhalten von Ferrando und Guglielmo, die sich wie zwei Radaubrüder aufführen, Graffitti mit den Namen ihrer Freundinnen an die Wände sprühen und ihren Lehrer mit zusammengeknülltem Papier bewerfen. Das kollidiert mit ihrem perfekten Hochitalienisch des Rokoko, das mit ihrem flegelhaften Benehmen nicht recht zusammenpasst. Aber das war auch schon der einzige zu bemängelnde Bruch in dieser gelungenen Inszenierung.
Man hätte für die Besetzung keine besseren Sänger und Darsteller wählen können. Francesca Dotto und Chiara Amaù interpretieren überzeugend die beiden blutjungen, verliebten und verführbaren Frauen Fiordiligi und Dorabella. Vito Prianto als Guglielmo und Ober-Spitzbube sowie Juan Francesco Gatell als Ferrando überzeugen mit ebenso stimmlich und mit ihren Youngster-Darbietungen in Sachen Bewegung und Spiel.
Pietro Spagnoli als Don Alfonso ist ein stimmlicher perfekter und schauspielerisch gelungener Lehrer und Mentor, der die Lektionen der Liebe und der Treue lehrte. Umwerfend die erfahrende Mozartexpertin Monica Bacelli als Despina. Vick läßt sie in schmuddeliger Schürze auftreten, aber sehr lebenserfahren.
Vicks Regie und die Bühnenbilder und Kostüme von Samal Blak wirken im ersten Teil der Oper ungemein überraschend. Dass Mozartopern modern aufgeführt werden ist ja selbst in Rom inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr. Aber die Handlung in eine Schule zu verlegen und die beiden jungen Liebespaare zu „verknallten" Youngstern zu machen, das war schon durchaus neu.
Enttäuschend das Dirigat der zwar in Rom geborenen aber zum ersten Mal am römischen Opernhaus dirigierenden Speranza Scapucci. Ihre Leistung war solide, aber auch nicht mehr. Bei Mozart erwartet man sich mehr interpretatorische Frische. Lag es an Scapucci oder am Orchester? Wohl eher nicht am Orchester, das seit einigen Jahren immer wieder beweist, dass es zu besten Italiens gehört, vorausgesetzt ein Dirigent nimmt es tatkräftig an die Hand – siehe den „Tristan“ und Gatti (Besprechung auf KlassikInfo.de)


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