Così fan tutte, Köln

Schule der Liebenden

Fiordiligi (Sabina Cvilak) Foto: Paul Leclaire

Tatjana Gürbaca inszeniert Wolfgang Amadeus Mozarts "Così fan tutte" in Köln
(Köln, 24. November 2012) Gleich zwei Mozart-Neuproduktionen ("Le Nozze di Figaro" und "Così fan tutte")  bietet die Kölner Oper kurz hintereinander. Das war noch eine Spielplanentscheidung des drei Jahre lang segensreich wirkenden, dann geschassten, 2014 aber in Wiesbaden neu startenden Intendanten Uwe Eric Laufenberg. Er hätte beide Werke auch selber inszeniert, mit Rückgriff auf Arbeiten an seiner früheren Wirkungsstätte Potsdam. Die "Così"-Dekorationen hätten sogar kostensparend übernommen werden können. Aber es gab heftige Auseinandersetzungen um finanzielle Ansprüche, getroffene Vereinbarungen mit der Stadt wurden im Nachhinein unterschiedlich interpretiert. Das alles endete in einem besonders tiefen Zerwürfnis zwischen Laufenberg und dem Kulturdezernenten Georg Quander.

Der macht aktuell schon wieder Schlagzeilen, indem er dem neuen Intendanten des Schauspiels, Stefan Bachmann (ab 2013/14) Förderungsgelder zukommen lässt und dafür bei der Oper nochmals streicht. Dagegen hat die neue Opernchefin Birgit Meyer, eigentlich eine Frau von höflicher Zurückhaltung, öffentlich protestiert und dafür von Quander einen "Maulkorb" verpasst bekommen, wie seinerzeit Laufernberg auch. Es brodelt also wieder im Opern-Köln; Ausgang ungewiss. Wenigstens schreitet die auf dei Jahre veranschlagte Sanierung des alten Opernhauses rüstig voran. Was dann ab 2015 in seinen Mauern an Aufführungsqualität noch geboten werden kann, bleibt freilich abzuwarten und regt zu Gedankenspielen an. Eine frühere Ensemblesängerin scherzte damit, dass sie möglicherweise nach Wiesbaden ziehen würde.
Tröstlich ist jetzt allerdings der Eindruck von Kölns neuer "Così fan tutte" in der Ausweichspielstätte "Palladium", wo die Akustik entschieden besser ist als in dem ehemaligen Musical-Zelt, jetzt "Oper am Dom" geheißen. Der erste Eindruck kommt von Mozarts Musik, ganz aus sich wirkend, ohne ablenkendes Bühnenhasten des Ensembles wie zuletzt bei "Figaro". Man kann sich also darauf konzentrieren, wie sauber und virtuos (Holzbläser-Läufe) das Gürzenich-Orchester spielt, welch festes und doch schlankes Klangbild unter Konrad Junghänel realisiert wird. Ihm eignet zwar eine sehr spezielle Dirigiertechnik (man könnte an eine Nähmaschine denken). Allein was tut’s, wenn Mozarts Werk im Sinne eines "dramma giocoso" solcherart Gerechtigkeit widerfährt?
Damit regelt sich auch sehr schnell der erste Eindruck, den Sabina Cvilak mit ihrer Fiordiligi hinterlässt. Die slowenische Sopranistin vertritt das lyrische Fach, doch weisen manche Passagen bereits auf eine Zukunft mit jugendlich-dramatischen Partien hin. Der Felsen-Arie ("Come scoglio") kommt das sehr zugute, wird so doch Fiordiligis Treueüberzeugung per "seria"-Affekt nachdrücklich unterstrichen, während "Smanie implacabili" trotz musikalisch ähnlicher Ausdrucksmittel Dorabellas Charakter sehr viel leichtgewichtiger, wankelmütiger zeichnet. Sabina Cvilak versteht es im übrigen auf faszinierende Weise, dynamische Vorgaben ihrer Soloszene auch als emotionales Changieren (Abwehr und Hingabe) nachvollziehbar zu machen.
Ob Ingrid Erbs Ausstattung auch dem Sparzwang des Hauses geschuldet ist? Die Vorhanggardine, welche von Despina immer wieder geöffnet oder geschlossen wird, scheint auf den ersten Blick im Sommerschlussverkauf erstanden worden zu sein: heller Flatterstoff, leicht geknittert. Vor der wehenden Fläche spielt sich die Introduktion ab. Auch die "Wohnung" der Schwestern, welche über die ganze Aufführung hinweg erhalten bleibt, erweckt in ihrer kühlen Geometrie kaum optisches Wohlgefühl. Doch immer stärker widerfährt durch diese Nüchternheit dem Charakter des Werkes Gerechtigkeit. Don Alfonsos lehrerhaft gut gemeinte, aber intellektuell hochtrabende Intrige wirkt in diesem Umfeld wie einem der Dramen des Marivaux entnommen, besonders seiner "Labor"-Komödie "Spiel von Liebe und Zufall". Der erweiterte Titel von "Così" lautet ja auch "Sia la scuola degli amanti" ("Die Schule der Liebenden"). Tatjana Gürbaca greift bei den Textprojektionen ihrer Inszenierung auf Heiner Müllers "Quartett" (1980) zurück.
Anfangs tut die Regisseurin, Operndirektorin in Mainz, des Guten ein wenig zu viel. Ferrando und Guglielmo vergnügen sich beim Federballspiel, reagieren mit Schulterklopfen und extrovertierter Mimik auf jeden da Ponte-Satz, -Halbsatz oder auch nur jedes -Wort. Das weicht aber bald einer wirklich sinnprägenden Bewegungschoreografie. Zwei der schönsten Momente der Inszenierung sieht das Libretto nicht vor. Ferrando singt in "Un‘ aura amorosa" von der Verwandlungskraft der Liebe. Zu dieser herrlichen Musik finden sich die anderen Protagonisten am Bühnenrand zur Gruppe zusammen, vorausgegangene Aufregungen werden irrelevant, weichen einem höher angesiedelten Frieden auf Zeit. Fiordiligis "Per pietà, ben mio, perdona": Don Alfonso, der Zweifler an Treue und Liebe, hört mit, wie verzweifelt die junge Frau mit sich ins Gericht geht, pendelnd zwischen Ferrando und Guglielmo,  die sich ebenfalls als stumme Personen eingefunden haben.
Alfonso kommt in dieser Inszenierung vielleicht etwas zu gut weg, seine Präsenz bei Fiordiligis Arie hätte am Schluss eigentlich eine markante Reaktion verlangt. Dorabella und Guglielmo finden in scheuer, zögerlicher Umarmung wieder zusammen, aber glücklich wirkt das kauernde Paar nicht. Fiordiligi, von allen Ereignissen wohl am tiefsten getroffen, steigt in Ferrandos Kriegsuniform, geht solo von der Bühne ab in eine sicher ungewisse Zukunft, aber in eine, wo sie wirklich "ihren Mann" stehen wird. Tatjana Gürbaca liefert eine wirklich Mozart würdige Inszenierung, in Zeitlosigkeit verortet (Kostüme aus unterschiedlichen Jahrhunderten), den Ernst des Sujets immer wieder nachdrücklich anpeilend, darüber aber seine heitere Gelassenheit nicht aus dem Auge verlierend.
Attraktiv und mit geschmeidiger Stimme gibt Katrin Wundsam die Dorabella. Matthias Klink, der einst im Kölner Opernstudio begann und in den letzten Jahren als "Heimkehrer" Hoffmann, Don José, Jim Mahoney, Alfredo und Pierre Besuchow ("Krieg und Frieden") verkörperte, hat sich für den Ferrando erstaunliche Mozart-Lyrik bewahrt. Als Darsteller ist er ebenso überwältigend wie Miljenko Turk, über dessen immer so eloquentes Singen kaum noch neue Worte des Lobes zu finden sind. Claudia Rohrbach, als Despina ebenfalls at her best, ist wie dieser ein Kölner Liebling. Vollsaftig gibt Carlo Lepore den Alfonso.
Was bei der vom Publikum frenetisch aufgenommenen Aufführung über ihre musikalische und szenische Qualität hinaus beglückt: sie bewahrt die seit Laufenberg erreichte Qualitätshöhe und beweist das in einem Moment, wo von außen neuerlich Gefahr droht. Immer nur alleine aus eigener Kraft wird’s aber wohl nicht ewig gehen.
Christoph Zimmermann

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