Claude Vivier

Tödliche Musik

Ein Nachtkonzert für Claude Vivier mit dem Münchener Kammerorchester in der Pinakothek der Moderne
(München, 5. Dezember 2009) Diesmal hat es sich mehr als gelohnt, schon eine Stunde vor dem nächtlichen Komponistenporträt um 22 Uhr in der Pinakothek der Moderne bei der Einführung dabei zu sein. Denn der Schriftsteller Albert Ostermeier las zu Beginn aus "Sing für mich Tod! Ein Ritual" über Claude Viviers letzte Tage. Ein "Requiem" hat er damit für die diesjährige Ruhr-Triennale geschrieben, fast möchte man sagen "komponiert". Denn unprätentiös, hart an den Fakten und doch in höchstem Maße poetisch versucht Ostermeier den gewaltsamen Tod des 35-jährigen Komponisten in einem Pariser Hotelzimmer 1983 zu fassen.
Als man den durch einen Stich ins Herz Getöteten fand, war sein Stück "Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele" gerade an dem Punkt angekommen, wo ein junger Mann der "Claude" genannten Hauptfigur einen tödlichen Stich versetzt. Herbeigesehnter oder gar inszenierter Tod? Ostermeier nennt den – mittlerweile wieder entlassenen – Mörder "den geheimen jungen Freund aus der Imagination, der immer realer wird", der sich auf die Reise macht, bis er sein Gegenüber findet – und tötet. In Worten verdichtet sich hier das Leben eines Künstlers und homosexuellen Mannes, der auch eine "lustige, schmutzige, brutale, dunkle, laute, wilde Seite hatte"; der ein Leben lang als Waisenkind seine Mutter suchte, der aus dem Priesterseminar geworfen wurde, weil er mit den Mönchen, die er alle "Vater" oder "Bruder" nennen durfte, schlafen wollte; "… um sich zu finden", lässt ihn Ostermeier sagen, der auch auf einer langen Asien-Reise vor allem eines suchte, seine Identität.
"Zipangu" (das alte Wort für "Japan" in China) aus dem Jahr 1980 brachte diese Sehnsucht im ersten Teil der folgenden "Nachtmusik" auf den Punkt: Die links sitzenden Geigen kontrastieren zu den tieferen Streichern, in der Mitte der Kontrabass wie ein Keil. Durch erhöhten Bogendruck bohrt sich die eigentlich schönheitstrunkene, emphatische, intensive Melodik fast unangenehm in die Ohren, erhält sie im Gegenüber der beiden Streichergruppen etwas Zwanghaftes, Kämpferisches, das sich auch am Ende nicht löst, wenn die melodischen Linien des Anfangs über wildem Tremolo der tiefen Streicher wiederkehren. Dazwischen allerdings brach eine Sologeige lebendig und frei aus dem Kollektiv aus, einsame Stimme der Freiheit, die schnell wieder in die Zwangsgemeinschaft zurückgeholt wird.
Die verschiedenen Teile von "Learning" (1976) für vier Violinen, die eigentlich im Schneidersitz spielen sollten und mit denen die Nacht begann, wurden jeweils durch einen Gongschlag fast wie im Boxkampf unterbrochen, bevor ein nur wenig abgewandeltes Medititieren einsetzte. Anfangs klang das ganz nach Schubert-Nähe, am Ende war es rhythmisch und melodisch höchst lebendig geformt. Dagegen nahm sich das erste Streichquartett des Zwanzigjährigen als geradezu klassisches Werk der zeitgenössischen Musik aus, das unvermittelt abbrach, als gerade der zweite, langsame Teil seinen Höhepunkt erreicht hatte.
End- und Höhepunkt dieser ungemein spannenden und beeindruckenden Nacht war dann "Wo bist du Licht!" von 1981 für Mezzosopran, Percussion, Streicher und Tape. Eine Art Solo-Kantate auf einen Text Viviers ist das, beginnend wie mit Kanonenschlägen, dann aufgerauht und verfremdet durch die Tonbandzuspielung von Hölderlins rätselhaftem "Blinden Sänger" sowie Auszügen aus Martin Luther Kings "I have a dream" vom 28. August 1963, einer Radiosendung über die Ermordung Robert Kennedys sowie einem Text aus Vietnam über die Folter. Über sich stetig verändernden, mal verdichtenden, mal lockerer gefassten Streicherclustern, die Akzente setzen oder einen undurchsichtigen Klangteppich bilden, erhebt sich die Stimme der Kanadierin Annick Béliveau. Nicht zuletzt deren leichter Akzent gibt der emphatisch dunklen Vertonung – oft gegen den natürlichen Sprachduktus komponiert – zusammen mit ihrem herb-schönen Timbre und dem immer wieder in "Wo bist du, Licht!" kulminierenden Stück einen großartigen Ausdruck. Auch das Münchener Kammerochester bewies unter Alexander Liebreich einmal mehr nicht nur großartige Präzision, sondern auch eminente Einfühlung in die Gedanken-, Klang- und Ausdruckswelten Claude Viviers.
Klaus Kalchschmid

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