Cimarosa Oper Salzburg

Im Seifenopern-Museum

Foto: Silvia Lelli


Beim Pfingstfestival in Salzburg dirigierte Riccardo Muti eine Oper von Domenico Cimarosa – oberflächlich wie eine Seifenoper

(Salzburg, 26. Mai 2007). Musikalische Ausgrabungen haben immer ihre Problematik, bezogen sowohl auf das Objekt der Exkavierung als auch auf die Qualität der Neupräsentation. Vieles schlummert zu Recht in der Vergessenheit dahin; manches hingegen, was der Entdeckung wert war, wurde und wird neu entdeckt.
Die Salzburger Pfingstfestspiele stehen seit heuer – zunächst für drei Jahre – unter der künstlerischen Leitung Riccardo Mutis, der sich seit langer Zeit für die Wiederentdeckung vergessener Werke der neapolitanischen Schule des 17. und 18. Jahrhunderts stark macht. Vor einigen Jahren schon hat er in Ravenna den Versuch unternommen, ein neues Festival zu initiieren, das es sich zur Aufgabe machte, genau dies zu tun. Er ist damit, wie er selbst eingesteht, gescheitert. In Salzburg scheint er damit nun – wenn man den enthusiastischen Beifall nach der Premiere von Domenico Cimaros Oper buffa „Il ritorno die Don Calandrino“ am Freitag vor Pfingsten als Maßstab nimmt – mehr Erfolg zu haben.
Aber sehen wir genauer hin. Worum geht es in der 1778 für Rom entstandenen Oper? In Trockenberg („Monte Secco“) herrscht Aufbruchsstimmung, insbesondere unter heiratswilligen jungen Frauen: Don Calandrino soll nach Studien im Ausland (= Neapel) nach Hause zurückkehren. Andere heiratshungrige Männer sind vorhanden. Die Beziehungsbegierden laufen kreuz und quer, ebenso das Bedürfnis, sich gebildet zu zeigen. Am Schluß finden sich die Richtigen. Mehr will die Oper nicht sagen, die mit (italienischen) Wortspielen und Situationskomiken nicht geizt, aber – auch musikalisch – immer an der Oberfläche bleibt. Nur einmal, im 1. Akt, streift ein dunkler Schatten über die Figuren (den Muti mit großer Aufmerksamkeit ausspielt). Der Rest ist neapolitanische Soap Opera. Nicht besser und nicht schlechter als viele andere Opern dieser Zeit, seien sie nun von Cimarosa, Paisiello oder anderen verfasst. Cimarosa erweist sich als versierter Komponist, der alle Register zu ziehen weiß; das Libretto, dessen Verfasser nicht genau bekannt ist, gibt sich (insbesondere in den Rezitativen) in Maßen witzig, in den Arientexten belässt er’s bei (zum Teil frauenfeindlicher) Meterware und tritt im 2. Akt auf der Stelle. Da passiert gar nichts, und manch ein nördlicher Regisseur würde hier harsche Striche ziehen.
Damit sind wir beim Regisseur: Ruggero Cappuccio macht feine italienische Regie, bleibt an der Oberflche (was sich bei dieser Oper ohne Tiefgang anbietet), bemüht Mimen und Akrobaten, die sich putzig bewegen und durch die Lüfte wirbeln. Die Kostüme sind vom Feinsten und das Bühnenbild ist so schwerelos wie nur möglich. Viele phantastische Einfälle erzeugen Augenblicksvergnügen. Aber insgesamt wird man den Eindruck nicht los, dass in dem Stück mehr Potenzial an Anspielung, Parodie und Kritik an parvenuehaften Attitüden vorhanden wäre, als ausgeschöpft wurde. Was bleibt, ist seichter Edelklamauk, mehr nicht. Der kommt freilich gut an bei einem Publikum, das unterhalten, nicht gefordert sein will.
So bleibt´s – auch vom Angebot her – bei einem Besuch im Seifenoper-Museum, mit einem engagiert spielenden Jugendorchester (dem von Muti gegründeten Orchestra Giovanile „Luigi Cerubini“), und engagiert bis hervorragend singenden jungen Sängern, die Muti-gemäß sehr oft an der Rampe anzutreffen sind. Das ist in Italien halt so Standard und tut der Inszenierung insgesamt wenig Abbruch. Noch weniger der Begeisterung der Ränge, die sich am Schönen fürs Auge und fürs Ohr delektiert. Für Letzteres sorgt Maestro Muti, der seinen Cimarosa abschnurrt, wie’s Tradition ist. Das ist nicht schlecht, aber beileibe nicht die einzige Möglichkeit, mit dieser Art von Musik umzugehen.
Auf das neapolitanische Meisterwerk müssen wir freilich weiter warten; und es ist fraglich, ob Giovanni Paisiellos „Il matrimonio inaspettato“ uns im nächsten Jahr zu Pfingsten in Salzburg eine solche Begegnung der anderen Art bescheren wird.
Anton Sailer       

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.