Chronik der Berliner Staatsoper

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Kunst und Politik

Misha Aster stellt die bewegte Geschichte der Berliner Staatsoper im 20. Jahrhundert vor

Von Robert Jungwirth

Als am Abend des 14. Dezember 1925 nach fast 100 Proben Alban Bergs Oper „Wozzeck“ an der Berliner Staatsoper erstmals über die Bühne ging, war allen Beteiligten klar, dass dies ein herausragendes Ereignis ist. Bergs Porträt eines ausgebeuteten und gedemütigten Mannes nach Georg Büchners Drama, traf den Nerv der Zeit mit ihren extremen sozialen Spannungen. Die Staatsoper und ihr Musikchef Erich Kleiber bildeten mit dieser Produktion damals die Speerspitze der europäischen zeitgenössischen Opernproduktion. Kaum zu glauben, dass am gleichen Ort 24 Jahre davor Richard Strauss‘ vergleichsweise harmlose Oper „Feuersnot“ aus Zensurgründen abgelehnt worden war. Das war freilich noch zur Kaiserzeit.

Strauss wurde dann zwar sogar Generalmusikdirektor der Berliner Oper, lag aber die meiste Zeit im Clinch mit der störrischen preußischen Administration, der er es mit seinen hohen Honorarforderungen und gewünschten Privilegien aber auch nicht gerade leicht machte, wie der Historiker und Musikwissenschaftler Misha Aster in seiner Chronik der Staatsoper im 20. Jahrhundert darlegt. „Obwohl seine Beschwerden über das veraltete Hofsystem mit den Klagen vieler anderer übereinstimmten, die sich im unorganisierten Dienst dieser Institution abmühten, war Strauss kaum der Sprecher des einfachen Mannes. Er verdiente durch einen Monat Dirigieren (allein in Berlin und ohne Tantiemen) mehr als der feste Regisseur des Hauses in einem Jahr und pro Vorstellung so viel wie ein Chorsänger in zehn Monaten.“

Unter fünf verschiedenen politischen Systemen musste sich die Berliner Staatsoper im 20. Jahrhundert behaupten. Und sich oft genug in erheblichem Maß dem jeweiligen herrschenden politischen Zeitgeist unterordnen. Das betraf nicht nur die Stückeauswahl, sondern reichte mitunter bis zu Rollenbesetzungen und Wünschen nach Umarbeitungen von Werken. So forderte die DDR-Führung etwa Umarbeitung des „Lukullus“ von Dessau und Brecht.
Dennoch habe das Haus über alle zeitbedingten Schwierigkeiten seine herausgehobene Stellung und künstlerische Würde behaupten können, so Aster. Kultur sei das verbindende Element in einem Zeitalter der Extreme und zeige die „bleibenden Wurzeln, die das Überleben Deutschlands gesichert und genährt haben“.

Detailliert beleuchtet Aster die wechselnden Führungsteams des Theaters vor dem jeweiligen zeitgeschichtlichen, kulturpolitischen und politischen Hintergrund, ihre künstlerischen Profile und Ziele. Die Ausführlichkeit und intensive Quellenrecherche auf über 500 Seiten werden den durchschnittlich interessierten Leser womöglich etwas überfordern. Asher bietet weniger ein unterhaltsames Lesebuch über eine Kulturinstitution von Weltrang als vielmehr eine überbordende wissenschaftliche Stoffsammlung, die manchmal auch etwas aus dem Ruder läuft.
Das ist vor dem Hintergrund des großen öffentlichen Interesses zur Wiedereröffnung der Lindenoper in diesem Herbst nach langer Renovierung umso bedauerlicher, hätte man sich doch eine informative, aber auch gut lesbare Chronik gewünscht. Aster hält sich auch zu sehr mit einer Vielzahl von Personalien auf und langwierigen Schilderungen des Strebens nach Macht und Einfluss verschiedener Dirigenten, Intendanten oder anderer Personen der Administration.

Schade ist auch, dass trotz oder wegen der Fülle des dokumentarischen Materials die Beschreibung und Bewertung der künstlerischen Leistungen des Hauses und seiner bedeutenden Künstler zu kurz kommt. So ist Asters Chronik der Berliner Staatsoper zwar ein verblüffend faktenreiches, aber auch recht mühsames Lesevergnügen geworden.

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