Christian Tetzlaff, Paavo Järvi

Klangfantasien und musikalische Extase

Paavo Järvi (Foto: Mark Lyons) und Christian Tetzlaff (Foto: Giorgia Bertazzi)

Der Geiger Christian Tetzlaff und das Orchestre de Paris begeistern unter der Leitung von Paavo Järvi das Kölner Publikum
(Köln, 13. November 2012) "Es gibt ein Reich, wo alles rein ist". Diese Hofmannsthal-Zeile aus "Ariadne auf Naxos" von Strauss kam einem in den Sinn, als das Orchestre de Paris unter Paavo Järvi das dritte Violinkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart (KV 216) zu intonieren begann. Vor fünf Jahren, als der Klangkörper zum letzten Male in der Kölner Philharmonie gastierte, war Järvi noch nicht Chefdirigent, aber es hatten sich bereits gute Beziehungen aufgebaut, die dann in die Leitungsübernahme mündeten. Järvis Vertrag läuft erst einmal bis 2015/16, dann kommt eine weitere Verpflichtung beim NHK Symphony Orchestra in Tokio hinzu. Die Direktion des hr-Sinfonieorchesters hat Järvi schon längere Zeit inne, und mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen tritt er weiterhin regelmäßig auf. Ein Rastloser, so scheint es (wie sein Vater Neeme übrigens auch), und doch gehört zu den hervorstechenden Merkmalen des Dirigenten Ruhe und Gelassenheit. Zumindest äußerlich – denn seinen Interpretationen ist oft feuriges Temperament eigen, was sich besonders exemplarisch bei seiner Deutung der Beethoven-Sinfonien zeigt.
Auch das Mozart-Konzert ging Paavo Järvi entschieden an, doch wahrte er Charme und Eleganz der Musik. Hier traf er sich ideal mit dem Solisten Christian Tetzlaff. Auch dieser pflegt, wie seine Körperbewegungen sofort erkennen lassen, ein durchaus energisches Spiel, welches aber gleichzeitig eine fast schon magische Süße verströmt: Töne wie Leuchtspuren. So sehr Christian Tetzlaff die Aufmerksamkeit auch auf sich zog, es war nicht zuletzt das Zusammenwirken von Solist und Begleitung, welches die Widergabe so reizvoll machte. Faszinierend auch die delikaten Orchesterfarben, bei welchen vor allem die Holzbläser, namentlich die Flöten, eine wichtige Rolle spielten.
Järvis Klangfantasie hatte bereits bei Maurice Ravels "Le tombeau de Couperin" gefesselt. Der Name des Werkes führt eigentlich etwas in die Irre. Ravel hat keine Friedhofsmusik geschrieben, der Charakter der meisten Sätze ist sogar beschwingt. Begonnen hatte er das Werk bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Klavier-Suite und erst nach Rückkehr vom Feld die sechs Sätze gefallenen Kameraden gewidmet. Diese "private" Akzentuierung vermag der unbefangene Hörer kaum nachzuvollziehen, auch nicht bei der wenig später entstandenen, viersätzigen Orchesterfassung. Man sollte im Auge behalten, dass der eigentliche Anstoß für das Werk ein Zeitungsartikel war, der sich – bei besonderem Blick auf François Couperin – mit barocken Tanzformen beschäftigte. Paavo Järvi und das Orchestre de Paris taten denn auch alles, um Eleganz und Schwebeleichtigkeit der Musik zu verwirklichen, aparte instrumentale Kolorierungen hervorzuheben.
Der denkbar größte Kontrast erfolgte nach der Pause mit Igor Strawinskys "Sacre du printemps". Järvi setzte das in seiner Sperrigkeit immer noch herausfordernde und spieltechnisch heikle Werk langsam unter Strom, nachdem er das Stimmengeflecht des Beginns sorgfältig entwirrt hatte, und steigerte es bis zur Extase. Bestechend aber auch der Beginn des zweiten Teils ("Le sacrifice") mit seiner geheimnisvollen Nachtstimmung, bei welcher das makellos intonierte Duett zweier Trompeten nachgerade wie eine Sternschnuppe wirkte. Der Schluss des Werkes mit seinem "Salome-Triller" deutet übrigens an, dass Strawinsky die Oper seines jüngeren Kollegen gekannt hat.
Christian Tetzlaff hatte noch einen zweiten glänzenden Auftritt  mit Henri Dutilleux‘ "Sur le même accord". Dieses Werk, dessen Titel bereits kompositionstechnische Hinweise gibt, hat der über achtzigjährige Komponist für Anne Sophie-Mutter geschrieben, geistvoll in seiner Mischung aus brillanter Technik und geigenspezifischer Färbung. Geistvoll war auch die finale Zugabe des Orchesters, das Vorspiel zu Georges Bizets "L’Arlésienne". Wie Strawinskys "Sacre" steigert sich hier die folkloristisch gefärbte Musik in einen bacchantischen Taumel hinein. Bei anderer Gelegenheit wählt Paavo Järvi als Ausklang ja gerne den "Valse triste" von Jean Sibelius, wo sich der Orchesterklang in der Unhörbarkeit eines Pianissimo-Nebels aufzulösen scheint.
Christoph Zimmermann

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