Chowantschtina

Im Bann des Unvermeidlichen

Foto: Wilfried Hösl

Kent Naganos zweite Premiere an der Bayerischen Staatsoper in München: „Chowanschtschina“ von Modest Mussorgskij
(18. März 2007) Armes Russland! Schwer hat das riesige Reich an seiner Geschichte zu tragen. Reformideen mehr oder minder erleuchteter Herrscher brachten dem Volk immer wieder Leid und Tod. Unerbittlich geführte Machtkämpfe prägen den Lauf der Geschichte. Es scheint schwer, in Russland fröhliche Gedanken zu entwickeln. Ein Komponist wie Modest Mussorgskij bestätigt den Betrachter darin. Finster tönt die Musik des eigenwilligen Spätromantikers, und in finstere Welten schaut, wer sich auf die Stücke einlässt. Das gilt für seine Oper „Boris Godunow“, die bekannteste des russischen Repertoires. Das gilt vielleicht noch mehr für „Chowanschtschina“, Mussorgskijs zweiter Oper, an der er zehn Jahre lang arbeitete und sie dennoch als Torso hinterließ – Mussorgskij kam nicht mehr dazu, sie zu instrumentieren. In Fertigstellungen von Rimskij-Korsakow, Strawinsky und Schostakowitsch hat sich „Chowanschtschina“ einen legendären Ruf erworben als die große seltsame, mystische, rätselhafte unter den Opern. Die Bayerische Staatsoper hat nun den Versuch gewagt, Licht in die Abgründe dieser in Musik gefassten Geschichtsaufarbeitung zu werfen. Motor dieses Unternehmens war Kent Nagano, der seit Beginn dieser Saison amtierende Generalmusikdirektor.
Wie schwer sich der Komponist mit der Aufgabe tat, nicht nur ein Stück russischer Geschichte, sondern gleichsam die Essenz der russischen Seele in Musik zu fassen, merkt man nicht nur daran, dass er die Oper nicht mehr fertig stellen konnte. Er rang auch darum, die historische Handlung um den Kampf altgläubiger Russen gegen die Religionsreformen des Zaren Peters des Großen am Schicksal von Personen fest zu machen. Zwar gibt es mit dem Fürsten Chowanskij, seinem Sohn Andrej, dem Fürsten Golizyn und dem geistlichen Oberhaupt Dossifeij Figuren, die im Zentrum der Handlung stehen. Aber sie gewinnen kaum Kontur als Menschen, bleiben Auslöser von Vorgängen, die sie selbst offenbar nicht beeinflussen können. Mächte, die sich nicht artikulieren, steuern die Geschichte. Das russische Volk hat dieses zu erdulden – oder zu sterben. In „Chowanschtschina“ wählen die Betroffenen die zweite Lösung.
Für die Inszenierung ist in München einer zuständig, der wissen muss, wie es um Russland bestellt ist. Regie führte der 1969 in Moskau geborene Dmitri Tcherniakov, der in Berlin mit seiner Sicht auf „Boris Godunow“ für Aufsehen gesorgt hatte. Er sei, anders als die meisten seiner russischen Kollegen, vom Regietheater nach deutscher Art begeistert, erklärte Tcherniakov in einem Interview. Und was man auf der Bühne des Nationaltheaters zu sehen bekommt, bestätigt dies: In einem zweistöckigen Aufbau mit vier rechteckigen „Fensteröffnungen“ zeigt Tcherniakov, der auch die Bühne entworfen hat, Szenen, wie sie sich in jüngster Vergangenheit oder der Gegenwart zugetragen haben könnten, ohne sich auf eine spezifische Zeit zu verpflichten. Also keine Anklage an den bolschewistischen oder stalinistischen Terror oder den Kampf Putins gegen Chodorkowskij, sondern eine Beschreibung von Terror und Leid allgemeinen. Dazu gelingt es dem Regisseur auch, die Figuren einigermaßen griffig auf den Bühnenboden herunter zu holen und sie als Menschen fassbar zu machen. Sichtbar, aber entrückt – auch weil von Mussorgskij nicht als Rolle vorgesehen – bleibt Zar Peter als oberster Drahtzieher. Man erlebt den andauernden Kampf der Pseudo-Mächtigen mit ihrer eigenen Ohnmacht. Ein Zustand, der in Russland vermutlich überzeitlich gültig ist. Einiges entgleitet dem Regisseur in reinen Aktionismus. Es wird auch ein bisschen viel geschossen auf der Bühne. Wie eine große Meditation gibt sich dagegen der fünfte Akt, in dem sich die bedrängten Strelitzen zum Freitod entschließen, und der Chor die Szene beherrscht.

Chowanschtschina. Doris Soffel (Marfa), John Daszak (Golizyn), Valery Alexejev (Schaklowity), Anatoli Kotscherga (Dossifej), Paata Burchuladze (Iwan Chowansky)
Foto: Wilfried Hösl

Letztlich bleibt auch dem Zuschauer keine andere Wahl, als sich dem gewaltigen Strom dieser vertrackten Geschichte auszuliefern. Dabei hilft ihm Mussorgskij mit seiner Musik, die von Dmitri Schostakowtisch kongenial mit der ganzen Palette des Orchesterklanges ausgeleuchtet wurde und in München vom Staatsorchester unter Kent Nagano faszinierend vielschichtig umgesetzt wird. Ist es vielleicht das Wesen der russischen Seele, nach einer Weile des Kampfes jeden Widerstand aufzugeben und sich zu fügen in das, was unvermeidlich scheint?
Jedenfalls erlebte man als Zuhörer, dass die anfängliche Irritation über die kaum verständliche Handlung einem gebannt sein von der Stärke, der Größe der Musik wich. Mussorgksijs Musik hält sich nicht auf, sie schildert keine individuellen Gemütszustände, befasst sich nicht mit den Niederungen des iridischen Lebens. In ihrem Schwingen und Klingen, das Schostakowitsch aus dem schwer orgelnden Bassfundament heraushebt, scheint sie von einem großen Plan zu künden, der sich in der Selbstverbrennung der Altgläubigen im Finale erfüllt. Auf den Wogen dieser Musik taumeln die Gestalten in ihr Schicksal, werden dabei irr, verbannt oder weise. Kent Nagano nutze die Gunst dieser vier Stunden, sich nicht nur als minuziöser Analytiker komplexester Partituren, sondern auch als Klang-Magier zu empfehlen. Aus dem reichlich beschäftigen Chor und dem Orchester macht er eine verschworene Gemeinschaft.
Als Leitgestalten treten Anatolij Kotscherga als Dossifej, Paata Burchuladze als Fürst Chowanskij und Doris Soffel als Marfa hervor. Ihnen hat Mussorgskij schöne Momente zugedacht, die durch diese Künstler ihre vokale Erfüllung finden. Die beiden Bassisten sind regelrechte Prachtkerle ihres Faches, die ihren Mussorgskij jederzeit abrufbereit haben.
Fast scheint es, als habe Kent Nagano erst mit „Chowanschtschina“ seine Visitenkarte in München abgegeben. Und zwar als ein hochenergetischer und disziplinierter Gestalter der großen Form, der genau weiß, wie sich auch das gewaltigste Ganze aus der Genauigkeit im Detail bildet. Das in Ton und Bild zu erleben ist das wahre Ereignis des Abends.
Laszlo Molnar

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